Als sich Albrecht Dürer (1471-1528) an der Wende zum 16. Jahrhundert mit der Darstellung des nackten Menschen, also dem Akt, auseinanderzusetzen begann, gab es diesen Begriff noch gar nicht. Die Gattung wie das Sujet waren in der Nachantike vom Primat religiöser Bilderwelten abgelöst worden und in Vergessenheit geraten. Dürer sprach deshalb von nacketen Bildern. Vor allem in Zeichnungen erkundete Dürer immer wieder den menschlichen Körper, den weiblichen wie den männlichen, studierte systematisch dessen Proportionen, versuchte sich sogar am eigenen Aktportrait. Nur wenige dieser Studien fanden später Eingang in seine Druckgrafik, noch viel seltener ins gemalte Tafelbild. Unabhängig von Vorbildern und dem gängigen Schönheitsideal begründete Dürer damit als erster Künstler der Renaissance den Akt als Kunstgattung.
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Rundschau, 14.05.2014
Einem neuen Albrecht Dürer begegnet Arno Widmann in diesem Band der Kunsthistorikerin Anne-Marie Bonnet, einem Dürer jenseits von altdeutscher Meistermalerei. Für Widmann ein Ereignis. Wenn Bonnet den Nürnberger Künstler als Aktmaler präsentiert, ist Widmann sicher, einem Avantgardisten bei der Arbeit zuzusehen, keinem Handwerker. Der laut Widmann großzügig ausgestattete Band erlaubt dem Rezensenten die Ergebnisse in Augenschein zu nehmen und festzustellen, dass Dürers Aktmalereien allesamt Konstruktionen sind, nicht nach dem Leben, sondern nach einem Ideal geschaffen. Für Widmann keine ganz kleine Erkenntnis.
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