Die junge Mutter Tiff schlägt sich mit schlecht bezahlten Online-Jobs für die Plattform Automa durch, da sie wegen einer Angststörung ihre Wohnung kaum verlassen kann. Ihre zermürbende Akkordarbeit wird als angebliche Überwachungsleistung einer KI teuer verkauft, weshalb sie zur Verschwiegenheit verpflichtet ist. Doch dann wird sie am Bildschirm Zeugin eines Verbrechens …
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 07.05.2022
Rezensentin Wiebke Porombka schätzt, wie wenig "pauschal" Berit Glanz' Roman verfährt. Denn auch wenn es darin um eine durch ihre Arbeit traumatisierte Content Cleanerin namens Tiff und die in anderweitig prekären Arbeitsbedingungen tätige Stella geht, deren Handlungsstränge durch einen verschwindenden Mann verknüpft sind, liegt hier keine Technik-Dystopie vor, meint Porombka. So stehe der zermürbenden digitalen Arbeit Tiffs nicht nur plakativ der nachbarschaftliche Zusammenhalt in der analogen Welt gegenüber, sondern darf auch der digitale Raum ein solidarischer sein, wie die Kritikerin anerkennend feststellt. Durch solche Differenzierungen wird der Roman für sie zur Anti-Dystopie, die sich nicht zum simplen technikkritischen "Fatalismus" verleiten lässt, lobt Porombak - über die sprachliche Schlichtheit sieht sie angesichts dieses "Muts zum Optimismus" gerne hinweg.
Rezensentin Hobrack gefällt, wie Berit Glanz auch in ihrem neuen Buch wieder Technokritik übt, ohne allzu pessimistisch zu werden. Die Geschichte erzählt auf zwei Handlungsebenen von der alleinerziehenden Tiff, die für einen geringen Lohn Überwachungsvideos sichtet und katalogisiert, während die junge Stella ihr Geld als Aushilfe in einer Fischfabrik und dann in einer Cannabis-Plantage verdient. Die beiden Figuren vereint die Frage nach der mechanischen Arbeit im Verhältnis zum Digitalen, analysiert Hobrack, und wie Glanz dabei hinterfrage, wer im "skopischen Kapitalismus" (Eva Illouz) eigentlich wen überwache oder ob die Überwachung am Ende nicht sogar nur ein Selbstzweck sei, findet die Kritikerin spannend. Sprachliche Finesse stehe dabei zwar nicht im Vordergrund, und am Ende gehe es vielleicht etwas arg versöhnlich zu - insgesamt lobt Hobrack aber die "kluge Ambivalenz", mit der Glanz die Technik und ihre "Offenheit" verhandle.
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