Vorgeblättert

Leseprobe zu Martha Gellhorn: Reisen mit mir und einem Anderen. Teil 3

10.02.2011.
Ich bin während Bombenangriffen in finnischen Städten gewesen, und Madrid wurde fast täglich von Artilleriefeuer ausgefegt, doch Kunming war eine Sache für sich. Um die Stadt lief eine große Mauer, durch die ein geschnitztes, buntes Tor führte. Die Häuser bestanden aus Holz oder aus Lehmbacksteinen, sie hatten geschwungene Simse. Die Japs behaupteten, die Stadt zerstört zu haben, aber im gleichen Maße, wie sie sie zerstörten, bauten die chinesischen Bewohner sie wieder auf. Durchhalten war die Geheimwaffe der Chinesen. Die Japaner hätten das begreifen sollen, und auch jeder andere sonst sollte sich besser daran erinnern.
Zuerst rochen wir den Rauch und den Gestank aus zerborstenen Abwasserleitungen. Stromkabel lagen herum wie Schlangen über Haufen von Trümmern. An den Rändern eines frischen Kraters hing, ja sank ein kleines Haus, die Familie saß drinnen bei Kerzenschein und aß. Es gab keine Geräusche außer die von Hämmern. Gewaltige Menschenmengen setzten stumm ihre Häuser, so gut sie konnten, beim Schein von Kerzen und Kerosinlampen wieder zusammen. Etwas war mit den Feuerschläuchen nicht in Ordnung, aus dem Fluß ließ sich kein Wasser pumpen. Zwei große Feuer loderten, eine Kette aus Chinesen, meilenlang, reichte Eimer von Hand zu Hand. Niemand schluchzte oder weinte. Alle, auch die Kinder, arbeiteten schweigend.
Ein Teil der Stadt war noch von elektrischem Licht erleuchtet. In einem Speisehaus beugten sich lärmende Esser über Reisschüsseln. Vor einem Kino stand eine lange Schlange und wartete darauf, den Film Kentucky sehen zu können. Wir nahmen Rikschas zum Hotel, da wir unseren Weg zurück zu Fuß über das Geröll und die neuen Krater herum nicht finden konnten. Das Hotel bestand aus einer kleinen, schmutzigen Kneipe unten und ein paar kleinen, schmutzigen Zimmern oben. Der griechische Besitzer hieß Roy als Freund willkommen und war in Hochform. Jeder Tag, an dem sein Hotel intakt blieb, war wie eine besondere Gunst Gottes. Er sagte: "L?alerte est tres correcte ici." Die Leute hatten zwei oder drei Stunden Vorwarnung, so daß sie von der Stadt weglaufen konnten. Voralarm war ein Ballon, der über der Stadt wehte. Dann stiegen zwei Ballons hoch, und die Sirene heulte - höchste Zeit, sich wegzumachen. Zum letzten dringenden Aufruf holte man die Ballons runter, und die Sirene heulte anhaltend.
Einzige Opfer waren Leute, die vom täglichen Laufen in die Felder krank und müde geworden waren, einfach dablieben und es drauf ankommen ließen.
Auf Plündern stand Todesstrafe. "Sie haben rund 400 erschossen, seitdem gibt?s keine Probleme mehr." Heute war die Lage ungewöhnlich, nur vierzig Minuten Wartezeit, und die Japs, die der Grieche ces bandits nannte, kamen zu spät. Kunming war ohne Verteidigung, auch der Verkehr von der Burmastraße konzentrierte sich hier nicht. Roy glaubte, die Japaner benutzten Kunming als eine Art Zielscheibe für Bombenprobewürfe und für die Überlandnavigation, Teil der Ausbildung ihrer Piloten. Wir aßen Spiegelei und tranken warmes Bier, waren sehr lustig und gingen früh zu Bett, da wir vor der Morgendämmerung wieder weg mußten, gut versteckt, tief zwischen den Bergen fliegend, bevor die Japs zum üblichen Morgenangriff zurückkamen.
