"Wie konnte das geschehen?" Teil 4: Antisemitismus als Mittel zum Zweck
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14.08.2025. Welche Rolle spielte der Antisemitismus für die Nazis? Ließ sich die deutsche Führung hauptsächlich von Hass gegen Juden leiten oder nutzte sie den offensichtlich populären Antisemitismus gezielt, um damit politische und materielle Ziele durchzusetzen? Beide Motive haben sich sicherlich vermischt. Aber nicht zu übersehen ist das Spiel der Nazis mit dem weit verbreiteten Judenhass: Es handele sich nicht um eine "Angelegenheit des Mitleids, sondern der Zweckmäßigkeit", sagte Hitler bei Tisch.
Dies ist ein Auszug aus Götz Alys kommendem Buch "Wie konnte das geschehen?" aus dem Kapitel V. 5, Seiten 273-275 der Originalausgabe. Wir danken Autor und Verlag für die Genehmigung zur Veröffentlichung. D.Red.
Das von der NSDAP proklamierte Staatsziel, die Juden möglichst komplett zu enteignen, außer Landes zu drängen und deren Eigentum als Teil des deutschen »Volksvermögens« zu nationalisieren, führt zu einer wichtigen Frage: Ließ sich die deutsche Führung hauptsächlich von Hass gegen Juden leiten oder nutzte sie den offensichtlich populären Antisemitismus gezielt, um damit politische und materielle Absichten durchzusetzen? Da sich beide Motive sicherlich mischten – in explosiver Weise fusionierten – und Judenfeindschaft, Neid, Pogrom und Raub seit jeher miteinander verquickt sind, sei weniger dualistisch gefragt: Welchen Anteil hatte politisch-funktionales Kalkül an dem, was heute gemeinhin als nationalsozialistische Rassenpolitik bezeichnet wird und zuvor lange Zeit als Rassenwahn bagatellisiert wurde? Hier folgen erste Antworten – weitere in Kapitel XII.3: »Massenmorde als Mittel zum politischen Zweck«.
Bestellen Sie bei eichendorff21!Mitte August 1938 mäkelte Goebbels, »die Ungarn« würden zwar in der Judenfrage jetzt etwas energischer vorgehen, allerdings »zu zaghaft«. Dennoch gefiel die Entwicklung dem für die Massenpsyche zuständigen Minister gut. Er bezog sich auf das am 29. Mai 1938 vom ungarischen Parlament verabschiedete Gesetz, mit dem die Berufsfreiheit und die Arbeitsmöglichkeiten der vielen sozial höhergestellten Juden stark beschnitten wurden. Es trug einen für derartige Gesetzeswerke typischen Titel »Gesetz zum wirksameren Schutz des gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Gleichgewichts«.
Über Goebbels’ Adjektiv »zaghaft« mag man streiten. Immerhin war Ungarn das erste mitteleuropäische Land, das bereits 1920 – auf Druck einer christlich-magyarischen Studentenbewegung – einen harten Numerus clausus gegen Juden an den Universitäten erlassen hatte. Das Gesetz folgte dem Gedanken der Quotengerechtigkeit und sollte den Anteil der in aller Regel weit überdurchschnittlich gut vorgebildeten Juden an den Studierenden deutlich herabdrücken, um die Berufs- und Aufstiegschancen nichtjüdischer Akademiker mit protektionistischen Mitteln zu begünstigen. (Aus denselben Gründen der »Gerechtigkeit« hatte Russland den ausschließlich gegen Juden gerichteten Numerus clausus für Universitäten und höhere Schulen 1887 eingeführt; in Rumänien und später in Polen herrschten informelle Studienbeschränkungen bis hin zum Numerus nullus.)
Deutschen und ungarischen Vorbildern folgte das faschistische Italien im Juli 1938, allerdings weniger radikal. Doch genau das, der tastend-zögernde Beginn, begeisterte Goebbels. Still jubelte er in sich hinein: »Mussolini erlässt neue Rassegesetze. Numerus clausus für Juden. Er hat also Blut geleckt.« Blutlecken lässt sich zu Blutdurst steigern, und im Fall Ungarns sprach Goebbels aus, was er unter »Blutlecken« verstand: Ist der Weg antisemitischer Gesetzgebung erst einmal beschritten, und sei es noch so verhalten, »gibt es kein Zurück mehr«. In Italien kritisierte Papst Pius XI. die rassisch begründete Diskriminierung umgehend, auch wegen der Verletzung des 1929 mit der italienischen Regierung geschlossenen Konkordats. Das befeuerte Goebbels’ Freude erst recht, zumal Mussolini seinen »Ausflug in das Gebiet der Rassepolitik« mit einer »gepfefferten Antwort« an den Vatikan parierte. All das »kann uns sehr angenehm sein«, kommentierte Goebbels Anfang 1938. Vier Monate später rühmte er seine römischen Wertepartner wegen weiterer nunmehr »scharfer Rassegesetze« und deren verbindenden Gehalts: »(Italien) wandelt getreu in unseren Fußstapfen«, zudem hatte man dort die wissenschaftlich und politisch-diskursiv aufgemachte Zeitschrift La difesa della razza gegründet. Kühl kalkulierte Goebbels die Selbstradikalisierung einmal begonnenen Unrechts, anders ausgedrückt: die fatale, von ihm herbeigewünschte, herbeigeschriebene und herbeiorganisierte beschleunigende Wirkung der schiefen Ebene.
Thomas Mann erkannte das 1938/39 sofort. Er sah in der von Berlin betriebenen italienischen Annäherung an die deutsche Rassenpolitik »den besten Beweis dafür, dass es sich beim Rassismus überhaupt nicht um Rasse, sondern um ein revolutionäres Zersetzungsmittel handelt«. Im Nachsatz bemerkte er: »Wenn einem nur nicht das Wort ›revolutionär‹ noch immer zu gut wäre für diese nihilistische Schweinerei.« Friedrich Meinecke interpretierte Hitlers Verständnis vom Rassismus 1945/46 als »sehr wirksames Machtmittel, das man, wo es nicht hinpasst, auch liegen lassen kann«.
Als wollte er Manns und Meineckes Analyse bestätigen, frohlockte Goebbels am 19. November 1938, zehn Tage nach dem Pogrom, nicht ohne Grund: »Die Polen werden nun auch in der Judenfrage mobil. Wir machen sie doch noch zu einem wirklichen Weltproblem.« – Wir machen die Judenfrage – aktiv – zum Problem! Zuvor, am 11. Juni desselben Jahres, nachdem die bürokratischen Vorarbeiten zur Enteignung der deutschen Juden gerade abgeschlossen worden waren, hatten Goebbels und Hitler die Aufführung von Johann Nestroys Possenstück »Einen Jux will er sich machen« im Wiener Burgtheater besucht. Beide fanden die Inszenierung »entzückend« und schritten anschließend mit einigen Schauspielern zum Abendessen. Bestens gelaunt legte Hitler bei Tisch »die ganze Judenfrage dar« und schloss mit dem Merksatz: Es handele sich nicht um eine »Angelegenheit des Mitleids, sondern der Zweckmäßigkeit«.
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