Bertram Otto

Wussten wir auch nicht, wohin es geht ...

Erinnerungen 1942-1947
Cover: Wussten wir auch nicht, wohin es geht ...
Universitas Verlag, München 2000
ISBN 9783800413980
Gebunden, 288 Seiten, 20,40 EUR

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 17.04.2001

Als wichtige Ergänzung zur Aktenhistoriographie betrachtet Friedrich Karl Fromme die Erinnerungen der älteren Jahrgänge, die die NS-Zeit noch persönlich erlebt haben und die sich jetzt vermehrt zu Wort meldeten. Den beiden von ihm besprochenen Büchern ist eines gemeinsam: die katholische Abstammung der Autoren, die dennoch in völlig verschiedene Lebenskontexte hineingeboren wurden. Wie sie sprachlich mit ihrer Vergangenheit verfahren, dazu äußert sich der Rezensent leider nicht, der doch gerade dazu aufrufen will, solche Erlebnisberichte als mehr als erzählte "Geschichte von unten" zu betrachten.
1) Hans Josef Horchem: "Kinder im Krieg. Kindheit und Jugend im Dritten Reich"
Horchem war, informiert uns Fromme, von 1969 bis 1981 Leiter des Hamburger Verfassungsschutzes. Er stammt aus dem erzkatholischen Metternich in der Eifel, einer Bergbaustadt, die - wie Horchems Elternhaus - stark vom sozialdemokratischen Arbeitermilieu geprägt war. Die Protestanten waren den katholischen Bewohnern des Städtchens fremder als die Juden; heftigen Antisemitismus habe Horchem persönlich kaum erlebt, berichtet Fromme, wohl aber Bücherverbrennung, HJ-Drill und Militär. Seine persönlich erlebten Episoden aus jener Zeit seien eingebettet in eine durch Dokumente belegte Darstellung der Epoche, die wie von selbst auf die Frage "Wie konnte das geschehen?" stoßen würde. Zufällige Erlebnisse und Zeugenschaft wurden verdrängt und "führten zu schlimmen Ahnungen und später Scham" - eine Spielart der Ahnungslosigkeit, die der Autor laut Fromme analysiert.
2) Bertram Otto: "Wussten wir auch nicht, wohin es geht ... Erinnerungen 1927 bis 1947"
Bertram stammte gleichfalls aus katholischem Hause, wuchs aber in der evangelisch-hallensischen Diaspora auf, so der Rezensent. Gegen den Willen der Eltern trat er in die Hitlerjugend ein; zum Wendepunkt kam es, berichtet Fromme, als Hitlerjungen einen katholischen Gottesdienst aufmischten. Bertram trat aus der HJ aus, was ihn nicht daran hinderte, Offiziersanwerber zu werden. Er überstand der Krieg als Teil der "Führerreserve", aber wessen schützende Hand den jungen Mann unbeschadet durch die Kriegsjahre führte, weiß oder verrät Fromme zumindest nicht. Er findet es interessant, dass Ottos Teilbiografie über das Jahr 1945 hinausgeht: nachdem die Russen Halle besetzt hatten, gab es wohl vieles, das den Autor an das alte System erinnert hätte. Dieser machte sich dann 1947 in den Westen davon. Über den weiteren beruflichen Werdegang Ottos erfahren wir nichts.

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