Vorgeblättert

Leseprobe zu Martha Gellhorn: Reisen mit mir und einem Anderen. Teil 2

10.02.2011.
UB gefiel Hongkong sofort. Hongkong besaß keinerlei Ähnlichkeit mit der Stadt von heute, wie man sie im Fernsehen sieht, ein Wald aus Wolkenkratzern, ein Mini- New-York vor einem großen dreieckigen Berg. Die Reisenden des nächsten Jahrhunderts, immer vorausgesetzt, es gibt noch welche, werden kaum noch wissen, ob sie nun in Buenos Aires oder Chicago sind, Wolkenkratzer überall, Wolkenkratzer, die einem das Herz brechen. Als wir Hongkong sahen, wirkte sein Geschäftszentrum wie aus einem Wust alter Hölzer eilig zusammengenagelt, und es klang wie ein Dauer-Neujahrstag in China. Es strahlte nur so in Farben von Wimpeln und Schildern, die engen Straßen verstopft mit Rikschas, Fahrrädern, Menschen, aber nicht mit Autos. Das höchste Gebäude war eine viereckige Bank, und sie war nicht einmal besonders hoch. Die feinen Leute wohnten in anmutigen Häusern an den Flanken des Peak, ihre soziale Stellung war an der Höhe des Hauses ablesbar.
Wir wohnten in einem alten Hotel der Stadtmitte, vielleicht dem einzigen überhaupt am Platz: mit großen Räumen, Ventilatoren an den Decken, antik eingerichteten Badezimmern, einer weiten Halle mit großen, abgenutzten Ledersesseln, für mich alles sehr wie bei Maugham. UB versammelte in Windeseile um sich herum ein gemischtes Publikum, vom Ortspolizisten, mit dem er Fasanen schoß, bis zum dicken, reichen, zwielichtigen Geschäftsmann, der ihn zu chinesischen Schlemmeressen einlud. Ein glatzköpfiger Europäer mittleren Alters von unbestimmbarer Nationalität und Beschäftigung, ein selbsternannter "General", war besonders beliebt, ebenso ein riesiger höflicher Schlägertyp aus Chicago namens Cohen, von dem UB annahm, daß er für irgendeinen chinesischen Kriegsherrn den Gorilla spielte.
UB konnte Partygeschwätz nicht ertragen, ebenso wenig kurze Diskussionen um Politik oder die Künste. Aber er wurde niemals müde, wahren Geschichten aus dem Leben zuzuhören, je unwahrscheinlicher, desto besser. Er brachte es fertig, mit einem Trupp von Männern fast den ganzen Tag oder die ganze Nacht lang zusammenzusitzen. Oder sogar fast den ganzen Tag und die ganze Nacht, wenn auch vielleicht mit anderen Leuten, wo immer er sich einmal niedergelassen hatte. Alle wurden durch ununterbrochen herbeigeschaffte Getränke gestärkt, während er über Anekdoten und Erinnerungen vor Lachen brüllte. Für ihn klappte dieses System einfach. Abgesehen davon, daß es Teil seines Vergnügens war, lernte er so die Gegend und die Leute kennen - durch die Augen und Erfahrungen aller, die hier lebten.
Wenn ich auch selbst eine lebhafte Gesellschafterin bin und laut über meine eigenen Witze lachen kann, war mir das Trinken neu und meine Methode, etwas in Erfahrung zu bringen, doch recht unterschiedlich: Ich wollte alles selbst sehen, nicht nur davon hören. UB war gleichgültig, was ich tat, solange er es nicht auch tun sollte.
Sosehr ich Konversation liebe, ich mag sie nur schubweise für ein paar Stunden, keine Marathons und selten in Gruppenformation. Ich stahl mich aus den großen Ledersesseln davon. UB sagte dann meistens freundlich: "M. macht sich auf, den Puls der Nation zu fühlen."
