Aharon Appelfeld

Der Mann, der nicht aufhörte, zu schlafen

Roman
Cover: Der Mann, der nicht aufhörte, zu schlafen
Rowohlt Berlin Verlag, Berlin 2011
ISBN 9783871347320
Gebunden, 285 Seiten, 19,95 EUR

Klappentext

Aus dem Hebräischen von Mirjam Pressler. Erwin schläft und schläft und kann kaum mehr erwachen. Es ist das Jahr 1946, und der jüdische Junge, der mit knapper Not überlebte, treibt ziellos durch Europa, auf Zügen, Pferdekarren, stets vor sich hindämmernd. Denn der Schlaf hält in Erwin das Verlorene lebendig: die grüne, heimatliche Bukowina, die geliebte Mutter, den Vater, der nebenher Romane schrieb. Nach Station in einem Flüchtlingslager bei Neapel und einer abenteuerlichen Schiffspassage findet sich Erwin in Palästina wieder. Der Kibbuz soll den Siebzehnjährigen zum zukunftsfrohen "neuen Juden" erziehen aber die Fremdheit schmerzt ihn nur umso mehr. Da wird Erwin schwer verletzt. Im Hospital obsiegt wieder der Schlaf vorerst. Denn genesend liest Erwin die Bibel und lernt, mit den Worten ringend, Hebräisch. Die heilige Sprache seiner Väter zeigt ihm endlich einen Weg, das in Schlaf, Traum und Erinnerung Bewahrte zu retten: Unter neuem Namen beginnt Aharon zu schreiben, und erzählend lässt er die entschwundene Welt in der neuen, uralten Sprache wiedererstehen

Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 17.04.2012

Angesichts der spürbaren Abnahme der "Empathie für Israel", die Andreas Breitenstein vor allem im "Internet-Mainstream" wahrnimmt, begrüßt der Rezensent Aharon Appelfelds jüngsten auf Deutsch erschienenen Roman besonders. Die autobiografische Geschichte um Erwin, der in Czernowitz geboren wird, nach der Flucht über Neapel mit 16 Jahren nach Palästina kommt, wo er, verwundet, die Gründung des Staats Israel wie schon seine Flucht buchstäblich verschläft, versagt sich dem Aufbau von Spannung konsequent, stellt der Rezensent fest. Der Roman lässt zum ersten Mal die Entwicklung Erwins zum Schriftsteller Aharon Appelfeld sichtbar werden, der im Schreiben die Möglichkeit findet, jenseits des zionistischen "Tat-Glaubens" mit seiner Vergangenheit umzugehen, so Breitenstein fasziniert. Er zeigt sich sehr beeindruckt, wie der Autor den Bewusstseinsprozess nachzeichnet, der die Verbindung zwischen der untergegangen Welt seiner Herkunft und Gegenwart erlaubt und sieht mit Faszination, wie Appelfeld dafür auf die "elementaren Sprache der Bibel" zurückgreift.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 16.02.2012

Für Marie Luise Knott ist der jüngste Roman von Aharon Appelfeld, der heute seinen achtzigsten Geburtstag feiert, sein "schönster, sanftester" und sie preist in ihrer eingehenden Kritik zudem seine Aktualität. Der Autor schreibt wie schon in seinen früheren Büchern eng an der eigenen Lebensgeschichte entlang, erklärt die Rezensentin. Im vorliegenden Roman steht der in Czernowitz geborene 16-jährige Erwin im Mittelpunkt, der als Kind aus einem Nazilager flüchtet, zunächst nach Italien gelangt und schließlich nach Palästina auswandert, was sich mit der Lebensgeschichte des Autors deckt, wie Knott betont. Der sich ständig in den Schlaf flüchtende Held wird von den Stimmen der Vergangenheit, seinen ermordeten Verwandten, seinen Wegbegleitern und Freunden, überflutet, die mit ihm "hadern" oder ihn ermutigen, schreibt die Rezensentin, die dennoch betont, dass bei Appelfeld "Erzählen kein Erinnern" ist. So kann man in der von Knott besonders gelobten Übersetzung von Miriam Pressler nicht nur die Genese des Schriftstellers in diesem Roman nachvollziehen. Appelfeld fragt danach, ob man die Vergangenheit mit einem Neuanfang einfach "abstreifen" kann, und sucht nach der Möglichkeit mit dem Erzählen das "Versprengte zu bergen", so Knott beeindruckt, die dieses Projekt im Roman geglückt sieht.
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Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 16.02.2012

Derart zentral wie hier hat Aharon Appelfeld seine eigene Schriftstellerwerdung noch nie in einem seiner Romane thematisiert, stellt Lothar Müller bei der Lektüre des 2010 im hebräischen Original und jetzt auf Deutsch erschienenen "Der Mann, der nicht aufhörte zu schlafen" fest. Der Autor, der 1932 in Czernowitz geboren wurde und später allein nach Palästina floh, erzählt darin vom 16-jährigen Flüchtling, der im noch nicht gegründeten Israel eine doppelte Ausbildung in der Erlernung der hebräischen Sprache und der körperlichen Ertüchtigung absolviert, fasst der Rezensent zusammen. Der Schlaf, den der Held hier exzessiv träumend pflegt, dient dabei den Rückblicken in die Vergangenheit, erklärt der Rezensent, ein "bequemes" Erzählmittel für den Blick zurück. Müller hat dieses Buch als Legende gelesen, die vom "Verlust der Muttersprache" und der Erlangung einer neuen Sprache erzählt, die dem Jungen, wie einst Appelfeld selbst, den Weg zum Schreiben öffnet.
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