Vorgeblättert

Leseprobe zu Martha Gellhorn: Reisen mit mir und einem Anderen. Teil 1

10.02.2011.
Kapitel II "Mr. Mas Tiger"


Als das Jahr 1941 begann, hatte der japanisch-chinesische Krieg schon so lange gedauert und war so weit entfernt, daß er mehr als historische Tatsache denn als Krieg eingestuft wurde. Im Vergleich zu Großbritanniens Kampf ums Überleben erschien der Ferne Osten schal und unbedeutend. Aber zu der altbekannten Geschichte um China war etwas Neues hinzugekommen. Japan gehörte nun als dritter Partner der Achse an, der sogenannten "Neuen Ordnung". Mein Boss, Chefredakteur von Collier?s und einer der nettesten Männer, die ich je kennengelernt habe, folgerte daraus, daß die Japaner, die ja schon in Indochina eingedrungen waren, nicht untätig herumsitzen und schon bald den Osten so zerstören würden, wie es ihre Partner mit dem Westen taten. Er war einverstanden, daß ich über die kämpfende chinesische Armee und die Verteidigungsvorbereitungen rund um das Südchinesische Meer berichtete.
     Die Deutschen waren erschreckend erfolgreich, Europa ging verloren und wurde zum Schweigen gebracht. Aber gleich ungezählten Millionen anderer Menschen glaubte ich zu keiner Zeit, daß Großbritannien besiegt, Amerika neutral bleiben und Hitler-Deutschland das Leben auf diesem Planeten erobern und beherrschen und vergiften würde. Nach langen Jahren würde uns der Sieg zukommen, doch das bedeutete gleichzeitig das Ende der Welt. Das Ende der Welt? Ich fühlte mich zur Eile getrieben: Los, los, ehe es zu spät ist. Was ich damit meinte - ich hab?s vergessen. Ich war entschlossen, den Orient zu erleben, bevor ich starb oder die Welt unterging oder was immer als nächstes kommen sollte. Der Orient: In meiner Vorstellung Bilder aus Kindertagen, nicht die Wirklichkeit. Die Wirklichkeit lag in anderer Richtung, jenseits des Atlantiks.
     Was ich nun lediglich zu tun hatte, war, nach China zu kommen. Zu dieser Superschreckensreise beschwatzte ich einen Unwilligen Begleiter, nachstehend bezeichnet als UB, der keineswegs dahin wollte, wohin er nun sollte. Er hatte seine frühen Jahre nicht damit verbracht, sich auf Straßenbahnfahrten etwas zusammenzuträumen, und sein Kopf steckte nicht voller Fu Manchu und Somerset Maugham. Er behauptete, einen Onkel gehabt zu haben, der in China Missionsarzt gewesen war und sich auf Pferdes Rücken selbst den Blinddarm herausoperierte. Man zwang ihn auch, von seinem Verdienst klingende Münze zur Bekehrung heidnischer Chinesen abzuzweigen. Diese Tatsachen schienen UB gegen den Orient eingenommen zu haben. Ich ließ mit meinem Gurren nicht locker, bis er gequält stöhnend nachgab. Das war unglaublich selbstsüchtig von mir, und so etwas wiederholte sich nie. Schreckensreisen stand ich danach allein durch. Es war in Ordnung, sich selbst kopfüber ins Unglück zu stürzen, falsch, irgend jemanden mit hineinzuzerren.
     Im frühen Februar des Jahres 1941 machten wir uns mit dem Dampfer von San Francisco aus auf nach Honolulu. Wir stellten uns vor, diese Fahrt verliefe wie in guten alten, schon fernliegenden Tagen, als man von New York nach Frankreich auf einem französischen Schiff übersetzte und in köstlichen Speisen und Getränken und in Luxus schwelgte. UB hatte immer die richtige Einstellung zum Vergnügen: Nimm?s, solange du kannst. Anstelle der erhofften Freuden wurden wir auf den Decks wie Pingpongbälle hin und her geschleudert, wir warfen uns in festgenagelte Möbel, bis sich die nicht festgenagelten Möbel auf uns warfen. Schließlich - unfähig, gerade zu stehen - zogen wir uns in unsere Kojen zurück, wo wir dann lagen und aßen, tranken und versuchten, nicht auf den Boden gekippt zu werden. Tabletts krachten runter von unseren Schößen, Flaschen ergossen sich. Das Schiff bewegte sich nach Delphinsart voran, schön für einen Delphin, gemein für ein Schiff. UB nörgelte reichlich: Warum hatte uns niemand gewarnt; wenn er gewußt hätte, daß der Pazifik solch ein Ozean sei, nie hätte er einen Fuß darauf gesetzt; ein Mensch solle bei den Wassern bleiben, die er kenne, und in der Tat kenne er und respektiere er eine Menge Seen und Flüsse; und betrachte es, wie du willst, M., dies ist ein schlechtes Zeichen. Die Seereise dauerte im groben eine Ewigkeit. Irgendwo hinter den abscheulichen grauen Wellen würde sich Honolulu auftun, ein Zufluchtsort voller Sonne, zum Schwimmen, mit Frieden und festem Boden unter den Füßen. Aber vor dem traditionellen Aloha-Willkommensgruß warnte uns auch niemand.
