Am Rande Berlins lebt die Intelligenz
Kleinmachnow, mein Großvater und die Reklame fürs Volk

Friedenauer Presse, Berlin 2025
ISBN
9783751880503
Gebunden, 298 Seiten, 25,00
EUR
Klappentext
Als sich der Werbegrafiker Andreas Nießen (1906-1996) in die bereits bei UFA-Größen wie Heinz Rühmann und später führenden "Kulturschaffenden" wie Christa Wolf beliebte Künstlersiedlung zurückzog, hatte er bewegte Jahre hinter sich. Ab 1927 leitete er die Eigenwerbung des einflussreichen Berliner Zeitungsverlags Mosse, erhielt 1937 Berufsverbot wegen der Ehe mit der Jüdin Ella Mayer, die nach der Scheidung mit der gemeinsamen Tochter nach Amsterdam floh und nur knapp der Deportation entging. Er überstand den Einsatz in der Propagandakompanie an der Ostfront und zog 1954 mit seiner zweiten Familie an den Rand Berlins, wo er sich neu erfand als Gestalter von Auftragswerbung für volkseigene Betriebe und DDR-Ministerien. Als seine Arbeiten als "unsozialistisch" verworfen wurden, geriet er in die Fänge der Staatssicherheit, die ihn als Kopf eines oppositionellen Kreises von Künstlern und Intellektuellen überwachte. Kleinmachnow als zeitentrücktem Ort kam dabei eine vergleichbare Rolle für die sozialen Interaktionen im Künstlermilieu zu wie etwa dem Weißen Hirsch in Dresden für das dortige Akademikermilieu, das sich vom Sozialismus abkapselte - und durch seine Inselbildung zugleich gut für diesen sichtbar war. "Am Rande Berlins lebt die Intelligenz" erzählt die Geschichte eines tief in das 20. Jahrhundert verwickelten Künstlerdaseins. Es ist die Geschichte eines Überlebens und der politischen Kompromisse in der Kultur- und Medienszene von der Weimarer Republik bis zur Wiedervereinigung.
Rezensionsnotiz zu
Deutschlandfunk Kultur, 22.01.2026
Rezensent Michael Opitz ist nicht überzeugt davon, wie Andreas Möller in diesem Buch den Lebenslauf seines Großvaters Andreas Nießen aufarbeitete. Möller zeichnet nach, wie der Werbegrafiker und Schriftkünstler Nießen eine Jüdin heiratete und Anfang der 1930er Jahre in einer jüdischen Firma Karriere machte, sich in der Nazizeit dann allerdings von seiner Frau scheiden ließ und sich mit dem neuen Regime arrangierte. Wie er überhaupt Zeit seines Lebens - geboren ist er 1906 - in fünf verschiedenen politischen Systemen immer gut zurechtkam und nie aneckte. Ein klassischer Opportunist, urteilt Opitz, Möller gesteht das in seinem Buch bisweilen auch ein, gleichzeitig aber will er den Opa zu einem Oppositionellen stilisieren und schneidert sich dazu die Fakten dieses Lebens auf fragwürdige Weise zurecht. Von der Stasi wurde Nießen etwa nicht einmal ein Jahr lang bespitzelt, durchweg arbeitete er für DDR-Ministerien. Dissidenten sehen anders aus, findet Opitz, der nicht den Eindruck hat, dass Möller dem Lebenslauf seines Großvaters mit dieser Veröffentlichung gerecht wird.
Rezensionsnotiz zu
Die Welt, 07.01.2026
Rezensent Tilman Krause lässt sich von dem Berliner Autor Andreas Möller gern ins Kleinmachnow der DDR-Jahre nehmen, etablierte sich hier doch ähnlich wie in Hiddensee oder Ahrenshoop ein "Biotop der Intelligenz", in das sich unter anderem Christa Wolf oder der Architekt Hermann Henselmann zurückzogen. Ebenso der Grafiker Andreas Nießen, Großvater des Autor, dem dieser sich in diesem Buch respektvoll annähert: Nießen, Bildungsbürger alter Schule und seinen Goethe stets im Gepäck, erhielt in der DDR zunächst noch staatliche Aufträge - bis er aneckte, als er die DDR als "großes KZ" bezeichnete, lesen wir. Über seine Rolle im NS-Deutschland ist trotz eingehender Recherche hingegen weniger zu erfahren, informiert Krause. Das Buch hat er jedenfalls mit Gewinn gelesen.
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 08.11.2025
Mit Gewinn liest Rezensent Thomas Wagner das essayistische und mit großem Rechercheaufwand betriebene Buch von Andreas Möller über dessen Großvater, den Grafiker Andreas Nießen. 1906 im Rheinland geboren, zieht er in den 1920er Jahren nach Berlin, die Printmedien treten ihren großen Siegeszug an und Nießen bekommt eine Stelle im jüdischen Zeitungsverlag Mosse, erfahren wir. Wagner liest, dass der Protagonist eine jüdische Frau geheiratet hat, diese flieht im NS nach Holland, er bleibt in Deutschland, wird aber nie zum Nationalsozialisten, nach dem Krieg wird er zum kritischen Intellektuellen in der DDR. Der Kritiker liest hier in dieser Biografie konzentriert eine deutsche Geschichte des 20. Jahrhunderts, auch mit erzählerischem Anspruch des Verfassers.