Vier Tage nach unserer Ankunft in Hongkong flog ich allein weiter über Tschungking und Kunming nach Lashio, zum Ende der Burmastraße, und dann kam ich sofort auf gleichem Wege zurück mit Material für einen Collier?s-Artikel. Die Fluggesellschaft hieß China National Aviation Company (CNAC), bestand aus zwei DC 3 und drei DC 2, älteren, spartanisch ausgestatteten Maschinen. Im Vergleich zu heutigen Reiseflugzeugen waren dies fliegende Maikäfer. Der Boden verlief steil, die Sitze waren aus Segeltuch auf Metallrahmen, die Toilette hinter einem grünen Vorhang ließ einen kleinen kreisförmigen Blick auf die Erde unten zu.
Die DC 3 konnte einundzwanzig Passagiere befördern, die DC 2 vierzehn, aber die Sitze wurden entfernt, um Platz für Fracht zu schaffen. 5000 Kilo Post und 55 Millionen Dollar in Banknoten (sehr schwer) gehörten zur monatlichen Durchschnittsfracht. Das gleiche Flugzeug schleppte auch Wolfram und Zinn aus China heraus. Von der Burmastraße abgesehen, war die CNAC die einzige Kontaktmöglichkeit zwischen der Welt draußen und dem "freien" China, entsprechend etwa einem Drittel Chinas, das nicht von den Japanern besetzt war und von Generalissimo Tschiang Kai-schek regiert wurde. Lastwagen brauchten auf der spektakulären Korkenzieher-Burmastraße von Rangun bis nach Tschungking vierzehn Tage. Die wiederum brachen in erschreckend großer Zahl einfach zusammen oder stürzten in Schluchten. Die fünf schäbigen kleinen Flugzeuge der CNAC hielten das "freie" China im Geschäft.
Es gab sieben noch lebende amerikanische CNACPiloten, zehn chinesische und chinesisch-amerikanische Kopiloten sowie zwölf Bordfunker und zwei Stewardessen. Der Pilot auf meinem Rund- und Ausflug war Roy Leonard. Er sah aus wie ein ganz normaler Mittelwestler und klang auch so. Er wurde nach einer Stunde in der Luft mein erklärter Held. Er war drei- oder vierunddreißig, mittelgroß, braunes Haar, dünn, ganz und gar nüchtern bei der Sache, stets gut gelaunt und in China so zu Hause und locker, als ob es Indiana wäre. Ich erfuhr nie, warum er nach China gekommen war, aber er flog hier schon seit Jahren, zeitweise als Tschiangs Privatpilot. Ich glaubte, einem Genie bei der Arbeit zuzuschauen, und beobachtete alles genau, nachdem ich mich sofort in der Pilotenkanzel niedergelassen hatte.
Die Japaner schlossen Hongkong ein und demonstrierten ihre feindlichen Absichten, indem sie zwei CNAC-Flugzeuge angriffen und abschossen. Die CNAC änderte daraufhin einfach ihre Methoden. Jetzt kletterten die CNAC-Maschinen bei Nacht und schlechtem Wetter hoch über Hongkong, ehe sie die japanischen Linien überflogen. Flüge wurden verschoben oder gestrichen, wenn das Wetter zu gut war. Die Reisenden erfuhren die Abflugzeit nur wenige Stunden vorher. Bei Tageslicht sah das Flugfeld von Hongkong abschrekkend kurz aus, mit dem Meer auf der einen Seite und dem Abhang des Peak auf der anderen. Nachts, wenn man nicht sah, was eigentlich geschah, war es weniger aufregend.
Wir verließen Hongkong um 4 Uhr 30 morgens bei kräftigem Wind in einer DC 2; Fracht, sieben chinesische Passagiere, ich und Roy Leonard. Ich kann mich nicht an einen Bordfunker erinnern, finde auch keinen Hinweis auf ihn in meinen alten, unordentlichen Bleistiftnotizen. Mit Sicherheit gab es auch keinen Kopiloten oder eine Stewardess. Normalerweise war jede Maschine mit einem Bordfunker besetzt, dessen Aufgabe es war, Wetterberichte zu empfangen und vor dem Landen darauf zu achten, daß die Piste nicht bombardiert worden war oder unter Wasser stand. Die Reisenden erhielten eine grobe braune Decke und eine braune Tüte, für den Fall, daß sie sich erbrechen mußten. Das Flugzeug war weder geheizt, noch hatte es Druckausgleich.