     Ich gab meiner Mutter per Luftpost einen vollständigen Bericht: "Zum Schluß hatten wir beide je achtzehn Leis um unsere Hälse. UBs Gesicht war blanker Haß. Er sagte zu mir: 'Noch nie habe ich so dreckige, verdammte Blumen um meinen Hals gehabt, und den nächsten Hundesohn, der mich berührt, mache ich fertig, und zu was für einem Misthaufen wir gekommen sind, und bei Christus dem Herrn, wenn noch mal irgendwer zu mir Aloha sagt, spucke ich ihm ins Maul zurück.' Kannst du?s dir vorstellen?
     Mit den Leis war es noch lange nicht zu Ende. Unter den Horden, die an Bord schwärmten, um Leute zu begrüßen und Freunden Leis umzuhängen, waren auch Fotografen. Ein dicker Mann, den wir noch nie gesehen hatten, kam zu uns. Er war Ire und betrunken. Er sagte zu UB: 'Ich bin genau so ?n großer Mann wie Sie, und ich kann genausoviel trinken.' Dann schwankte er, und UB fing ihn auf. 'Hier', sagte er zu einem in der Nähe stehenden Fotografen, 'mach auch ein Bild von mir. Ich bin, wo ich herkomme, ein toller Mann.' Und ich sagte schnell, um Schlimmeres zu verhüten: 'Worauf Sie sich verlassen können.' Und dies ist nun das Bild. Wir drei. Er taumelte von dannen, und wir sahen ihn nie wieder."
     Dieses Bild ist eines der wenigen, der bedauerlich wenigen, die meine vielfachen Wohnsitzwechsel überlebt haben. UB grinst wie ein Wolf mit offenem Fang über Halsbändern aus Blumen. Ich im Profil, ebenfalls blumengeschmückt, scheine nach hinten zu fallen und sehe ziemlich verwirrt aus. Zwischen uns, ohne Blumen, aber mit dem Glas in der Hand, der dicke Mann, der es schaffte, sich liebevoll an uns zu lehnen. Wenn ich die Art sehe, wie die Leute mit Kameras herumlaufen, haben wohl alle anderen immer schon begriffen, was es für einen Wert hat, wenn man seine Reisen auf Film festhält. Ich weiß erst jetzt, was ich verpaßt habe. Anstelle gewaltig dicker Alben besitze ich nur eine einzige dünne Mappe mit Fotos, und die bringen mich in meinen dahinschwindenden Jahren nur zum Lachen.
     Der Bericht fährt fort: "An Bord erschien auch eine Tante von UB, eine echte vollblütige Tante, wie UB sagte. Sie war die Lästigste von allen - mit ihrer feinen Mißachtung der Gefühle oder Beschwerden anderer (UBs Gesicht war jetzt weiß und naß vor Schweiß und Entsetzen, der Boden stieg hoch und traf mich, vor Kopfschmerzen konnte ich nicht mehr sehen, es war wie eine Vortragsreise mit all diesen überschwänglichen Leuten, die sich nicht abschütteln ließen). Wir wurden sie am Dock los, und da war dann Bill, der sah sehr nett aus, sauber, verläßlich, vernünftig, ruhig und einfältig. Er nahm uns ins Hotel mit, wo wir uns über Alkohol hermachten, um durchzuhalten, und wir unterhielten uns gut mit ihm über diesen Verteidigungskrempel, Fachkram, der uns interessiert und von dem ich wenigstens Ahnung haben muß. Er ging dann, nicht ohne das Versprechen losgeworden zu sein (Louise schickte ihn deswegen), daß wir am Abend mit dem American King dieser Insel und seiner Queen dinieren würden. Dies ist ein Ort, an dem Gastfreundschaft zum Fluch wird und niemand allein sein will. Wir aßen mit der Tante und einer traurigen Ansammlung von Leuten, die eigentlich Missionare sein sollten, aber nicht mal freundlich waren, einfach dummen Leuten zu Mittag, dazu nichts zu trinken. Ich fürchtete, vor Langeweile in Ohnmacht zu fallen. Und nun stell dir UB dabei vor. Zum Schluß hatten wir eine Stunde am Strand für uns allein, und dann kamen die Leute ins Hotel, uns zu besuchen. Dann gingen wir zu Tisch. Ein Leben, was?
