Vorgeblättert

Leseprobe zu German Sadulajew: Ich bin Tschetschene. Teil 3

29.06.2009.
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Jetzt fürchte ich den Tod nicht mehr. Denn der Tod ist keine Trennung, der Tod bedeutet ein Wiedersehen mit dir, Mutter.
Und ich bitte dich um Vergebung. Ich küsse deine Hände, deine Blumen, deine Gräser, ich streiche über dein Haar und breite meine Arme über deine Erde aus. Vergib mir meine uneingestandene Liebe, meine unterdrückten Gefühle, vergib mir, daß ich so viele Jahre nicht bei dir war, Mutter! Kannst du mir verzeihen?
Können deine Berge mir verzeihen, die blauen, fernen, die man nur bei klarem Wetter sieht, und die schwarzen, nahen, die immer zu sehen sind? Können mir deine Gärten verzeihen, deine goldenen Felder, deine purpurnen Rosen am Wegesrand, Fliederbüsche und Akazien, deine Frühlingswinde und Herbstregengüsse, deine Wolken und Sterne?
Können mir deine Schwalben verzeihen?

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Ich werde Ihnen von den Schwalben erzählen.
Im Kaukasus beginnt der Frühling zeitig. Im Februar schmilzt der Schnee, im März blüht schon der Flieder. Er ist weiß und fliederfarben, wie könnte man diese Farbe sonst nennen, die Farbe des Flieders? Ich erinnere mich, am 8. März blühte immer schon der Flieder, wir gingen in die Schule, um unseren Lehrerinnen zum Frauentag zu gratulieren, und hatten die Hände voller Flieder. Er wuchs am Straßenrand, auf dem Zentralplatz und auch in den Höfen.
Mit Hilfe des Flieders konnte man vorhersagen, welche Punktzahlen man von den Lehrern bekommen würde. Ein Großteil des Blütenstands hatte drei oder vier winzige Kelchblätter, aber es gab auch Blütenstände mit fünf. Wir suchten alle Zweige nach der höchsten Punktzahl ab.
Im April standen die Gärten bereits in Blüte, die Apfelbäume blühten, die Birnen- und Sauerkirschbäume, und auch die Pfirsichbäume blühten in hellrosa Farbe. Im Mai waren die ersten Süßkirschen reif.
Aber erst wenn die Schwalben geflogen kamen, gab es keinen Zweifel mehr: Morgen wird Sommer.
Jedes Jahr kamen sie auf eigene Weise geflogen. Ich weiß nicht, wer ihnen die genaue Wettervorhersage mitteilte, aber die Schwalben kamen immer einen Tag vor Sommerbeginn. Niemand hat den Bäumen derartige Mitteilungen gemacht. Eilig trieben sie zur Blüte, und es kam vor, daß späte Fröste die Blüten auf den angefrorenen Boden niederwarfen. Aber die Schwalben kamen immer zum richtigen Zeitpunkt.
Wir warteten auf sie, wir schauten aufmerksam zum Himmel, jeder wollte sie als erster entdecken. Dann war der Tag endlich da, und der Glückliche lief nach Hause, ausgelassen und fröhlich, als sei ein Wunder geschehen: Ich habe Schwalben gesehen, die Schwalben sind da.
Es scheint, als könnten wir es nicht glauben, wir sind nie ganz sicher, ob sie überhaupt geflogen kommen. Letztes Jahr waren sie da, vorletztes auch, vor drei und vor vier Jahren sind sie dagewesen, aber vielleicht werden sie dieses Jahr nicht kommen, und was machen wir dann? Was tun wir, wenn die Schwalben fernbleiben?
Ich weiß nicht, wohin sie fliegen, vielleicht sollte man einen Ornithologen fragen, obwohl man sich besser bei den Kindern erkundigen sollte, jedes Kind weiß, wohin zum Herbstbeginn die Schwalben fliegen: Ist doch klar, sie fliegen in ein sagenhaftes, warmes Land, dorthin, wo der Sommer überwintert. Und dann kommen sie zurück und bringen den Sommer auf ihren anmutigen Flügeln, mit denen sie die laue Luft zerteilen. Nein, der Sommer kommt erst einen Tag später, vielleicht sind die Schwalben der Vortrupp oder eine Aufklärungsabteilung, sie kommen als erste geflogen, dann morsen sie dem Sommer zwitschernd zu: Alles in Ordnung, du kannst kommen. Und dann stößt der Sommer vor und erobert unsere Dörfer, aber es ist eine Befreiungsarmee, und die Erde empfängt den Sommer mit reifenden Früchten und leuchtenden Blumen auf grünen Wiesen.
Vielleicht überwintern sie in Syrien oder Afrika, so meinen die Ornithologen, aber wissen die Ornithologen etwa, warum sie geflogen kommen? Warum sie für vier kurze Monate das ferne, warme Land verlassen, um eilig ihre Nachkommenschaft bei uns auszubrüten und wieder davonzufliegen? Warum bleiben sie nicht in ihrem endlosen Sommer, was lockt sie her aus der klimatischen Emigration? Sie kommen ganz einfach nach Hause, und darin liegt keine Logik, nur die Logik der Liebe, und deswegen fragen wir uns jedes Jahr: Wann kommen die Schwalben? Oder kommen sie vielleicht gar nicht? Wenn es keine Liebe mehr gibt, wenn die Heimat dort ist, wo man es warm hat, dann werden sie fernbleiben. Dann brauchen auch wir nicht mehr hier zu leben, dann muß sich jeder einen Ort suchen, an dem er es warm hat.