Das Landen in Hongkong in der dritten Nacht war genauso eindrucksvoll wie der Rest der Reise. Wir flogen stundenlang in so etwas wie Bechamelsauce. Hongkong blieb unsichtbar, der Peak ist allerdings immer da, eine Drohung für herumirrende Flugzeuge. Roy drehte und wendete, drehte und wendete, sah den Flugplatz für einen Augenblick durch ein Wolkenloch, ließ sich tiefer fallen, noch immer in diesem Kreismanöver, sah mehr, und schließlich, zweihundert Meter hoch, berührten wir fast Hausdächer und landeten sanft. Die chinesischen Passagiere neigten dazu, bei jeder sicheren Ankunft zu klatschen - Tränen in den Augen.
In der Geschichte der zivilen Luftfahrt kann es etwas Ähnliches wie die CNAC nicht noch einmal gegeben haben. Ich zweifle, ob es vergleichbare Piloten gab. Sie flogen nach dem Kompaß, auf Sicht und kraft ihrer Erfahrung. Hilfe vom Boden blieb begrenzt auf Kontakte in der Nähe von Städten, das All-clear-Signal beim Start und jene Wetterberichte, die man über Funk auffangen konnte. Ich erinnere mich an einen Wetterbericht: "Der Mond scheint." Nicht sehr hilfreich. Die Piloten verdienten 1000 Dollar im Monat bei 85 Flugstunden und 10 Dollar mehr für jede Extrastunde. Für solche Summen riskieren Menschen nicht Woche für Woche ihr Leben. Sie waren ungeheuer stolz auf ihre phantastische kleine Fluggesellschaft. Und ich glaube, sie waren in ihre Art zu fliegen regelrecht verliebt. Mensch und Maschine allein gegen die Japs und das Wetter und die Berge und die Landeplätze.
Dies war keine Horrorreise, es gab keinen einzigen langweiligen Augenblick. Voller Adrenalin und in bester Laune hätte ich nur zu gern den nächsten Flug wieder mitgemacht.
UB hatte, bevor wir die USA verließen, ein langes Stück Arbeit hinter sich gebracht, und wenn ich ihn nicht nach China gelockt hätte, würde er sicherlich seine Zeit irgendwo mit einer Angelrute in der Hand vertan haben. Und weil er so gemacht war, vertat er nun seine Zeit rund um Hongkong mit einer stetig wachsenden Bande von sogenannten Freunden. Er hatte gelernt, Kuli-Englisch zu sprechen, eine Sprache, die Verwandtschaft mit Westafrikas Pidgin und Karibik- Englisch aufwies. Man sah ihn mit Kellnern und Rikschakulis und Straßenverkäufern lachen, alle diese Gesellschaften hatten ganz offensichtlich viel Spaß miteinander. Er liebte chinesische Speisen und kam von Schlemmergelagen mit seinen anrüchigen chinesischen Freunden zurück und schwor, man habe sich von Geishas bedienen lassen, und beschrieb das Menü, bis ich ihn anflehte aufzuhören, weil mir speiübel wurde. Er war bereit, alles zu probieren, einschließlich Schlangenwein, die Schlangen vermutlich nett aufgerollt und gewürzt am Boden des Krugs.
Örtliche Gebräuche gefielen ihm, zum Beispiel das Ohrensäubern. Verkäufer mit Schachteln voller dünner Stöckchen, obendrauf winzige, bunte Pompons, wanderten durch die Straßen, die Stöckchen waren Ohrenreiniger. Die Kunden hielten mitten in der geschäftigen Menge an, um mit unbeteiligtem Gesicht in ihren Ohren herumzustochern. Als pinkelten sie in einen Swimmingpool, meinte UB. Auch die chinesische Leidenschaft für Feuerwerkskörper machte ihm Spaß. UB kaufte täglich welche und war ziemlich enttäuscht, als ich darauf bestand, daß er sie nicht mehr in unseren Zimmern anzündete, wo sie wie explodierende Würmer über den Boden rasten. Er fand jemanden, mit dem er boxen konnte, und ging zu Rennen und erzählte, dass von den schwitzenden Pferden ein Färbemittel lief und geschickter orientalischer Betrug regierte. Von Anfang an kam er mit dem Zauber des Ostens viel besser zurecht als ich, anpassungsfähig und seiner selbst völlig sicher.
