Andrzej Bart

Knochenpalast

Novelle
Cover: Knochenpalast
Schöffling und Co. Verlag, Frankfurt/Main 2014
ISBN 9783895612961
, 192 Seiten, 18,95 EUR

Klappentext

Aus dem Polnischen von Albrecht Lempp. Warschau in den fünfziger Jahren: Die Lyriklektorin Sabina lebt mit ihrer Großmutter, ihrer Mutter und ihrem Bruder Arkadiusz zusammen. Sie ist nahezu dreißig Jahre alt, aber unverheiratet und damit in den Augen der anderen eine alte Jungfer. Die Großmutter ist das Familienoberhaupt, die Mutter beugt sich widerspruchslos allen Anordnungen des Regimes, der Bruder malt Traktoristinnen und pflegt Kontakte zu den Parteigranden - zu seinem eigenen Vorteil. In Sabina regt sich zaghafter Widerstand, als ihre Familie nach einem Dekret eine alte Dollarmünze aushändigen soll, ein Erinnerungsstück an den Großvater. In ihrem Bauch soll die Münze ein sicheres Versteck finden.Überraschend tritt ein anscheinend perfekter Verehrer in ihr Leben, der sich als Agent entpuppt, von ihrem Geheimnis weiß und Sabina erpressen will. Sie muss handeln.

Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 02.08.2014

In seinem Roman "Knochenpalast" entwirft der polnische Autor und Regisseur Andrzej Bart das Bild eines russischen Satellitenstaats "zwischen Nervosität und Stillstand", in dem eine Lyriklektorin zur heimlichen "Rebellin gegen Diktatur und Willkür" wird, als das Regime von seinen Bürgern sämtliche Goldmünzen einziehen möchte, berichtet Björn Hayer. Täglich schluckt die Protagonistin Sabina eine geerbte amerikanische Münze mit dem Freiheitsemblem drauf, um sie vor der Konfiszierung zu retten, und als ein Geheimpolizist ihr auf die Schliche kommt und sie erpressen will, vergiftet sie ihn kurzerhand und lässt die Leiche verschwinden, fasst der Rezensent zusammen. Die drei Frauen, die "wache Lebensgeister zum Anfassen" sind und ein Faible für lustige Anekdoten haben, und die filmische Erzählweise des Autors machen dieses Buch zu einer "Mixtur aus nostalgischem Metro-Goldwyn-Mayer-Epos und pfiffiger Agenten- und Krimikomödie", so Hayer.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 23.05.2014

Andrzej Barts Novelle "Knochenpalast" ist ein Kind von "Rien ne va plus", jenes Romans, mit dem Bart seinen Durchbruch feierte, berichtet Marta Kijowska, denn die Protagonistin Sabina ist gewissermaßen eine "literarische Reinkarnation" der altjungferlichen Verlagslektorin Bozena, die im Roman täglich eine alte Dollarmünze verschluckte, ausschied, reinigte und wieder verschlang, um die verordnete Abgabe fremder Währung unter Stalin zu umgehen, erklärt die Rezensentin. Bart hatte sich mit ihrem Selbstmord im Roman nicht abfinden können, also hat er ihre Geschichte einfach neu geschrieben: mit dem Giftschrank einer Apothekertochter bewehrt legt sich Sabina mit dem "Humphrey-Bogart-Verschnitt" eines Agenten an, der ihr Geheimnis bedroht, fasst Kijowska zusammen. War "Rien ne va plus" Barts Durchbruch, begründet "Knochenpalast" endgültig den Starkult, der ihn in Polen umgibt, verrät die Rezensentin.
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Rezensionsnotiz zu Frankfurter Rundschau, 16.05.2014

Für "Knochenpalast" hat der polnische Autor Andrzej Bart sein Drehbuch zum Film "Rewers" zu einem Roman ausgebaut, erkärt Katrin Hillgruber, die den filmischen Ursprung des Stoffs in prägnanten Dialogen und einer szenischen Erzählweise noch durchschimmern sieht. Die Handlung dreht sich um die Lyriklektorin Sabine in Warschau im Winter 1952/1953, um ihren Bruder, ihre Mutter und Großmutter, die in einem "Klima der unbestimmten Angst und Repression" leben und auf verschiedene Weisen versuchen, sich mit dem Kommunismus zu arrangieren. Neben Barts fulminanten Vorgänger "Die Fliegenfängerfabrik" nimmt sich "Knochenpalast" vielleicht ein wenig blass aus, ist aber wie dieser von der "giftgrün schillernden, maliziösen Ironie geprägt", für die der Autor bekannt ist, versichert die Rezensentin, die ausdrücklich noch den Übersetzer Albrecht Lempp würdigt, der 2012 verstorben ist.
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