
Wie Landwirtschaft, Geschichte, Politik, Krieg und nachhaltige Agrarwirtschaft in der
Ukraine zusammenhängen, kann man im sozialkritischen ukrainischen Online-Journal
Commons nachlesen. Im Gespräch
skizziert die Soziologin
Natalia Mamonova ebenso kenntnisreich wie unterhaltsam die Reformgeschichte der
ukrainischen Landwirtschaft nach dem Zerfall der Sowjetunion, reflektiert die unmittelbaren und langfristigen Entwicklungspfade der ukrainischen Agrarpolitik und thematisiert auch die jüngste Kritik und Proteste gegen ukrainische Exporte in die EU: "Wir sollten meiner Meinung nach nicht versuchen, die großindustrielle Landwirtschaft in der Ukraine in ihrem Kern zu beseitigen. Das wäre zu extrem und unrealistisch. Erstens generiert die Agrarindustrie Haushaltseinnahmen, die für den Wiederaufbau des Landes nach dem Krieg benötigt werden (vor dem Krieg machte der Agrarsektor 45 Prozent der Exporterlöse aus). Sicherlich gibt es genügend Fälle von Steuerhinterziehung im großen Stil durch die Agrarindustrie, aber wir sollten die Rolle des
Großkapitals in der ukrainischen Wirtschaft nicht unterschätzen. Zweitens ist die Welt auf das
Getreide aus der Ukraine angewiesen, und unser Land hat das Potenzial, das geeignete Klima und die Ressourcen, um die 'Kornkammer der Welt' zu bleiben. Ich denke jedoch, dass es wichtig ist, großen Unternehmen
mehr Beschränkungen aufzuerlegen, einschließlich Umweltauflagen, und die Agrarwirtschaft transparenter zu machen. Es ist auch wichtig, dass die ukrainische Regierung die Prioritäten in ihrer Agrarpolitik von einem 'big is beautiful'-Handeln auf die Unterstützung von Familienbetrieben und ländlichen Haushalten verlagert. Das ist natürlich leichter gesagt als getan, denn die bimodale Agrarstruktur, die Kleinbauern gegenüber sehr ungerecht ist, ist im ukrainischen institutionellen System tief verwurzelt. Dies zeigt sich auch in der neuen Agrarpolitik, die weitgehend darauf abzielt, das Vorkriegsmodell einer globalisierten, exportorientierten Landwirtschaft wiederherzustellen."