Wir stiegen hinauf wie eine Wendeltreppe entlang, in engen, rüttelnden Kurven über Hongkong, bis wir 14000 Fuß erreichten. Alle Lichter wurden gelöscht, bis auf das schwache Licht in der Pilotenkanzel, und wir überflogen die japanischen Linien, weit unter uns hell erleuchtet. Nach einer halben Stunde erwischte uns der Sturm. Ich beobachtete die flackernde Auspuffflamme an einem Flügel, als er in einer Wolke verschwand, die körnig aussah und hart wie Granit. Der Hagel klang wie eine Dreschmaschine. Alles fror ein, auch der Windgeschwindigkeitsmesser. Roy erklärte mir, wenn die Geschwindigkeit unter 63 Meilen die Stunde fiele, dann bliebe das Flugzeug praktisch stehen und finge an zu trudeln, aber es gebe keinen Grund zur Besorgnis. Er öffnete sein Fenster einen Spalt und schätzte die Windgeschwindigkeit auf seine Weise. Er hatte das oft so gemacht. Die Windschutzscheibe war mit Eis bedeckt. In diesen Wolkenmassen ließen Aufwinde das Flugzeug hochsteigen und runterfallen, der Magen machte die gleichen senkrechten Bewegungen mit. Weil ich ungeteiltes Vertrauen zu Roy hatte, beunruhigte mich das Verhalten des Flugzeugs nicht, aber ich verging vor Kälte. Hinten in der Kabine erbrachen sich die Reisenden oder versteckten sich vor dem Lärm und dem Toben unter ihren Decken. Dies alles dauerte anderthalb Stunden, und Roy meinte danach, nun sei der Rest der Reise gemütlich. Wir flogen zwar immer noch blind in den Wolken, aber ich dachte mir, es sei schlechtes Benehmen, das überhaupt zu erwähnen.
Wir landeten um zehn Uhr in Tschungking. Das Flugfeld war ein Streifen auf einer schmalen Insel im Jangtsekiang. Zwei Monate im Jahr lag die Insel zwanzig Meter unter Wasser, der Fluß stieg bei Nacht auf unheimliche Weise auf diese Höhe an. Als wir kreisten, um zu landen, sah ich Tschungking auf der Berghöhe liegen, es sah aus wie eine ausgedehnte, graubraune Trümmerfläche. Die Passagiere empfahlen sich dankbar. Während das Flugzeug aufgetankt wurde, saßen Roy und ich auf dem feuchten Boden und verzehrten ein üppiges Frühstück: eine Schüssel trockenen Reis und Tee. Das war die einzige Verpflegung bis zum späten Nachmittag in Kunming, wo wir noch mal das gleiche Futter bekamen. Ich sagte ja bereits, von Komfort konnte keine Rede sein.
Weitere Reisende kamen, und wir starteten nach Kunming. Das Land blieb den ganzen Nachmittag lang sichtbar, Berge in wechselnden Farben, mit einem Puzzlemuster aus kleinen bestellten Feldern. Einige graue Dörfer, ein paar einsame Bauernhöfe tauchten in dieser Weite auf, die Wege sahen aus wie Tierpfade. Roy flog das Flugzeug, als ritte er ein Pferd und schlängelte sich durch die Täler. "Ich fliege da hin, wo ich hinsehen kann", sagte er. Er probierte eine neue Route aus, um die Japaner zu täuschen.
