Vorgeblättert

John Maynard Keynes: Freund und Feind. Teil 2

20.08.2004.
Ich kann mich nicht erinnern, je irgendwo eine genauere Beschreibung von Marschall Foch gelesen zu haben. Sein Photo kennt jeder. Aber worin besteht jenseits der äußeren Erscheinung das Bild, das man allgemein von ihm hat? Der Marschall ist ein gläubiger Katholik, er und seine dicke Frau geben im Privatleben ein höchst bourgeoises Ehepaar ab - das bekommt man erzählt, und das ist auch interessant. Ich kam zu folgendem Eindruck von ihm - beim Rat der Zehn, in Les Invalides und in Trier.
Foch ist der Typus des französischen Bauern, ziemlich klein, mit deutlich krummen Beinen; sein Schnurrbart ist ungepflegt, und er zieht an den Enden ; in seinem schäbigen Büro in den Invalides nuckelt er an einer Pfeife ; er hat eine höchst charakteristische Angewohnheit : Wenn er Zivilisten zuhören muß, die ihn langweilen, schiebt er die hängende Unterlippe vor - wohl durch den Druck der Zunge gegen sein Gebiß - und läßt sie im Winde flattern. Er steht zeitig auf, ißt zeitig zu Mittag und zieht sich abends zeitig zurück. Er ist nicht selbstgefällig, er kennt keine Eitelkeit. Er hat die Haltung der Autorität. Das verleiht ihm Statur und beträchtliche Würde. Wüßte man nicht, wer er ist, man würde ihn nicht wahrnehmen. Erfährt man aber, daß dies der große Marschall ist, so ist man nicht ganz enttäuscht. Ich bezweifle, daß er besonders ehrgeizig ist.
Sein eng begrenzter Intellekt ist - im strikten Sinne - militaristisch. Er glaubt, daß es eine absolute und klare Unterscheidung zwischen den Dingen gibt, für die das Militär zuständig ist, und jenen, die in die zivile Zuständigkeit fallen. Nur die ersteren sind von Bedeutung. Und die Einmischung irgendwelcher Zivilisten in dieselben empfindet er als unerträglich. Das Zivile und seine Angelegenheiten, von denen er nichts zu wissen behauptet und auch nichts weiß, betrachtet er mit höflicher Verachtung. So, wie für bestimmte Dinge Priester und Jesuiten zuständig sind (die auf die Einmischung von Laien zu recht erzürnt reagieren), so fallen andere in die Zuständigkeit des Militärs, das ebenfalls vor jeglicher Einmischung bewahrt bleiben sollte.
Ich bin mir sicher, daß Fochs Verstand und Charakter von äußerster Einfachheit sind - von einer fast mittelalterlichen Einfachheit. Er ist ehrlich, furchtlos und unnachgiebig. Aber neun Zehntel der menschlichen Verhältnisse nimmt er aus seiner Perspektive heraus gar nicht wahr, und sein Verstand vermag sich nicht darauf zu konzentrieren. Insofern kann er unter entsprechenden Umständen dem Wohl der Menschheit ebenso gefährlich werden wie jeder, der einen engen und durch nichts beeinflußbaren Geist mit einem starken, einfachen Charakter verbindet. Das darf Sie aber nicht dazu bringen, seine Bedeutung zu überschätzen. Wenn auch eine echte Gestalt, so ist er doch eine kleine - ein Bauer eben.
Von den amtlichen Schriften des Marschalls weiß ich nichts, auch nicht, ob er sie selbst aufsetzt. Seine Fähigkeiten, sich mündlich auszudrücken, sind allerdings schwach. Er sitzt bei Beratungen meist lange stumm und ausdruckslos da, bis man ihn nach seiner Meinung fragt, die er dann kompromißlos und ohne den Versuch, seine Gesprächspartner irgendwie zu überzeugen, im Stil eines Tagesbefehls von sich gibt. Manchmal sprach General Weygand*, sein Hauskobold, für ihn. Dem Marschall standen Argumentationsund Überredungskunst nicht zur Verfügung. Von den Fällen abgesehen, wo er sich aufgrund seines großen Prestiges oder durch Einsatz seiner militärischen Autorität durchsetzen konnte, war er ein ziemlich inkompetenter Vorsitzender. Er hatte insofern kaum einen Begriff davon, wie eine Versammlung ziviler Repräsentanten fremder Staaten zu leiten wäre ; immerhin blieb er alles in allem gelassen. Als ich Foch das erste Mal im großen Saal des Quai d?Orsay sah, rief er, wie ich mich erinnere, inmitten des allgemeinen Stimmenbabel mit dem dünnen Läuten einer kleinen Glocke zur Ordnung. Er schien aber eher Verachtung für die Disziplinlosigkeit der Zivilisten zu empfinden als Ärger oder Überraschung. 
