Klappentext

Von den 68er-Müttern im Aufbruch hat eine Töchtergeneration den Auftrag erhalten, die Welt zu verbessern - das Waldsterben und die Aufrüstung zu stoppen, ein Zimmer für sich allein zu haben, gemeinsam stark zu sein -, und diesen Auftrag kann Sandra nicht vergessen. Mit vierzig Jahren und als Mutter zweier Kinder ist aus ihr eine Art Kassandra vom Prenzlauer Berg geworden. Sie sieht, dass die Ideale der Elterngeneration im Alltag verloren gehen, auf dem Spielplatz versanden, im Plenum der Hausgemeinschaft ad absurdum geführt werden. Alles auszusprechen, ist offenbar keine Lösung, weggehen kann sie jedoch auch nicht, außerdem genießt sie ihre Privilegien. Sie feiert die Kindergeburtstage wie früher, wie Pippi Langstrumpf, doch der Kern der Utopie ist nicht mehr da. Und die bodentiefen Fenster machen den Alltag allzu durchsichtig. Am Ende geht es ins Müttergenesungswerk: "Damit Mama wieder lacht." Bodentiefe Fenster - bodenlose Gegenwart.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Rundschau, 18.08.2015

In ihrem Roman "Bodentiefe Fenster" erzählt Anke Stelling von einer offenbar zynischen Berlinerin, die nach außen hin ganz in der Mittelschichtsidylle des Prenzlauer Bergs aufzugehen scheint, innerlich jedoch vor Verachtung für das "Öko-Getue" und die zur Schau gestellte gute Laune nur so strotzt. Christina Lenz findet Stellings suadahafte Prosa "nicht übermäßig poetisch", aber "herrlich analytisch". Auch den "didaktisch-lehrhaften Sound" kreidet sie der Autorin nicht negativ an, sondern erkennt darin engagierte Literatur. Nur dass die Protagonistin keine andere Haltung zu ihrer Welt entwickelt, sondern in hilfloser Enttäuschung verharrt, bedauert die Rezensentin.

Rezensionsnotiz zu Die Zeit, 30.07.2015

Wenn heute noch jemand Romane über die Berliner Prenzl'berg-Mütter schreibt, dann meist als billige "Demontage des Lieblingsfeindes", weiß Moritz Scheper. Zunächst scheint Anke Stelling mit "Bodentiefe Fenster" in ebendiese, schon reichlich tiefe Kerbe zu schlagen, so der Rezensent, aber dann gelingt ihr das Unfassbare: statt den Feind zu demontieren, demontiert sie das Feinbild, erklärt Scheper. Stelling überführt die heiteren Anekdoten in einen "seriösen Kommentar zur Erschöpfungsgesellschaft", der echtes Interesse an der Psyche ihrer Protagonistin weckt und damit die Fähigkeit zur Empathie, fasst der Rezensent zusammen.

Rezensionsnotiz zu Die Tageszeitung, 30.05.2015

Kopfnickend lesend hat Susanne Messmer Anke Stellings Roman über Mutterleid im Prenzlauer Berg gelesen. Gern hätte sie mehr geschmunzelt dabei, gern auch mal über die glücklichen Momente so einer im Grunde höchst bemitleidenswerten Existenz (da ist Messmer sich sicher) gelesen. Das "grauenhafte" Milieu der Alles-richtig-Macher im Gebärmutterbezirk Berlins findet sie im Text dennoch weitgehend anschaulich, echt und vor allem einmal aus der Innenperspektive einer Frau gezeichnet. Letzteres veranlasst Messmer sogar dazu, das Buch als Konzeptroman zu lesen, der an die Frauenliteratur und die Emanzipationsbewegungen der Siebziger anknüpft.