In einem ganz bestimmten Augenblick merkte ich, daß dieses Flugzeug wirklich ungewöhnlich war, da es anscheinend in der Luft stehenbleiben konnte. Wir befanden uns tief in einem Tal zwischen mächtigen Bergen. Roy sagte, wir stünden nicht so richtig still, doch die Stärke des Gegenwinds betrug 60 Meilen die Stunde, so daß wir langsamer flogen. Dann begann er ein drolliges Versteckspiel, flog erst so hoch, daß er über Berge hinwegsehen konnte, dann ließ er sich wieder fallen. Er versuchte rauszufinden, wie die Dinge in Kunming für uns standen. "Jawoll", sagte er, und wir flogen geradewegs zum Landen. Der Himmel über Kunming war rauchig und gelb von Staub, aber frei von Flugzeugen der Japs. Das Bombardement des Tages war vorbei. Jeden Tag rannte das Bodenpersonal eilig herum, stellte die Markierungen der Startbahn, weißgestrichene Ölfässer, neu auf und füllte neue Bombenkrater, um alles für die Ankunft des CNAC-Flugzeugs bereitzumachen.
Wieder gingen die Passagiere wie erlöst davon, eine andere Gruppe kam, und weg waren wir, flogen in einer Höhe von 13000 Fuß über die Schluchten der Burmastraße. In so großer Höhe zu fliegen war notwendig, weil die verhaßten Fallwinde das Flugzeug in Sekunden Tausende von Fuß tief in den Talkessel fallen ließen. Wir waren immer kalt bis erfroren, doch ich begann mich zu schämen (schwach, nichts schlimmer, als schwach zu sein), weil ich auch aufgeregt war, meine Beine und Arme zappelten und meine Gedanken wohl kindisch und unangebracht waren. Und ich dachte mit Schrecken daran, daß ich grundlos in Tränen ausbrechen könnte. Als ich mit einem forcierten Lachen Roy ein paar meiner Symptome gestand, sagte er, das sei bloß der Sauerstoffmangel und mit mir würde wieder alles in Ordnung sein, wenn wir nach Lashio kämen - nach zehn an diesem Abend. Landelichter beleuchteten die Landebahn in Lashio. Es war für die Nerven viel angenehmer, im Dunkeln zu landen, weil man nicht sah, in was für ein Durcheinander man geriet. 16 Stunden und 1494 Meilen, falls man Luftlinie fliegen konnte, erschienen mir wie ein Mammuttrip. Roy und die anderen Piloten flogen diese Strecke allerdings regelmäßig jede Woche.
Das CNAC-Gästehaus in der Nähe des Lashio-Flugplatzes war eine Holzbaracke mit eisernen Pritschen und einer Dusche, wie himmlisch, und es gab einem die Möglichkeit, sich zu waschen und trotz der erstickenden Hitze zu schlafen. Roy machte sich am frühen Morgen mit einer zweiundzwanziger Büchse auf, Wild zu schießen. Ich wanderte durch den Basar des Dorfs, fand Burma-Rubine und Eier in Körben aus Bananenblättern und hübsche kleine Burmesinnen, die sich unter einem Wasserhahn wuschen. Die Japs bombardierten Kunming im allgemeinen zwischen zehn und elf Uhr morgens, aber es war gefährlich, sich auf ihren Stundenplan zu verlassen. Heute jedenfalls kamen sie zu spät. Wir hingen schwitzend rum, was mal eine nette Abwechslung war, bis das Radio berichtete, daß siebenundzwanzig Jap-Maschinen Kunming um ein Uhr mittags eine halbe Stunde lang bombardiert hätten, aber jetzt verschwunden seien, so daß wir wieder aufsteigen konnten. Zurück, wie wir gekommen waren, bei Tageslicht hoch über der Burmastraße: ein schönes Land ohne Hoffnung, zerklüftete Berge und wieder Berge, das braune Band der Straße. Diese heißen grünen Berge waren der Brutplatz für Malariamücken. Die bösartige, lebensbedrohende Malaria gehörte zu den weiteren Gefahren einer Reise auf dieser Straße. Wir landeten in Kunming um fünf Uhr dreißig am dunklen Nachmittag, die Stadt in Rauch eingehüllt und von Feuern erleuchtet.

Teil 3