Hisham Matar

Geschichte eines Verschwindens

Roman
Cover: Geschichte eines Verschwindens
Luchterhand Literaturverlag, München 2011
ISBN 9783630872452
Gebunden, 205 Seiten, 19,99 EUR

Klappentext

Aus dem Englischen von Werner Löcher-Lawrence. Seit dem Tod seiner Mutter lebt der zwölfjährige Nuri el-Alfi mit seinem Vater Kamal zurückgezogen in einer stillen Wohnung in Kairo. Im Sommer verbringen die beiden einen zweiwöchigen Urlaub am Meer, in einem Hotel in Alexandria. Und hier entdeckt Nuri Mona, die junge Frau im gelben Badeanzug, die Englisch spricht und ein wenig Arabisch, und die ihn von da an vollkommen betört. Doch Mona verliebt sich in Nuris Vater, und als sie Kamal heiratet, beginnt für Nuri eine schwere Zeit. Oft wünscht er sich seinen Vater weit weg und freut sich insgeheim auf die Tage, die er allein mit seiner Stiefmutter in der gemeinsamen Wohnung in Kairo verbringen kann. Er ahnt nicht, dass sein Wunsch auf eine Weise in Erfüllung gehen wird, die sein Leben für immer verändert. Denn nur ein Jahr darauf wird Kamal Pascha el-Alfi, der gegen die eigene Regierung gearbeitet hat, von Unbekannten aus einer Genfer Wohnung verschleppt, und von da an wird Nuri kein Lebenszeichen mehr von ihm vernehmen.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Rundschau, 23.08.2011

Den englischen Titel "Anatomy of a Disappearance" findet Louise Brown passender. Für sie steckt die Stärke des Romans und seines Autors nämlich weniger in der Fähigkeit, eine Geschichte zu erzählen, als darin, suggestiv zu zeigen, wie Trauer (hier: durch den Verlust des Vaters) Identitäten modelliert, oder eben auseinandernimmt. Den Thriller, als der der Text sich zeitweise ausgibt, nimmt Brown ihm denn auch nicht ab. Das Mysteriöse des Romans findet sie der Atmosphäre geschuldet, die der Autor durch intensive poetische Bilder hervorruft. So unglaubwürdig Brown den Blick des Kindes auf den verlorenen Vater mitunter findet, so genau erscheint ihr Hisham Matar darin, den Zustand des Kindes an der Grenze zum Erwachsenwerden zu fassen, der irgendwo zwischen Trauer und Hoffnung liegt.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 05.08.2011

Beeindruckt zeigt sich Rezensent Tomasz Kurianowicz von Hisham Matars Roman "Geschichte eines Verschwindens". Auch wenn ein jungen Libyer, dessen Vater als ehemaliger Minister von Gaddafis Schergen entführt wird, im Mittelpunkt steht, sieht er den Roman nicht in erster Linie als ein politisches Buch, das die Verfolgung und das Unrecht durch den libyschen Diktator anprangert. Im Kern geht es für ihn mehr um die Suche nach Identität, und so liest er das autobiografisch grundierte Werk vor allem als "Psychogramm eines Getriebenen". Mit Lob bedenkt er die poetische Qualität des Romans sowie seine "rätselhafte, leise" Komposition.
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Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 02.08.2011

Wie der Autor findet auch Angela Schader eindringliche Worte für das "bodenlose Gefühl des Verlustes", das Hisham Matar in seinem neuen Roman umkreist und mit Hilfe von gut gewählten Texturen für den Leser greifbar zu machen sucht. Schader sucht und findet Parallelen zur Vita des Autors und zu dessen Debütroman (so im Motiv des Vaterverlustes) und unterscheidet den neuen Text zugleich davon. Das Politische sei hier ins Private gewendet, Libyen als Ort des Geschehens transzendiert. Der Autor, erkennt sie, überlässt der Fiktion mehr Raum, indem er etwa auf moderne arabische Lyrik anspielt und das Thema des Verrats in vielen kleinen Episoden anklingen lässt.

Rezensionsnotiz zu Die Zeit, 28.07.2011

Es ist nicht einfach eine autobiografische Geschichte, erläutert Susanne Mayer. Zwar ist auch der Vater des Autors von Gaddafis Regime verschleppt worden und nie wieder aufgetaucht, dieses Schicksal teilt er also mit seinem Protagonisten. Aber die Unterschiede zwischen Autor und Protagonist sind doch sehr groß, und die literarische Verarbeitung des Themas scheint so stark, dass ein bloßer Rückbezug auf die Person des Autors sich verbietet. Im Original heißt der Roman "Anatomy of a Disappearance", schreibt Mayer, und sie hätte sich diesen Titel auch im Deutschen gewünscht - denn dies sei es, was Matar hier tue: Er präpariere den archetypischen Verlust aus dieser persönlichen Geschichte heraus, macht ihn zu Literatur. Besonders beeindruckt hat die Rezensentin dabei ein sprachlicher Gestus, der andere Kritiker gerade verstörte: Das Farblose, Graue dieser Prosa, denn so, meint Mayer, funktioniert Traumatisierung, als eine Entsinnlichung und Derealisierung der Welt.