Brigitte Kronauer

Zweideutigkeit

Essays und Skizzen
Cover: Zweideutigkeit
Klett-Cotta Verlag, Stuttgart 2002
ISBN 9783608933345
Gebunden, 320 Seiten, 21,50 EUR

Klappentext

Nach dem Erfolgs-Romans "Teufelsbrück" legt Brigitte Kronauer mit ihrem neuen Buch Texte aus zehn Jahren vor: Prosastücke, die zu den verschiedensten Anlässen entstanden. Literarische Rezensionen zu zeitgenössischen Schriftstellern und großen, von ihr neu gelesenen Autoren der Literaturgeschichte. Ein bei einem Zürich-Aufenthalt entstandenes literarisches Tagebuch. Und zuletzt Ansprachen, die im weiteren Sinn von der Literatur in unserer Gesellschaft handeln. Ein neuer Blick fällt auf die beiden Giganten der angelsächsischen Literatur, Melville und Conrad. Lou Andreas-Salome wird einmal nicht als Gefährtin berühmter Männer, sondern als Schriftstellerin gewürdigt.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Rundschau, 26.02.2003

Brigitte Kronauers Formulierungen ihrer Ästhetik sind "maritim grundiert", resümiert Heribert Kuhn. In einem Kapitel über Herman Melvilles Roman "Mardi" geht die Autorin zum Beispiel ihrer Vorliebe für die "zwielichtige Freiheit ozeanischer Leere" nach, wobei das Wort "zwielichtig" für Kuhn zum Schlüsselwort des ganzes Essay(band)s wird. "Zwielichtig" steht für "zweideutig", erklärt Kuhn. Das Wort fasse Kronauers "wahrnehmungsutopisches Programm", das auf Vieldeutigkeiten, den Wechsel von Schärfe und Unschärfe, Facettenreichtum, Zwischenräume ausgerichtet ist. Kronauers Literatur und Literaturbegriff steht in einem "vertrackten Verhältnis" zum fünfziger Jahre-Programm der Franzosen, insbesondere Robbe-Grillets, meint Kuhn. Leider vertieft Kronauer dieses Verhältnis nicht weiter, bedauert er, obwohl ihre Illuminations-Ästhetik eine mögliche "Romantisierung des nouveau roman" sein könnte. Dort, wo sich Kronauer dezidiert literaturästhetisch äußert, sieht der Rezensent eine eher untypische Belanglosigkeit gegeben. Kronauers Erkundung und Erhellung der Zonen "maritim-kosmischer Finsternis" bei Melville oder Conrad oder ihre Betrachtungen von Marienbildnissen oder von Lou Andreas-Salomés Verhältnis zur russischen Ikonenmalerei dagegen scheinen Kuhn wesentlich konkreter und fassbarer.

Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 30.01.2003

Kleine "Apologien" versammelt dieser Band, sowie Porträts und Gedichtinterpretationen, erklärt Rezensentin Andrea Köhler und nennt das Ganze kurzweg "Gelegenheitstexte", deren "Gültigkeit" sich allerdings keineswegs in dieser Gelegenheit erschöpfe. Denn Brigitte Kronauers "Potpourri" entfalte eine "durchgehende Denkfigur", eine im Werden begriffene Poetologie. Die Rezensentin ist beeindruckt von Kronauers "Empfindungsgenauigkeit", die in der "sprachlichen Perspektivierung" eine geradezu "welterweiternde" Wirkung findet. In der Tat sei "alles an dieser Sprache Präzision", meint die Rezensentin und nennt die Autorin beschwingt eine "Dompteuse kunstreich retardierender Satzverläufe, Zuchtmeisterin des exakt placierten Ausrufezeichens". Wie der Titel des Bandes schon andeute, habe es der Leser mit einem Plädoyer "gegen die Rechthaberei der Eindeutigkeit" zu tun, das sich, wie Köhler es formuliert, "anmutig und aufrührerisch" "für eine 'gesprenkelte' Welt" ausspreche. Das "Schwanken der Wirklichkeit" werde hier "ebenso eingefangen wie produziert", im "Wechselspiel zwischen feierlichem Augenaufschlag und skeptischem Blick". Und das - könne niemand so gut wie Brigitte Kronauer.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 20.12.2002

Zorn, Staunen, Ärger, Dankbarkeit - Heinrich Detering hat beim Lesen viel durchgemacht. Er warnt in seiner Rezension vor "den Risiken eines solchen Sammelbandes", wo "sich manches, was als Einzeltext gewinnend war, in der Häufung als Marotte und Kniff verrät". Der Band, informiert er uns, bestehe vor allem aus Artikeln, die Brigitte Kronauer in der "Zürcher Woche" veröffentlicht hat, aber auch aus Texten einiger anderer Autoren. Dass Kronauer nicht einen großen Teil ihrer schlechteren Texte weggelassen hat, ist dem Rezensenten unbegreiflich. So aber schicke Kronauer den Leser auf eine Berg- und Talfahrt bei der "neben dem Zauberhaften plötzlich das Läppische steht, neben dem Glanzstück das Missglückte". Der Rezensent leidet an den Schwachstellen, weil er Kronauer, die "Meisterin des Details und der sprachlichen Nuance" sehr schätzt: Er räumt zwar ein, dass in den vierseitigen Artikeln kaum Platz bleibt, einen Gedanken vernünftig auszubreiten, aber die handwerklichen Mängel und die vielen "schiefen Bilder" entschuldigt er nicht: "Man möchte das Buch an die Wand werfen bei solchen Stellen, damit der Frosch nur rasch wieder zum Prinzen werden."
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Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 10.12.2002

Der Titel "Zweideutigkeit" birgt das Motiv, um das Kronauers Denken und Schreiben kreist, verrät Kristina Maidt-Zinke: oder auch Ambivalenz, Dialektik, Zwielicht, Doppelsinn, Janusköpfigkeit, alles "Hilfsbegriffe", die Kronauers Texte strukturell wie motivisch auszeichneten. Der vorliegende Band enthält Vorträge aus Kronauers Heidelberger Poetikdozentur, Essays, Reden zu verschiedenen Anlässen, Rezensionen von Büchern, Betrachtungen über Autoren, alles Texte aus dem vergangenen Jahrzehnt. Es müsse anstrengend sein, vermutet die Rezensentin, sich ständig zur "sprachlichen Durchleuchtung und formvollendeten Fixierung des Geschauten" getrieben zu fühlen. Ein einsamer Job. Doch offenkundig sei der Spaß größer als die Einsamkeit, hält Maidt-Zinke fest, ein Vergnügen für die Autorin, den Begriff Dialektik mit Leben zu füllen und ihr ungetrübtes Denken glasklar und durchaus sinnenfreudig formuliert unter Beweis zu stellen. Bei Kronauer, lobt Maidt-Zinke, greifen Reflexion und Anschauung aufs Eleganteste ineinander, ohne dass man den Denkfiguren, den Sprachgebilden die Mühen anmerken würde. Gerade auch in ihren Begegnungen mit anderen - toten und lebenden - Schriftstellern wirkten Einfühlungsvermögen und analytische Schärfe nebeneinander.
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