Ali Smith

Die Zufällige

Roman
Cover: Die Zufällige
Luchterhand Literaturverlag, München 2006
ISBN 9783630872339
Gebunden, 320 Seiten, 19,95 EUR

Klappentext

Aus dem Englischen von Silvia Morawetz. Eine englische Familie macht Ferien in einem Sommerhaus in Norfolk, wie immer. Der Vater Michael, ein Literaturprofessor, trifft sich ab und zu in der Stadt mit Studentinnen. Die Mutter Eve, eine erfolreiche Autorin, versucht, ihre Schreibblockade zu überwinden. Der 17-jährige Magnus verkriecht sich, weil er glaubt, am Selbstmord einer Mitschülerin schuld zu sein. Die 12-jährige Astrid beschäftigt sich mit ihren Gedanken und sieht sich das Leben durch ihre Digicam an. Alles ganz normal also bis plötzlich Amber auftaucht, barfuß, geheimnisvoll, charismatisch. Keiner kennt sie, aber jeder denkt, sie sei eine Freundin der anderen. Man fragt nicht nach, man ist ja so cool. Und Amber, die eigentlich Alhambra heißt, nach dem Kino in einem fernen Land, in dem sie gezeugt wurde, lügt sich ihren Weg in die Familie hinein. Sie ist exotisch, ungewöhnlich, unübersehbar. Sie wirft Astrids Digicam weg, verführt Magnus, sagt Michael die Meinung und küsst Eve auf den Mund. Sie bringt das feste Gefüge der aneinander vorbeilebenden durchschnittsneurotischen Familie ins Wanken, und als sie wieder verschwindet, ist jeder der Vier ein anderer geworden.

Rezensionsnotiz zu Die Tageszeitung, 06.01.2007

Ins Leben einer mehr nebeneinander her als miteinander lebenden Familie platzt eine junge Frau namens Amber, über die man wenig mehr erfährt, als dass sie in einem Kino geboren ist und dass sie den Familienzusammenhang sogleich reichlich durcheinander bringt - wenn auch letztlich mit heilsamer Wirkung. Die Verführbarkeit des an der Uni lehrenden Vaters führt sie vor, tut sich dann aber mit dem Sohn zusammen. Der steht nach dem Tod einer Freundin ziemlich neben sich, Amber hat beruhigende Wirkung auf ihn. Bestechend an Ali Smiths Roman findet die Rezensentin Anne Kraume, wie Ali Smith den Chor der sich abwechselnden Erzählerstimmen zu orchestrieren versteht und die Versuche der Figuren, ihre je eigenen "Komplexitätsreduktionen" vorzunehmen, durch die Darstellung von sprachlichen "Floskeln" und "Obsessionen" entlarvt.

Rezensionsnotiz zu Die Zeit, 09.11.2006

Rezensent Thomas David ist schwer begeistert von diesem mitreißend erzählten Roman, der aus seiner Sicht an Motive von Pier Paolo Pasolinis "aberwitzige Allegorie" "Teorema" anknüpft und von etwas so Unwahrscheinlichem wie dem Auftauchen und spurlosen Verschwinden eines Geisterwesens handelt, das das Leben einer Bürgerfamilie im Urlaub aufmischt. Dabei verhindert dieses Wesen, wenn man den Rezensenten richtig versteht, dass die Familie an ihren bürgerlichen Beschränkungen zu Grunde geht. All das wird, wie wir lesen, begleitet vom Versuch der Tochter des Hauses, die Ereignisse auf eine Digicam zu bannen, die am Ende vom Geist namens Amber zerstört wird. All das klingt als Inhaltsskizze in der Rezension etwas unübersichtlich. Doch der Rezensent versichert mit roten Backen und großer Faszination sehr glaubhaft, dass Ali Smith ein tolles Buch geschrieben hat, das als hinreißendes Leseerlebnis an die Ränder der Sprache führt.

Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 26.10.2006

Geradezu bezaubert ist Lothar Müller von Ali Smiths Roman "Die Zufällige". In der Handlung erkennt er das Modell von Pasolinis "Teorema" wieder: Ein (weiblicher) Engel tritt ins Leben einer englischen Familie und stellt diese mit seinem Charme und seinen Verführungskünsten auf den Kopf. Als Geschöpf des Kinos (nämlich in einem Filmsaal gezeugt) stehe die Protagonistin dem Sinnlich-Unmittelbaren näher als der Geschichtsgebundenheit der Literatur, meint der Rezensent, und bringe daher durch ihre Anwesenheit die Mitglieder ihrer Gastfamilie zum Leben im Hier und Jetzt. Der Rezensent ist beeindruckt von der (auch in der Übersetzung erhaltenen) Unbefangenheit des Erzählens und der Sprachfreude der Autorin. Dieser "funkensprühenden Verführung zur Gegenwart" kann sich der Rezensent offenbar nicht entziehen.
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