Alexandar Tisma

Ohne einen Schrei

Erzählungen
Cover: Ohne einen Schrei
Carl Hanser Verlag, München 2001
ISBN 9783446199811
Gebunden, 232 Seiten, 20,35 EUR

Klappentext

Aus dem Serbischen von Barbara Antkowiak. Da ist der Mann, der Frau und Kinder durch vierzehn Flüchtlingslager gebracht hat und am Ende von ihnen aus dem Haus gejagt wird. Da ist Branka, die von ihrem Liebhaber geschlagen, missbraucht und ausgeplündert wird, und dennoch folgt sie dem Geliebten nach. Oder Onkel Ratko, der glaubt, er sei ein Genie, und der jahrelang an einem literarischen Werk arbeitet, das keiner aus der Familie je zu sehen bekommt. Tismas Erzählungen handeln von Liebe und Hass, Gewalt und Begehren, Triumph und Erniedrigung. Jede von ihnen erzählt ein unvergleichliches Schicksal, jede von ihnen ist ein kleiner Roman.

Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 16.06.2001

Dass der in diesen Texten entworfene Landstrich grässlich, das Leben der Menschen darin öd und alles, was vollkommen, die Leere ist - bitte, bitte. Wirklich packend wird das Grauen für den Rezensenten Samuel Moser erst dadurch, dass es bei diesem Autor keine Schuld und darum auch keine Tragik gibt, dass "die Motive und die Emotionen erschöpft sind" und jedes Opfer immer auch ein Täter ist. Und woher die Spannung, wenn "es ein Entkommen für seine Figuren von vornherein nicht gibt"? Moser führt sie zurück auf die "unerträgliche Zurückhaltung" Tismas, auf dieses Minimum an erzählerischem Aufwand, mit dem der Autor seine Figuren, "liebevoll fast", ans Ende gelangen lässt. Es gebe nichts Großes in diesen Erzählungen, schreibt Moser, "aber man weiß: was erzählt wird, ist alles, mehr gibt es nicht."
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Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 14.06.2001

Obwohl der Autor hierzulande inzwischen schon recht bekannt ist, so wünscht sich Andreas Breitenstein unbedingt eine noch "breitere Rezeption", und dass bald auch die bisher noch nicht auf deutsch erschienenen Bücher des Autors- am besten ebenfalls von Barbara Antkowiak übersetzt - verfügbar sein werden. Breitenstein erläutert, dass es die vorliegenden Erzählungen in der Zeit nach 1945 spielen und von Menschen handeln, die "nichts mehr zu gewärtigen und zu verlieren haben": Gewalt, Trübsal, Erniedrigung (auch in der Liebe) sind nach Diagnose des Rezensenten die wesentlichen Ingredienzien dieser Geschichten. Dabei gefällt Breitenstein ganz besonders Tismas virtuos gehandhabtes "Mischungsverhältnis von Lakonik und Expressivität, Pathos und Ironie, Handlung und Reflexion, Zoom und Totale". Seine Erzählungen sind "Epochenbild und Röntgenaufnahme in einem", findet der Rezensent, der den Leser jedoch auch vorwarnt: "Tisma erspart keinem Leser die eigene Fratze". Doch dafür wird man, wie er meint, auch belohnt.

Rezensionsnotiz zu Die Tageszeitung, 09.06.2001

Zum Autor hat Helmut Höge ein mindestens zwiespältiges Verhältnis. Da ist zunächst der Neid auf die Verwirklichung des Projektes "WPP": "Wölfe, Partisanenen, Prostituierte", das der Rezensent selbst lange am Herzen mit sich herumgetragen hat, bis er entdecken musste, dass Tisma es schon umgesetzt hatte. Und dann ist da noch der Hass auf einen Autor, dessen Bücher Albträume machen, weil sie Geschichten "voller Axthiebe, Vergewaltigungen und amoralischen Monologen", voller Gewalt vor allem gegen Frauen erzählen. Wie die nun (20 Jahre nach ihrer Erstveröffentlichung) auf Deutsch erschienenen Erzählungen "Ohne einen Schrei" es tun, die der Leser, wie Höge anmerkt, jetzt unversehens "vor dem Hintergrund der jugoslawischen Nationalitätenkriege" lesen wird. Und doch: Allein an der Art, wie Höge seinen Tisma umkreist - biografische Häppchen verteilend und gestützt auf eine stupende Werkkenntnis - lässt sich ablesen, dass ihm dessen "Neoexistenzialismus ohne Hoffnung" ganz und gar nicht fremd ist.

Rezensionsnotiz zu Die Zeit, 07.06.2001

Gerade in der Unerbittlichkeit dieser Geschichten sieht die Rezensentin Schönheit, in ihrer Trostlosigkeit findet sie Trost. Dorothea Dieckmann ist da genügsam, wie es scheint. Wenn da nur irgendwo im Grau ein Bild aufblitzt, eine Öffnung sichtbar wird, "durch die das Licht der Erkenntnis einfällt", und sei es dadurch, dass bei diesem Autor Täter und Opfer mitunter ein und dieselbe Person sind (seltsamer Trost) oder auch dass in diesen "Psychogrammen ohne Psychologie" reine Beschreibung herrscht, weder Verständnis noch Anklage - dann ist sie irgendwie glücklich.
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