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3:AM Magazine

1 Presseschau-Absatz

Magazinrundschau vom 02.12.2025 - 3:AM Magazine

Die ambitionierteste, seitenreichste, radikalste und zugleich ruinöseste Form der Gegenwartsliteratur könnte man mit dem Begriff "nekromodernistisch" beschreiben, schlägt der Literaturwissenschaftler David Vichnar mit furioser Geste vor. Darunter versteht er Konvolutromane an der Grenze zur Lesbarkeit - von David Foster Wallace über Alan Moore und Mark Z. Danielewski bis zu Louis Armand und vielen, vielen weiteren mehr. Es handelt sich dabei um Romane nach dem "Tod des Romans", wie er in der Nachkriegsmoderne ausgerufen wurde. Vichnar beschreibt eine "nekromodernistische Verfassung, in dem das Schreiben in den Ruinen der einstmals modernen Ambitionen an sich festhält. Der Nekromodernismus feiert das Neue nicht und betrauert auch nicht nostalgisch das Alte. Stattdessen haust er in einem Raum, in dem das kulturelle Gedächtnis, die Mediengesättigtheit und der infrastrukturelle Kollaps in einer Textpraxis zusammenfließen. Es handelt sich weder um einen Nachruf auf den Modernismus, noch um eine Vorhersage dessen, was als nächstes kommt, sondern am ehesten um eine Praxis des Durchhaltens. ... Diese Ziegelsteinromane erweitern nicht bloß den Roman als Form - sie setzen eine Praxis um, die zugleich nekromantisch und architektonisch ist. Ihr Schreiben konstruiert prozesshaft Ruinen, weite Labyrinthe aus Sprache, die auf keine innere Geschlossenheit mehr abzielen und sich damit der 'Funktion' der Literatur als kommunikatives Instrument verweigern. Sie nutzen Literatur als Entropiemaschine, als eine Nekropole der Signifikanten. Eine Literatur, die überlebt wie Infrastruktur überlebt - gebrochen, provisorisch, gespenstisch heimgesucht -, während Sinn nicht mehr länger konstruiert wird, sondern aus Trümmern zusammengekratzt wird. ... Dies ist ein Schreiben, das im Leichnam des Romans west, ihn mit geisterartigen Signalen weiterhin am Leben erhält."