Tagtigall

Schwarze Schmetterlinge

Die Lyrikkolumne. Von Marie Luise Knott
03.06.2016. "Wann wird die Sonne in ihrer Schönheit wieder über ganz Afrika scheinen?" fragt der südafrkanische Dichter Wanga Gambushe. Noch stehen vor einer afrikanischen Renaissance Selbstzweifel, die Wunden der Apartheid und die Sünden der Väter. Die Elandantilope hört teilnahmsvoll zu. Eindrücke vom Poetry Lunch in Kapstadt.
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"Ausgang aus der langen Nacht" ("Sortir de la grande nuit") lautet der Titel des neuen Buches von Achille Mbembe, dem berühmten kamerunischen, in Südafrika lehrenden Querdenker. Doch die Sehnsucht nach dem Licht einer afrikanischen Renaissance ist auch zwanzig Jahre nach dem Ende der Apartheid vielfach von Ohnmachtsgefühlen überschattet. Dichtete Antjie Krog in den 1970er Jahren: "Nachts notiere ich Worte, die wie Blätter Sauerstoff produzieren, damit ich atmen kann", so liest man bei dem jungen Xhosa-Dichter Wanga Gambushe: "Wann wird die Dunkelheit enden, wann wird die Sonne in ihrer Schönheit wieder über ganz Afrika scheinen?"

Die großartige südafrikanische Dichterin Ingrid Jonker - in ihrer poetischen Intensität und menschlichen Tragik vielleicht die Ingeborg Bachmann Südafrikas - fand Anfang der 1960er Jahre, in den Hochzeiten der Auseinandersetzungen um die Passgesetze, das Bild der "swart vlinders":"Mein Volk ist von mir abgefault" fasste sie ihre weiße Scham ins Wort, und "unsere Sonne" ist verdeckt von "schwarzen Schmetterlingen". - Schwarze Schmetterlinge nehmen das Licht. Doch wie die Träume und die Dichtung haben auch schwarze Schmetterlinge Flügel und verkörpern die Hoffnung, dass in irgendeiner Zukunft die Düsternis verflöge.

So frei die Regenbogennation heute ist, viele Menschen fühlen sich immer noch ausgeschlossen - aus der Gesellschaft wie aus dem Reich der Poesie. So erzählt Antjie Krog von ihrem Gespräch mit einem angehenden Lyriker, in dessen Gedicht ein schwarzer Minenarbeiter am Kaminfeuer sitzt. Gefragt, ob sie zu Hause einen solchen Kamin besäßen, antwortete der junge Dichter: "No, Miss. We sommer huddle in front of a heatertjie" (Nein, Miss, wir drängeln uns zusammen vor einem kleinen Heizstrahler"); ein solches Gerät tauge aber nicht für die Poesie. Wenn es stimmt, dass Poesie die träumerische Ader im Gesellschaftskörper ist, dann werden demnächst auch Heizstrahler auftauchen.

Seit sieben Jahren nun gibt es jeden Herbst ein Poesiefestival auf einem riesengroßen wunderschönen Weingut nahe Kapstadt. "Spier, Dancing in Other Words". Eine Woche lang versammeln sich hier unter der Leitung von Breyten Breytenbach Dichter aus aller Welt zu Biltong und Wein, zu Vortrag und Gespräch. An einem Tag besuchen die "Spier-Dichter" die UWC, University of Western Cape, zu einem Poetry Lunch, den Antjie Krog ausrichtet.

Unter dem Beifall der meist studentischen Zuhörer rappte in diesem Jahr dort der nigerianische Autor und Performer Efe Paul Azino seine Verse: "Let our voices ring". Eine Hymne des Aufbruchs, in welcher der Sound der Spirituals mitschwingt. Er forderte dazu auf, "sweat and fears" sowie die Berge des Selbstzweifels hinter sich zu lassen und so lange nach Erinnerungen zu graben, "bis wir auf jene Zivilisationen stoßen, die wir vor dem Einfall der Barbaren besaßen, denn auch wir sind ein Volk, ein Universum aus Träumen".


(Efe Paul Azino: Let our voices ring". Aufgenommen beim Poetry Lunch der Universität of Western Cape 2016)

Solch schwarzes "Wir" schweißt zusammen. Der Rhythmus ist hart und man ahnt, dass ein Gespräch über Bäume hier fast wie ein Verbrechen erscheint. Rapper wie Efe Paul Azino oder auch der Südafrikaner Kgafela oa Magogodi geben jenen eine (kollektive) Stimme, die sich von niemandem gehört glauben.