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Nun waren sie also da, aber es ging noch weiter. Am ersten Tag zogen Schwalbenschwärme um die Häuser und über die in Erwartung erstarrten Straßen hinweg. Sie wählten Plätze aus für ihre Nester. Insgeheim neidisch schauten die Nachbarn auf jene, unter deren Dach bereits die Vögel zwitscherten, und wieder dachte jeder: Werden die Schwalben in diesem Jahr mein Haus verschmähen und ihre Jungen nicht bei mir ausbrüten? Ist mein Haus etwa verflucht?
Bis sie erleichtert eines Morgens beim Verlassen ihres Hauses entdeckten: Da sind sie, geschäftig fügen sie Lehmklümpchen und Stroh zu einem Nest an der Wand. Also ist alles gut, alles wird gut, mein Haus bleibt stehen, meine Familie wird leben. Und wenn zwei Schwalbenpaare ihre Nester an verschiedenen Seiten des Hauses bauten, dann verhieß das doppeltes Glück: Dieses Jahr bringt mein Sohn eine Braut ins Haus, und ich bekomme Enkelkinder.
Die Schwalbe ist wie ein Totem, ein heiliger Vogel, eine Schwalbe zu töten ist große Sünde. Niemand tötet Schwalben. Wir waren grausame Kinder, wir übten unsere Treffsicherheit, indem wir mit Katapulten auf Spatzen schossen, wir stellten den Tauben Fallen. Manchmal töteten wir die Tauben einfach so, manchmal machten wir ein Feuer auf dem Feld und brieten ihr zartes Fleisch. Aber nie schossen wir auf Schwalben. Wahrscheinlich hatte man uns schon in früher Kindheit erklärt, daß man das nicht darf, vielleicht auch nicht, ich kann mich nicht erinnern, daß man es uns erklärt hätte, aber wir schossen einfach nie auf Schwalben.
Selbst die Katzen rührten sie nicht an. Unsere Katze, eine ehrwürdige Vertreterin dieses alten Geschlechts und von äußerst gemischter Rasse - ihre Jungen waren mal schwarz wie Kohle, mal hellblau wie Topas, mal binsenfarben -, gehörte zur vierten Generation mit dem Sippennamen Wumme. Wumme die Vierte habe ich sie genannt. Meine Großmutter hatte ihren entfernten Vorfahren als kleinen Wollknäuel übernommen, zuerst dachten alle, es sei ein Kater, und nannten ihn Pummel. Aber Pummel erwies sich als Mädchen. Um den Namen nicht völlig zu wechseln, wurde er verändert. So kam es zu Wumme der Ersten, dann folgten die Zweite, die Dritte und die Vierte. Bei Katzen setzt sich die Sippe über die weibliche Linie fort - da kann man den Vater der Kätzchen lange unter den beschweiften Don Juans der Umgebung suchen.
Wumme die Vierte war nicht nur eine Jägerin, sie hatte auch ihren Dienst zu tun. Zuverlässig erlegte sie Mäuse und Ratten, fraß sie aber nie. Sie wußte, es war ihre Pflicht, das erwartete man von ihr. Eines Abends, als die Familie vorm Fernseher saß, beklagte sich mein Vater über die Marder, die die Kürbiswurzeln im Gemüsegarten anknabberten; die Katze saß daneben und hörte aufmerksam zu. Am nächsten Morgen lagen auf dem Hof direkt vor unserer Schwelle neun gemeuchelte Marder aufgereiht, der gesamte verbrecherische Clan. Die Katze saß daneben und wartete auf Lob und Anerkennung für ihre Dienste. Selbstverständlich hatte sie keinen der Marder gefressen.
Unsere Katze zog nämlich Vogelfleisch vor.
An einem warmen Sommertag war meine Mutter auf dem Hof beschäftigt. Unsere Katze Wumme aalte sich in der Sonne, die Schwalbenjungen machten ihre ersten tolpatschigen Flugversuche. Unsere Katze zog sich unwillkürlich zur Sprungfeder zusammen und verfolgte aufmerksam jede ihrer Bewegungen. Da nahm meine Mutter einen Besen und sagte mit ungewohnter Härte in der Stimme: Wag es bloß nicht! Das sagte meine Mutter.
Unsere Katze hat sich dann auch nie auf Schwalbenjagd gemacht. Nach diesem Vorfall ignorierte sie sie völlig. Wenn die Schwalbenjungen über den Hof flogen, schaute sie demonstrativ weg und gab deutlich zu verstehen: Die interessieren mich keine Spur, eure Schwalben da.

Mit freundlicher Genehmigung des Ammann Verlages

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