UB schrieb meiner Mutter über unser vergnügliches Hongkong-Erlebnis bis dahin und fügte hinzu, daß "M. sehr glücklich ist, sie behandelt die Männer wie Brüder und die Frauen wie Hunde". UB war nun nicht eben der genaueste Typ auf diesem Erdenrund (ich bin?s auch nicht), und so kann ich mich nicht erinnern, irgendeine Frau wie einen Hund behandelt zu haben. Mir fällt nur Emily Hahn ein, mit Zigarre und einer Menge Ahnung vom Orient, und ich war doch nicht so dumm, sie zu schneiden; und dann Madame Sun Yat Sen, klein und bewundernswert und anziehend, ganz im Gegensatz zu ihren Schwestern Madame Chiang und Madame Kung. Die waren das Letzte. Meine bevorzugte Gesellschaft waren die Männer von der CNAC mit ihren Frauen.
Ich meinerseits war nicht so rundum glücklich, während ich den Puls der Nation fühlte, und ich wurde von Tag zu Tag kleinmütiger. Opiumhöhlen, Freudenhäuser, Tanzhallen, Mah-Jongg-Salons, Märkte, Fabriken, Strafgerichte - ich sah im allgemeinen die Gesellschaft von unten statt von oben. Ein Opiumschuppen mußte für einen alten Schüler Fu Manchus aussehen wie Samt und Gold und wollüstige Sünde. Kleine erbärmliche Zimmer, mehr Flure als Zimmer, mit drei Reihen regalbrettgroßer Pritschen aus rohem Holz waren das, wo die Kulis Opium rauchten, zehn Cents für drei winzige Pillen; Opium war billiger als Essen, nahm den Appetit und gab den angestrengten, müden Muskeln eine Pause. In einem solchen Raum, hinter einer Korbfabrik, stopfte ein Mädchen von vierzehn die Pfeifen und spielte, wenn es nicht soviel zu tun hatte, mit einer Schildkröte. Eine andere solche Höhle (was für ein Wort!) war ein luftloses Loch hinter der Werkstatt eines Tischlers. Die Tischler arbeiteten von morgens sieben bis abends zehn. Ein fünfzehnjähriges Mädchen verdiente dort 70 Cents pro Tag. Die armseligen, dürren Raucher durften sie als Teil des Service tätscheln. In der nächsten Nachbarschaft lebten zwei Familien in einem Raum von der Größe eines Schlafwagenabteils für zwei Personen.
Die Chinesen, große Spielernaturen, zahlten einen Cent die Stunde, um in einem Mah-Jongg-Salon spielen zu können, bei einem Einsatz von zehn Cents je Runde. Sie spielten in konzentrierter Stille. Die Straßen waren voller Leute, die nachts auf dem Pflaster schliefen. Die Bordelle waren kleine Würfel aus Holz, die sich in einer engen Flucht aneinanderreihten. Zwei Dollar die Nacht pro Mann und Mädchen. Straßenverkauf ohne Lizenz war ein Verbrechen, die Strafe dafür konnte niemand bezahlen. Diese Menschen waren das wahre Hongkong, und dies hier war die grausamste Armut, schlimmer als jede, die ich vorher gesehen hatte. Schlimmer, weil sie den Hauch der Ewigkeit trug. So war das Leben immer gewesen, und so würde es bleiben. Die nackte Anzahl der Leiber, dicht an dicht, erschreckte mich. Da gab es keinen Platz mehr zum Atmen, diese zusammengepferchten Millionen erstickten sich gegenseitig.
Als ich schließlich eine klamme, schlechtbeleuchtete Fabrik besuchte, in der kleine Kinder Elfenbein in Kugeln schnitzten, einen Touristentand, konnte ich es nicht ertragen, noch mehr zu sehen. Ich bekam einen gelinden hysterischen Anfall.

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Mit freundlicher Genehmigung des Dörlemann Verlages
(Copyright Dörlemann Verlag)


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