Neben den "Spier-Gästen" trugen auch Absolventen des "Creates"-Programms der UWC poetische Werke vor. Die meisten Autoren sind schwarz oder coloured. Sie schreiben auf Englisch, Afrikaans oder Xhosa. Ihr Ton ist von Trauer, Ohnmacht und Wut geprägt, wie die Anklage des Xhosa-Dichters Sivatho Rigala. Aus der Übersetzung erfährt man, dass sein Text die Haltlosigkeit der Gesellschaft und den eigenen promisken Vater anprangert, der alle Frauen geschwängert und Dörfer voll Kinder gezeugt habe, die er jedoch nie als seine Kinder anerkannte. Bis heute nicht. Er, der Sohn, der nie väterliche Liebe, nie väterlichen Rat und nie väterlichen Schutz erlebte ("I stumbled on my own in search of a morningstar"), ist sich selbst Heimstätte des Unglücks geworden. "Dieses Fiasko ist deine Tat, Tata! Deine Sünden stehen mir auf die Stirn geschrieben, Tata!" rappt er. Hier zu hören auf Xhosa:


(Vortrag Sivatho Rigala. Aufgenommen beim Poetry Lunch der Universität of Western Cape 2016)

Der Rhythmus reißt mit, die Geschwindigkeit der Gaumenbewegungen und die enorme Klangvarianz faszinieren; es klackert und schnalzt und zischt, manche Töne werden im Einatmen, andere im Ausatmen produziert. Ein für Europäer völlig fremder Reichtum.

Achille Mbembe postuliert als "Ausgang aus der langen Nacht" die Möglichkeit, sich von den Identitätsfixierungen zu lösen und sich frei als "singuläre Figuren des Universellen" zu denken. Ein weiter Weg wahrscheinlich, in einem Land, wo die Wunden und Narben der Apartheid sich den Körpern tief eingeschrieben haben.
Doch es gibt sie, Mbembes "singuläre Figuren". Etwa den Buschmann-Dichter Nunke Khadimo, der auf Khwe schreibt und jüngst (neben einem Gedicht über den Hunger) das Gespräch eines lyrischen Ichs mit einer Elandantilope veröffentlichte. "Gespräch" lautet der Titel. Und unter der Übersetzung ins Englische liest man in Klammern: "Nach einer Erzählung von Nunke Khadimo".

conversation
(as told by Nunke Khadimo)

eland, I see a blue sky
a big leaf tree and tall Bushman grass
I can do nothing with it

I care for you
I care for you

I see a baobab, oh dear eland, and the sun. I see
kapokbos and a pied crow. I can do nothing with it

I want to be something else, eland
sit. click. close. two
I am scared of strangers

I am glad for all the things on earth
oh Table Mountain in the south
how beautifully you have been made
sit. click. close. two

I care for you
I care for you

I am glad to work here, eland
I see a wag-'n-bietjie-tree and a speckled pigeon
sit. click. close. two
sit. click. close. two
I can only say that I want to be something else, eland. I want to be something else


In diesen Zeilen spürt man den Wind und man hört das Staksen des Tieres. Natur ist eine eigene Gegenwart.


***

Zum Hingehen:
Am Samstag, den 4. Juni, liest Efe Paul Azino im Rahmen des Internationalen Poesiefestivals in der Akademie der Künste zu Berlin.

Zum Weiterhören:
Spier Poetry Festival 2016.
Und ein Vortrag von Efe Paul Azino auf Youtube: "Justice has bin kidnapped in my country".

Zum Weiterlesen:
Achille Mbembe, Sortir de la grande nuit, Editions la Découverte, Paris (erscheint im Oktober 2016 auf Deutsch unter dem Titel "Ausgang aus der langen Nacht" bei Suhrkamp).
Ingrid Jonker, Black Butterflies, Selected Poems, translated by André Brink and Antjie Krog, Kapstadt 2007
New Contrast - Manifesto! South African Quarterly, Spring 2016.
This is my land, UWC Creates Programme, 2012.
Antjie Krog, Körper Beraubt, Matthes und Seitz, Berlin 2014.
Ankunft eines weiteren Tages, Zeitgenössische Lyrik aus Südafrika, herausgegeben und mit einem interessanten Überblick im Nachwort, von Indra Wussow, Wunderhorn Verlag, Heidelberg 2013.
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