Andreas Reckwitz

Die Transformation der Kulturtheorien

Zur Entwicklung eines Theorieprogramms
Velbrück Verlag, Weilerswist 2000
ISBN 9783934730151
gebunden, 704 Seiten, 76,18 EUR

Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 01.07.2000

In einem ausgreifenden Essay über eine "Rückkehr der Kulturkritik" bespricht Ludger Heidbrink dieses Buch zusammen mit Geoffrey Hartmans "Das beredte Schweigen der Literatur" (Suhrkamp) und Dirk Baeckers "Wozu Kultur?" (Kulturverlag Kadmos). Heidbrink konstatiert dabei zunächst, dass die moderne Form der Kulturtheorie und -kritik nichts mehr mit ihren Vorläufern zur Weimarer Zeit zu tun habe, die sich meist auf den Protest gegen die technische Zivilisation beschränkten.
1) Andreas Reckwitz: "Die Transformation der Kulturtheorien"
Wesentlich pragmatischer scheint da Reckwitz mit dem Kulturbegriff umzugehen: er scheint ihn nach Heidbrink vor allem als einen Gewinn für die soziologische Forschung und Methoden anzusehen. Wenn man Heidbrinks Referat richtig versteht, so scheint für Reckwitz der Kulturbegriff die Beschreibung von gesellschaftlichen Differenzen und Bezugssystemen zu ermöglichen, die bei universalitischen Ansätzen untergehen würden. Etwas genervt äußert sich Heidbrink aber über Reckwitz` "immensen" theoretischen Aufwand - von Alfred Schütz bis Pierre Bourdieu - angesichts dessen die Resultate am Ende etwas dürftig blieben.
2) Geoffrey Hartman: "Das beredte Schweigen in der Literatur"
Für Heidbrink scheint Hartman unter den drei besprochenen Autoren am ehesten noch ein Nostalgiker eines älteren, humanistisch geprägten Kulturbegriffs zu sein. Der Rezensent legt dar, wie Hartman, mit Dichtern wie Shelley und Keats im Gepäck, vor allem gegen "differenztrunkene Multikulturalisten" angeht, die aggressiv und selbstbesessen nur noch ihren Platz in den modernen Gesellschaften verteidigen wollen. Dagegen halte Hartman an einem Kulturbegriff fest, der es erlaube, sich dem Fremden anzunähern, ohne es gleich absolut zu setzen oder es zu leugnen. Dabei bleibe Hartman aber genau so weit entfernt von einem reaktionären Kulturbegriff, der in der einen oder anderen Weise auf "völkische" Verwurzelungen zurückgreifen wolle. "Vage und diffus" bleibt Hartman nach Heidbrink allerdings immer, wenn er auf die durchaus empfundene und formulierte Gefahr eingeht, dass sein Kulturbegriff utopisch sein könnte.
3) Dirk Baecker: "Wozu Kultur?"
Hier weist Heidbrink zunächst darauf hin, dass Baecker aus Niklas Luhmanns Systemtheorie kommt, die er mit Hilfe des Kulturbegriffs auch überwinden zu wollen scheint. Zwar sehe Baecker die "Kultur" wie Luhmann als einen "Begriff zweiter Ordnung" an, aber sie gebe - anders als "Politik" oder "Wirtschaft" - "Hinweise auf die Alternative des Systems zu sich selbst". Auch für Baecker, so Heidbrink, zeige die Kultur also "das Ungenügen der existierenden Ordnungen" an sich selbst an und liefere Hinweise auf ihre Überwindung.

Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 03.06.2000

Gegen den "reduktiven Naturalismus der Neurowissenschaften", so Hans-Dieter Gondek, richten sich heuer die neueren soziologischen Kulturtheorien. So jedenfalls hat Reckwitz seine Arbeit angelegt, und bezieht den früher geschmähten Strukturalismus mit ein, wodurch er eine "Theorie sozialer Praktiken" entstehen lässt. Durch kritische Analyse von Levy-Strauss bis Bourdieu, von Alfred Schütz über Erving Goffmann bis zu Charles Taylor dekliniert der "sehr junge" Autor am Begriff des "Selbst" die soziologischen Prämissen durch und schafft damit, so Gondek, "ein an Umfang und Qualität einem Handbuch adäquaten Überblick über ein wichtiges Segment moderner soziologischer Theorien". Gondek schränkt sein Lob für diese Arbeit nur dort ein, wo er dem Autor einen verkürzten Text- und Kulturbegriff anlastet. Ansonsten aber scheint ihm der Neubeginn des Verlages "Velbrück Wissenschaft", an deren Gründung zwei frühere Lektoren der Reihe Suhrkamp-Wissenschaft, nämlich Brühmann und Herborth, beteiligt waren, durch diesen Band seinen hohen Anspruch ohne weiteres einzulösen.
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