Arbeitslosigkeit gibt es als Begriff und als sozialen Status erst seit dem Ende des 19. Jahrhunderts. Zuvor hatte man ein paar Wochen Arbeit, dann wieder nicht, wer arm war, verdingte sich als Saisonarbeiter. Erst mit Industrialisierung und Bevölkerungswachstum und der damit einhergehenden Sorge des Bürgertums angesichts eines wachsenden Proletariats ergab sich staatlicher und politischer Handlungsbedarf. Benedicte Zimmermann rekonstruiert die Genese eines sozialen Problems von den ersten Debatten bis zur Gründung einer Pflichtversicherung gegen Arbeitslosigkeit. Sie nimmt die Akteure in den Blick,von lokalen Verwaltungen über Gewerkschafter, Arbeitgeber und Sozialwissenschaftler bis zu den Politikern, aber auch den Wandel der politischen Sprache, die den Arbeitslosen als solchen benannte. So zeigt sie die langsame Entstehung einer sozialen Institution, die heute eine Grundlage des Arbeitsrechts in Deutschland bildet.
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Rundschau, 08.08.2006
Hochinstruktiv findet Thomas Kreuder diese umfangreiche Untersuchung zur Arbeitslosigkeit in Deutschland, die die Soziologin Benedicte Zimmermann vorgelegt hat. Besonders für die von Zimmermann packend nachgezeichnete Entstehung der Kategorie Arbeitslosigkeit interessiert sich Kreuder - schließlich gab es bis weit in die zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts dafür nicht einmal einen Begriff. In diesem Zusammenhang bescheinigt er der Autorin, die Diskussionen zur Begriffsbildung sowie die langwierige, oft widersprüchliche und von zahlreichen Kämpfen begleitete Entwicklung bis zur Einrichtung einer gesetzlichen Arbeitslosenversicherung 1927 anschaulich zu schildern. Insbesondere die prägnante Darstellung von Anlässen, Motiven und maßgeblichen Akteuren der jeweiligen Positionen zur Arbeitslosigkeit hat Kreuder überzeugt.
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