Die Reise nach Trier war die einzige Zeit auf der Friedenskonferenz, während der ich viel Bridge spielte. Es traf sich, daß das dazu nötige Spielerquartett im Zug war - Norman Davis, der Amerikaner ; Sheldon, ein weiterer Amerikaner (mit Lebensmittelfragen befaßt) ; Sir John Beale, der Syndikus der Midland-Eisenbahn und Staatssekretär im Ernährungsministerium, und ich. Wir spielten während der ganzen Fahrt fast ununterbrochen Tag und Nacht, und auch während der drei Tage in Trier unterbrachen wir unser Spiel nur dann, wenn wir in den Beratungen mit den Deutschen saßen.
Trier liegt, wie Sie wissen, in Deutschland. Es erschien uns allen als außergewöhnliches Abenteuer, im Januar 1919 deutschen Boden zu betreten. Wir fragten uns, wie wohl die Straßen aussahen, ob man bei den Kindern durch das Hemd hindurch die Rippen zählen konnte, was es in den Läden zu kaufen gab. Dudley Ward schoß mit elektrischer Geschwindigkeit durch die Straßen und sammelte seltsame Banknoten, Papierkleidungsstücke und andere Souvenirs ein. Wir sahen aber wenig von Trier, da wir im Eisenbahnzug wohnten und  den Bahnhof nur selten verließen. Eine häusliche Szene ist mir im Gedächtnis geblieben. Die Stadt lag damals im Gebiet der amerikanischen Besetzung und war in den Händen der amerikanischen Armee. Die amerikanischen Delegierten forderten deshalb, daß man für sie angemessene Wohnungen requirierte. Einigermaßen stolz auf ihre überlegene Stellung boten sie auch mir ihre Gastfreundschaft an. So wurden wir von einem amerikanischen Lieutenant - mit großem Charme und überdies der für seinen Typ höchst charakteristischen Angewohnheit innerlichen Expektorierens, hätte ich nur Zeit, diese Züge zu schildern - mitgenommen, um ein oder zwei verfügbare Unterkünfte zu inspizieren. Die erste, die wir betraten, war ein typischer deutscher Haushalt der oberen Mittelschicht, kahl, aber makellos sauber. Mit niedergeschlagener, aber respektvoller Miene führten die Frau des Hauses und ihr Gatte die fremden Eroberer herum. Ich schämte mich bei der ganzen Angelegenheit sehr. Wir sprachen laut untereinander, erkundigten uns nach dem Badezimmer, prüften die Matratzen, erklärten, es würde alles in allem schon hingehen, und bekamen den Hausschlüssel. Ich glaube, wir versuchten wirklich, höflich zu bleiben und ihre Gefühle zu schonen. Die Manieren des amerikanischen Lieutenants waren perfekt. Aber die gute Erziehung von Wall-Street-Gentlemen sieht solche Eventualitäten eben doch nicht vor, und das Wesentliche an der ganzen Situation - in der Tat für die Amerikaner das einzig Wichtige, da wir es in unserm train de luxe viel komfortabler hatten - war nun einmal der Umstand, daß wir unsere Siegerrechte wahrnehmen konnten, um diesen armen Leuten im Interesse unserer eigenen flüchtigen, banalen Bequemlichkeit das Leben schwerzumachen. Wir Zivilisten sicherten uns hier einen schwachen Abglanz jenes genüßlichen Gefühls, das (wie mir hier zum ersten Mal lebhaft klarwurde) die ordinärsten Soldaten einer siegreichen Armee empfinden müssen, wenn sie sich in einem geschlagenen, fremden Heimatland einnisten. Wir begingen eigentlich einen Greuel, und deshalb machte es so viel Vergnügen. 
Eine halbe Stunde später war uns allen klargeworden, daß es Blödsinn wäre, spätnachts unseren Zug zu verlassen und durch feuchte Straßen zu marschieren - nur um auf den Strohmatratzen schlafen zu können, die wir erbeutet hatten. Und wir suchten unser Quartier nie wieder auf. Erst bei der Abfahrt aus Trier entdeckte ich, daß ich immer noch den Hausschlüssel der guten Dame hatte.
