Martina Clavadetscher
Die Schrecken der anderen
Roman

C.H. Beck Verlag, München 2025
ISBN 9783406836985
Gebunden, 333 Seiten, 25,00 EUR
ISBN 9783406836985
Gebunden, 333 Seiten, 25,00 EUR
Klappentext
Das könnte die Geschichte jedes Menschen sein. In jedem Land, zu jeder Zeit. Solange niemand aus den Schrecken der anderen lernt. Ein Junge stößt beim Schlittschuhlaufen auf einen Toten im Eis und den Beginn einer sonderbaren Geschichte. Kern, ein schwerreicher Erbe, kann nicht länger ignorieren, dass seine Augen schwächer werden. Doch will er überhaupt klarsehen? Da ist Kerns hundertjährige Mutter, die den größten Teil des Tages im Dachgeschoss der Villa im Bett liegt, und doch mit brutaler Konsequenz die Fäden in der Hand hält. Da ist Schibig, ein einsamer Archivar, der sich mitreißen lässt von Rosa, der Alten aus dem Wohnwagen, die an den eigentlich unspektakulären Vorfällen ein spektakuläres Interesse hat weil sie versteht, dass nichts je ins Leere läuft, sondern alles miteinander verbunden ist: Der Tote im Eis, die Zylinderherren im Gasthof Adler, Kerns Frau, die sich weigert, Kreide zu essen, ein geplantes Mahnmal, bedrohliche Bergdrachen und andere hartnäckige Legenden.
BuchLink. In Kooperation mit den Verlagen (Info)
Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 01.10.2025
Martina Clavadetscher entwirft mit ihrem neuen Roman vordergründig einen Krimi, der "in die wohlgeordnete Welt einer Dorfgemeinschaft" in der Schweiz eindringt und alte Lasten freilegt, konstatiert Rezensent Joseph Hanimann. Ausgangspunkt ist eine Leiche im Eis, gefunden von einem Jungen, lesen wir. Doch bald rückt eine Hundertjährige in den Mittelpunkt, die das "nicht nur finanzielle, sondern auch ideologische", nationalsozialistische Erbe eines Fischzüchters aus den Dreißigern verwaltet. Der Kritiker lobt die "meisterhafte Detailschilderung" und die filmische Erzählweise, die mit Schnitten und Zooms arbeitet. Kritisch merkt er an, dass sich die schweren Themen in "Einzelszenen und überflüssige Nebenhandlungen" verlieren. Am Ende bleibt ein Roman zwischen Krimi, Geschichtsreflexion und Warnung vor "konspirativ lauernden neofaschistischen Kräften".
Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 13.08.2025
Weitgehend sicher "zwischen knapper Nüchternheit und einer düsteren Märchenhaftigkeit" bewegt sich Martina Clavadetschers neuer Roman für Rezensentin Nadine A. Brügger, die die Autorin zum Gespräch getroffen hat. Was als Krimi beginnt, endet als Gesellschaftskritik am erstarkenden Populismus in der Schweiz: Im See des fiktiven Schweizer Dorfes Ödwil wird eine Leiche gefunden. Die Polizei interessiert sich nicht besonders dafür, stattdessen ermitteln Polizeiarchivar Schibig und die "resolute Rosa" - und kommen den düsteren Machenschaften eines "stramm rechten" Geheimbundes und der Nazivergangenheit der einflussreichen Schweizer Familie Kern auf die Spur. Das Buch strotzt vor literarischen Referenzen, was die Kritikerin auf der einen Seite spannend findet. Auf der anderen Seite müsse Clavadetscher vielleicht etwas aufpassen, dass der Text nicht überwiegend zur "literarischen Schnitzeljagd" werde wie etwa bei Christian Kracht. Gekonnt verwebt die Autorin in ihrem durchaus aktuellen, auch subtilen Roman, Fakten und Fiktion, lobt Brügger. Ein Buch, das sich zügig lesen lässt, aber lange nachhallt.
Rezensionsnotiz zu Frankfurter Rundschau, 22.07.2025
Ein wunderbar "böses Buch über die Schweiz" annonciert Rezensentin Judith von Sternburg mit dem neuen Roman von Martina Clavadetscher. Es bedarf allerdings höchster Konzentration bei der Lektüre, warnt die Kritikerin fort, die selbst versucht, die "überorchestrierte" Story zu resümieren: Es geht um teils wahre Schweizer Grotesken wie ein Nazi-Mausoleum auf einem Friedhof in Chur, Milliarden-Kontos von Nazis oder die finanzielle Förderung rechtsradikaler Schweizer Gruppen - verpackt in eine Konstruktion um eine Leiche namens McGuffin, zwei mehr oder weniger finstere "Alte" und einen Ermittler. Legenden werden eingebunden, zugleich streut die Autorin immer wieder zahlreiche, überdeutliche Hinweise, um schließlich mit zwei Knallern zu enden, fährt die Rezensentin fort, die aufmerksam und gebannt am Ball bleibt. Das liegt laut Sternburg nicht nur an dem genauen Blick ins "finstere Herz" der Schweiz, sondern auch an den Dialogen, der Dramaturgie und vor allem an Clavadetscher "lautstarker" Poesie, die Sternburg so schöne Wendungen schenkt wie "Geländewagen, die wie 'verhätschelte Prinzen' durch Waschanlagen gefahren werden".
Rezensionsnotiz zu Deutschlandfunk Kultur, 14.07.2025
Ist ein Krimi, in dem das Opfer den Namen McGuffin - Hitchcock lässt grüßen - trägt, überhaupt ein Krimi? Natürlich nicht, meint Rezensent Maximilian Mengeringhaus. Die Figuren in Martina Clavadetschers Buch, das sich um den Fund einer Leiche in der Zentralschweiz und die folgenden Untersuchungen eines Archivars und einer Dame im Wohnwagen dreht, versichern sich denn auch gegenseitig, weiß Mengeringhaus zu berichten, dass sie nicht in einem Krimi agieren. Sondern in einer offensichtlich ziemlich selbstreflexiven Erzählung, die in die 1930er Jahre zurückführt und die oft verschwiegene Nähe vieler Schweizer zum Nationalsozialismus thematisiert. Soweit so löblich, findet der Rezensent, dem das Buch allerdings insgesamt wenig Lesefreude bereitet, da die Dialoge knarzen, die Figuren Platzhalter bleiben und das Ganze schlicht arg konstruiert daher kommt.
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