Adolf Muschg

Sax

Roman
Cover: Sax
C. H. Beck Verlag, München 2010
ISBN 9783406605178
Gebunden, 459 Seiten, 22,95 EUR

Klappentext

Es ist nicht die Heizung, wenn es im Haus "zum Eisernen Zeit" im schweizerischen Münsterburg in den Wänden klopft. Die drei jungen Rechtsanwälte, die als "Trockenwohner" in die nicht geheuere Dachwohnung ziehen, scheinen die Wiedergänger eher anzuziehen, als sie zu vertreiben. Das beginnt mit dem Freiherrn von Sax und seiner tödlichen Schädelwunde - sie ist bis heute an der erhaltenen Mumie zu besichtigen -, aber mit ihm endet es nicht, ja nicht einmal mit dem "Gespenst des Kommunismus" und den bösen Geistern des 19. und 20. Jahrhunderts. Eine Mitgift des Herrn von Sax spukt freilich durch alle Kapitel dieses Romans: die berühmteste Minnehandschrift des Mittelalters, die er als Kriegsbeute mitgehen ließ. Diese Handschrift lebt. Wer sie öffnet, wird mit Haut und Haar hineingezogen.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Rundschau, 08.01.2011

Für einen großen, einen gelungenen, einen überzeugend durchkomponierten Roman hält Anton Thuswaldner Adolf Muschgs jüngstes Werk sicher nicht. Alles andere als das. Zu viel steckt darin, von Gespenstern bis zu höchst zeitgenössischen Finanzweltszenarien, von der Vergangenheit außerdem manches, von der Politik nicht wenig - und alle sind hier "Getriebene, Scheiternde, Suchende". Ins Detail der hier offenbar vielfach verhandelten Biografien geht der Rezensent in der recht knappen Besprechung ohnehin nicht. Und doch endet er auf einer erstaunlich positiven Note. Denn eines, findet er, kann Muschg eben doch (noch): die Dinge zum Stillstand bringen, genauer gesagt: in die Form des Stilllebens überführen. Das gelinge auch hier ein ums andere Mal und darum lohne am Ende doch die Lektüre.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 02.10.2010

Nicht dass es richtig spukt im neuen Roman von Adolf Muschg. Aber rätselhaft geht es schon zu, findet Rezensent Oliver Jungen. Zwar erscheinen die Charaktere soweit von fester Substanz (bis auf einen vielleicht, den Freiherrn von Sax, der ist seit 1596 tot). Aber mit dem Raum stimmt entschieden was nicht. Perspektive und Logik, erkennt Jungen eher nicht. Bis ins Jahr 2013 reicht die Handlung, die für Jungen auch etwas Allegorisches hat. Dann wird die Geschichte von drei Salonrevoluzzern auf antikapitalistischem Schlingerkurs zur kritischen Sicht auf die Heimat des Autors und ihren Neutralitätsfanatismus oder einfach zur Modernekritik. Vom gelegentlichen bildungsbürgerlichen und sexuellen Protzertum einmal abgesehen findet Jungen den Roman philosophisch anspruchsvoll, sprachlich elegant und inhaltlich aus der Zeit gefallen (auch dies bestimmt ein Kompliment).
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Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 15.09.2010

In der verwirrenden Vielfalt der Geschichten in Adolf Muschgs jüngstem Roman macht Hans-Peter Kunisch als einen der Haupterzählstränge eine "ungewöhnliche Variante eines 68er-Romans" aus. Darin verfolgt der Schweizer Autor die Lebensgeschichten von drei Anwälten, die 1972 in das Spukhaus "Zum Eisernen Zeit" ziehen. Die Figur, die Muschg dabei augenscheinlich am meisten interessiere, sei der aus kleinbürgerlichen Verhältnissen stammende Hubert Achermann, ein Misanthrop durch und durch. Allerdings entpuppt sich der Roman insgesamt als "tiefschwarze" Niedergangsgeschichte, in der die sich überschlagenden Ereignisse im bewegten Leben der Protagonisten letztlich doch zu nichts führen, lässt Kunisch wissen. Der Rezensent zeigt sich erst irritiert von einem zwiespältigen Leseerlebnis: einerseits wirke der Text traumverloren und vage, andererseits dränge der Erzählstil mit Macht vorwärts, stellt Kunisch fest. Dann aber erkennt er in der atemlosen Verdichtung der Ereignisse als das "eigentliche Memento Mori" dieses Romans, dass nämlich trotz bewegter Lebensgeschichten alles am Ende "nichts wert" ist. Er lässt sich auch von der Andeutung einer "Art Vor-Paradies" der drei Hauptfiguren am Schluss nicht täuschen (das ist in seinen Augen bloß "Zuckerguss") und zeigt sich von diesem "erstaunlichen Buch" insgesamt sehr beeindruckt.
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Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 28.08.2010


Als "Abgesang auf die Moderne" und "postmodernes Gespenstermärchen" würdigt Roman Bucheli den neuen Roman von Adolf Muschg, der ihn leicht ratlos zurückgelassen hat. Bei "Sax" den Durchblick zu wahren, hält er für eine echte Herausforderung, handelt es sich doch um eine überbordende Mischung aus Grimmelshausen, "Faust", Gottfried Keller, Spukgeschichten, Science-Fiction, politische Belehrung und Selbstparodie, in der zunehmend unklarer wird, "was wahr ist und wirklich, was virtuell und was gespenstisch irreal". Das Verwischen sämtlicher Grenzen scheint ihm dann auch das Thema des Romans zu sein und zugleich die Methode seines Erzählens. Die Frage, was das Werk im Innersten zusammenhält, lässt sich nach Ansicht von Bucheli nicht leicht beantworten, vielleicht am ehesten das mysteriöse Spukhaus "zum Eisernen Zeit". "Dass dieses Buch sich selbst - und um wie viel mehr den Lesern - ein Rätsel bleibt", resümiert der Rezensent freundlich, "ist vielleicht das Schönste, was man von ihm sagen kann".