In der Zwischenzeit waren uns die Deutschen begegnet. Unser Zug kam um die Frühstückszeit an. Ihrer aus Berlin kam ein wenig später. Erzberger, dick und widerlich im Pelzmantel, ging den Bahnsteig hinunter zum Salonwagen des Marschalls. Bei ihm waren ein General und ein Kapitän zur See, der das Eiserne Kreuz um den Hals hatte und in Gesicht und Figur außerordentliche Ähnlichkeit mit dem Schwein in Alice im Wunderland besaß. Als Gruppe bestätigten sie in großartiger Weise das populäre Klischee von den "Hunnen". Die jeweils persönliche Erscheinung dieser Nation spricht wirklich in ungewöhnlichem Maße gegen sie. Wer weiß, ob dies nicht der eigentliche Grund des Krieges war ! Man vergleiche diese Deutschen mit jenem stupiden und fühllosen Militaristen, unserem Admiral Browning ! Der kommerzielle, militärische und diplomatische Wert des Umstandes, daß man aussieht wie ein typisch englischer Gentleman (mit der zusätzlichen Würze exzentrischer Unabhängigkeit, die in der Laune des alten Burschen lag, einen großen Fleischerhaken anstatt einer Hand zu tragen und sich mit diesem seine Pfeife zu stopfen), wiegt alle Millionen von Spandau und alle Uniformen der Welt auf. 
Wir beschauten sie als Touristen. Sie gingen steif und unbehaglich und schienen die Beine wie Männer auf einem Photo oder in einem Film zu bewegen. Man sah den Marschall durch das Fenster seines Eisenbahnwagens, wie er an seinem zerfledderten Schnurrbart zog und seine Pfeife beiseitelegte. 
Einen Augenblick später wurden wir alle in unseren eigenen Salonwagen zurückgerufen, da die deutschen Finanzexperten eingetroffen waren. Dieser Eisenbahnwagen war klein, und wir und sie waren zahlreich. Wie sollten wir uns verhalten ? Einander die Hand geben ? Wir drängten uns am einen Ende des Wagens zusammen, mit einem schmalen Kartentisch zwischen uns und dem Feind. Sie preßten sich in den Wagen und verneigten sich steif. Auch wir machten eine Verneigung - eine steife, da manche unter uns sich noch gar nie verneigt hatten. Nervös machten wir eine halbe Bewegung, als wollten wir ihre Hände schütteln, und taten es dann doch nicht. Ich fragte sie in einem Ton, der liebenswürdig klingen sollte, ob sie alle englisch sprächen. 
Ein trauriger Verein waren sie in jenen frühen Tagen - mit knittrigen, niedergeschlagenen Gesichtern und müde starrenden Augen, wie Männer, die an der Börse zermalmt worden sind. Doch aus ihren Reihen trat nun ein sehr kleiner Mann in die Mitte vor, von exquisiter Sauberkeit, sehr gut und sorgfältig gekleidet, mit einem Stehkragen, der sauberer und weißer schien als ein normaler Kragen, den runden Kopf von graumeliertem Haar bedeckt, das so kurz geschnitten war, daß es wie der Flor eines dichtgeknüpften Teppichs wirkte (wobei die Linie des Haaransatzes sein Gesicht und seine Stirn mit einer scharf definierten und fast edlen Kurve begrenzte), mit Augen, die uns glänzend anblickten und in denen eine ungewöhnliche Trauer stand und doch auch der Ausdruck eines ehrlichen Tieres, das der Jäger in die Enge getrieben hat. Das war er, mit dem ich in den folgenden Monaten eine der denkbar seltsamsten Intimitäten auf der Welt erleben sollte, mit dem ich einige sehr merkwürdige Erfahrungen machen würde - Dr. Melchior.
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*) Der General Weygand war ein dunkelhaariger, urbaner, angenehm aussehender, wohlerzogener, geschickter, tüchtiger, beredter kleiner Mann von etwa fünfundvierzig, der als eine Art erster Privatsekretär des Marschalls tätig schien. Ich glaube nicht, daß ich den Marschall je ohne ihn gesehen habe. Seine Pflichten waren vielfältig, aber er schien ihnen allen nachzukommen und war niemals aufgeregt. Zuerst dachte ich, er sei der Intellekt des Marschalls, aber das war ein Irrtum. Er war jedoch sein Sprachrohr und glich seine kleineren Mängel aus. Ich nehme an, er ist Katholik und Jesuitenzögling wie sein Herr und Meister.

Teil 3