Vorgeblättert

"Wie konnte das geschehen?" Teil 2: Geschenke an die Arbeiter

Ausgewählte Leseproben.
12.08.2025. Die Nazis waren Brückenbauer. Auch mit Arbeitern und Gewerkschaften gingen sie vorsichtig und inklusiv um. Den alten Gegensatz "Marxismus" versus "öder Hurra-Patriotismus" versprachen sie endgültig ad acta zu legen. Viele Arbeiter waren mit den Nazis zufrieden - auch wegen ihrer modernen Sozialpolitik.
Dies ist ein Auszug aus Götz Alys kommendem Buch "Wie konnte das geschehen?" aus dem Kapitel III. 2, Seiten 137-139, der Originalausgabe. Wir danken Autor und Verlag für die Genehmigung zur Veröffentlichung. D.Red.

Wie die Wahlergebnisse belegen, erweist sich die Meinung als irrig, die NS-Regierung sei hauptsächlich mit terroristischen Mitteln gegen die gewerkschaftliche, sozialdemokratische und auch kommunistische Linke vorgegangen. In Wahrheit legte die Partei Hitlers, soweit es ihr um die Masse der Arbeiter ging, großen Wert auf behutsame und inklusiv ausgerichtete Praktiken. Dementsprechend entwickelte Hermann Göring am 9. April 1933 im Berliner Sportpalast vor Tausenden Vertretern der NS-Betriebsorganisation Verhaltensmaßregeln für die nächsten Wochen und Monate.

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An diesem Abend schmückte das Transparent »Für deutschen Sozialismus« den riesigen Saal, eine Parole, die Göring als etwas vollkommen Neues präsentierte. Sie weise den Weg, um den alten, längst vernutzten Gegensatz »Marxismus« versus »öder Hurra-Patriotismus« endlich zu überwinden. Stattdessen gehöre die Zukunft der »kristallklaren Synthese« namens »deutscher Nationalsozialismus«. Was daran kristallklar sein soll, kann offenbleiben. Göring verstand darunter die kontrollierte Verschmelzung verschiedener Großgruppen, die in der Vergangenheit erbitterte Streitigkeiten miteinander ausgefochten hatten, hin zu einer möglichst konfliktarmen, der Zukunft zugewandten Einheit.

In seiner Eigenschaft als Reichskommissar für das – noch bestehende – preußische Innenministerium und mithin Chef der Preußischen Polizei verlangte Göring, nach der nunmehr vollzogenen nationalen Revolution nur die Großen zu bestrafen, nicht jedoch die Kleinen. Für Letztere gelte es, Brücken zu bauen, um sie auf den rechten Pfad national-sozialen Bewusstseins zu geleiten. »Das ist eure Hauptaufgabe«, beschwor er die Delegierten der NS-Betriebsorganisation, »ihr müsst den ehemaligen Marxisten und Kommunisten wieder klarmachen, was es heißt, zum Volk zu gehören. Dem Almosenstaat der letzten vierzehn Jahre stellen wir unseren Sozialismus gegenüber, der das Recht auf Arbeit wiederherstellen will.« In denselben Tagen erklärte die Reichsregierung den 1. Mai zum gesetzlichen Feiertag. Dafür hatten sozialistische Gewerkschaften und Parteien jahrzehntelang demonstriert, Verhaftungen und Lohnausfälle in Kauf genommen und auch Blut vergossen. Nun endlich war der Feiertag da – als »Tag der nationalen Arbeit«.

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Das Brückenbauen findet auch von der anderen, der sozialdemokratischen und gewerkschaftlichen Seite her statt. Wie und mit welchen Argumenten, lässt sich an Rechtsanwalt Paul von Bagnato (1874 – 1947), einem alten SPD-Parteigenossen aus Esslingen, zeigen. Dieser schreibt am 17. März 1933 an den tonangebenden, hier schon als strammen Befürworter der kaiserlichen Kriegspolitik vorgestellten (Kapitel II .1) »werten Genossen« Wilhelm Keil, der jahrelang für die SPD im Landtag und im Reichstag Politik gemacht hat. Bagnato plädiert für »ein erträgliches Verhältnis zur NSDAP«. Ein Bündnis mit den Kommunisten komme überhaupt nicht in Frage, aber auch keines mit den bürgerlichen Parteien der alten Weimarer Koalition, schon gar nicht mit dem katholischen Zentrum. Sein zentrales Argument lässt an Klarheit nichts zu wünschen übrig: »Die Struktur dieser (bürgerlichen) Parteien ist zu der unsrigen noch wesentlich mehr entgegengesetzt als zu der NSDAP.«

Einleitend zitiert der Briefschreiber, was der altgediente und einflussreiche sozialdemokratische Landtagsabgeordnete Fritz Ulrich (1888 – 1969) kurz zuvor, nämlich nach der Reichstagswahl am 5. März 1933, öffentlich erklärt hat: Trotz aller Waffenungleichheit im Wahlkampf sei das Ergebnis, so Ulrich, »ein Willensausdruck des Volkes ( ... ), der die Politik der deutschen Nation entscheidend beeinflussen wird«. Die NSDAP hatte 43,9 Prozent erreicht, die SPD als zweitstärkste Kraft 18,3 Prozent. Bagnato erklärt die verheerende Wahlniederlage mit dem Hinweis, die NSDAP habe wichtige politische Ämter an Leute vergeben, die – wie Hitler selbst – »aus dem Volk hervorgegangen sind«. Dem könne die SPD nichts entgegensetzen. Zudem habe die neue Regierung »durch wirtschaftliche Maßnahmen uns den Wind aus den Segeln genommen« – Maßnahmen, denen »wir ernstlich und sachlich gar nicht entgegentreten können«.

Mit anderen Worten: Die NSDAP hatte soziale Sicherungsmaßnahmen getroffen, die der SPD gut zu Gesicht gestanden hätten, und eine Vielzahl der nationalsozialistischen Funktions- und Entscheidungsträger stammte aus den unteren Schichten der Bevölkerung, von denen sich die überalterten sozialdemokratischen Funktionäre fortschreitend entfernt hatten. Fritz Ulrich und dessen Ziehvater Wilhelm Keil sind dafür gute Beispiele.

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Teil 1: Der respektable Herr Dibelius
Teil 2: Geschenke an die Arbeiter
Teil 3: Priester einschüchtern
Teil 4: Antisemitismus als Mittel zum Zweck
Teil 5: Konkursverschleppung
Teil 6: Kriegsfinanzierung
Teil 7: Lustige Künstlergesellschaft
Teil 8: Wundervolle Stiefel von einem Gefangenen
Teil 9: "Fahren Sie auch ein paar tot!"
Teil 10: Eine ganz große Freude statt Weltanschauung
Teil 11: "Wie stelle ich mir die Lösung der Judenfrage vor?"
Teil 12: Kraft durch Furcht

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