     Das Dinner war für etwa fünfzig Leute gedacht - in einem weiten, von Fackeln erleuchteten Patio mit hüpfendem Springbrunnen. Das eindrucksvollste Haus, das ich, von einer Filmkulisse abgesehen, je gesehen habe, für mich nicht schön, aber reich, reich, reich. Es gibt gerade einen Streik der Straßenbahnarbeiter, und alle sagten mit festen, haßerfüllten Stimmen: 'Laßt sie nur streiken, bis sie verhungern, nur nicht nachgeben, es ruiniert uns sonst unsere herrlichen Inseln ?' Die Aktionäre bekommen jetzt 80 Prozent Dividende; sie könnten nicht mal einen Kompromiß schließen und sich mit 60 Prozent bescheiden. 'Laßt sie verhungern', hieß es bei den Gästen weiter, und das bei sahnigen Speisen und Champagner: 'Laßt sie verhungern.' Nun ja, das war sehr entzückend und aufschlußreich."
     Daß ich diesen Brief gefunden habe, war eine angenehme Überraschung, authentische heiße Nachrichten vom Tage, zumal ich mich nicht weiter an Honolulu erinnere. Außer daß ich dort war, daß es mir nicht gefiel und daß ich mit Bill Pearl Harbor besuchte. Die Flugzeuge standen Flügelspitze an Flügelspitze, die Kriegsschiffe drückten sich aneinander, die japanischen Fischerboote lagen längsseits vor Anker, ideal für den japanischen Geheimdienst. Bill, ein Soldat, war entsetzt von diesem Aufzug, aber er war kein Fünf-Sterne-General und daher nicht in der Lage, irgendjemandem Angst einzujagen. UB sagte, das sei das beliebte System aus dem Ersten Weltkrieg: Bringt alles und alle an eine Stelle, und dann löscht den ganzen Verein aus. Als Pearl Harbor tatsächlich zehn Monate später ausgelöscht wurde, 3300 Offiziere und Mannschaften starben, wurden meine Landsleute mit dieser Dolchstoßgeschichte ganz wild gemacht; meine Wut richtete sich jedoch vielmehr gegen den US-Generalstab, der für die Japaner das üppigste Ziel der Welt angelegt hatte.
     Wir zogen uns nach Hawaii zurück, unbemerkt von Touristen, friedlich und schlicht. Meine Notizen strahlen förmlich vor lauter Beschreibungen des Schönen: Zuckerrohrfelder und weite Viehweiden, Teegärten, Fischerdörfer, entzückende japanische Kinder. Ich erinnere mich jedoch nur, daß ich über Vulkanlava krabbelte und kletterte, auf vergeblicher Suche nach der Hawaii-Gemse oder einem ähnlichen Tier. UB genoß Hawaii mehr als ich. Er brannte wirklich nicht gerade vor Ungeduld, den Orient zu erreichen. Dann höre ich wieder unverändert meine innere Stimme (in einem weiteren Brief an meine Mutter): "In einer halben Stunde gehen wir zum Clipper. Ich bin sehr aufgeregt und zufrieden und froh wegzukommen. Wenn ich daran denke, daß alle Namen dieser Orte Wirklichkeit werden. Und ich werde dort sein ? Mir ist es egal, wohin wir kommen. Alles ist neu, ich möchte einfach alles sehen."
     Flugreisen waren nicht schon immer so widerwärtig, und die großen Pan-Am-Flugboote waren ganz wunderbar. Wir flogen den ganzen Tag lang in geräumigem Komfort, aßen und tranken wie die Wilden, besuchten den Kapitän, hörten unseren Mitreisenden zu, dösten, lasen, und am späten Nachmittag landete das Flugzeug auf dem Wasser bei einer Insel. Die Passagiere hatten Zeit zum Schwimmen, für ein Duschbad, das Dinner, und sie schliefen in Betten. Da Flugreisen in dieser Form wohl unübertrefflich waren, sind sie natürlich verschwunden.
     Auf dem Weg nach Hongkong, in Guam, wurden wir mit dem Speerfischen bekannt gemacht. Durch einen Reisenden, den ich meiner Mutter beschrieb als einen "Typ wie Lawrence von Arabien, ein Marine-Pilot, unterwegs nach Ägypten", und das ist alles, was ich von ihm weiß - mein sündhaft schlechtes Gedächtnis. Ich habe niemals einen Fisch mit der Harpune getroffen oder es auch nur versucht. Ich hielt es für töricht und unpassend, in Tiefen zu tauchen, in die ich nicht gehörte, und mich in Dinge einzumischen, die ich nicht verstand. Ich hielt respektvollen Abstand, blieb an der Oberfläche und beobachtete die Unterwasserszenerie mit ihren Fischen all die Jahre lang voller Freude. Die Fische sollten mich für ein Ruderboot halten. Es ist ja gar nicht so leicht im Leben, eine unfehlbare Quelle der Freude zu finden.

Teil 2