
Auf der Prager Buchmesse Svět Knihy hat sich Daniel Konrád mit dem ukrainischen
Schriftsteller Andrej Kurkow unterhalten, der sich bemüht, Stereotypen über sein Land zu zerstreuen, die er im Westen oft zu hören bekomme, "etwa, dass Russen und Ukrainer
viel miteinander gemein hätten. Dabei könnte der Unterschied nicht größer sein. Russland war lange eine Monarchie, und so haben die Russen sich eine Kollektivmentalität angeeignet. Sie sind leicht zu manipulieren. Auch leicht zu verängstigen. In den letzten Jahren hat sich ihrer wieder
eine Art genetische Angst vor Stalinismus und Gulag bemächtigt. Die Ukrainer hingegen behalten ihre individualistische Mentalität bei. (…) Für Ukrainer ist
Freiheit wichtiger als Stabilität. Bei den Russen ist umgekehrt. In den letzten 20 Jahren haben sie zugunsten der Stabilität auf jegliche Freiheit verzichtet und Wladimir Putin erlaubt, buchstäblich jede Opposition auszuradieren." Die kulturelle Situation dort vergleicht Kurkow mit dem Jahr 1917: "Damals floh ein Teil der russischen Intellektuellen vor den Bolschewiken und begann sich in der Diaspora parallele kulturelle Zentren aufzubauen. Heute wiederholt sich die Situation, in Berlin oder London entstehen erneut russische Verlage. Aber auch das wird das Interesse der Ukrainer an der russischen Kultur nicht wieder wecken. Schon wegen der Sprachenfrage." Andrej Kurkow selbst wird in der Ukraine durchaus kritisch gesehen, weil er seine Romane weiterhin in "der Sprache des Agressors", auf Russisch, schreibt. Kurkow hat Verständnis dafür: "Das beweist nur, wie freigeistig die ukrainische Gesellschaft ist. In Russland würde so eine
Debatte überhaupt nicht geführt, da die Russen das Denken verlernt haben und gedankenlos alles übernehmen, was ihnen von oben diktiert wird. Die Ukrainer aber sind Individualisten, und so hat jeder in der Ukraine die Freiheit, seinen Willen auszudrücken. Das ist völlig in Ordnung."