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Menschen im demokratischen Wald

Über Bilder, Bände und Sites Von Thierry Chervel
24.11.2016. Beim Durchblättern des Bandes erinnert man sich: Es gibt durchaus Menschen in den Bildern William Egglestons. Einige der Fotos mit Menschen gehören sogar zu den ganz berühmten, oder wie man heute sagt "ikonischen".
Ein Katalog ist kein Fotobuch. Ein Fotobuch wäre ein Projekt, es hätte seine innere Logik. Ein Katalog ist tendenziell eine Sammlung von Verschiedenem, dessen innere Schlüssigkeit sich erst im nachhinein rekonstruieren lässt - wenn überhaupt.

Zumal bei einer Retrospektive, die zugleich nur einem Aspekt des Werks von William Eggleston gilt, den Porträts, oder sagen wir besser, den Fotos mit Menschen, die noch bis vor kurzem in der National Portrait Gallery zu sehen war.

Bei Eggleston denkt man nicht zuerst an Porträts, sondern an bedrohlich aufragende Dreiräder in Suburb-Kulisse oder an eine blutrote Zimmerdecke, an die ausfasernden Stadtlandschaften von Memphis, die ganz ohne Wahrzeichen auskommen, an die verfallenden Reklameschilder von Motels oder Tankstellen, auch an Interieurs mit bedrohlich zugezogenen Vorhängen. 1976 wurde Eggleston gleich im Moma ausgestellt. Die Ausstellung erntete zwar - wie vieles ganz Neue empörte Ablehnung - aber der berühmte Kurator des Moma, John Szarkowski, hatte schon etwas ganz richtig getroffen.

Philllip Prodger stellt in seinem Katalogessay eine Beziehung zu den obejts trouvés Marcel Duchamps her, sicher zurecht. Ein Teil der Provokation in Egglestons Farbfotos lag in der Banalität ihrer Gegenstände. Aber der andere Teil lag in der Präsentation: Eggleston hatte die geniale Idee, seine Abbilder des Alltäglichen im superaufwendigen Dye-Transfer-Verfahren abziehen zu lassen, das damals für Magazinreprografie und Werbefotografie benutzt wurde. Amateure fotografierten damals zwar schon in Farbe, aber eine solche Qualität konnten sie nicht erreichen. Darin steckt eine Warhol-ähnliche Strategie einer Ironisierung, ja Übertölpelung des Kapitalismus. Das ist Pop, auch Zynismus, das Dreirad ist wie eine Schlagermelodie im Streichersound. Hierin wird der Schock von Egglestons so sattfarbenen und zugleich durch Sinnverweigerung irritierenden Farbfotos gelegen haben.

Diese Bilder waren extrem einflussreich. Sie haben ins Kino hineingestrahlt, etwa in die Bildästhetik von Wim Wenders oder David Lynch (von dem es in dem Band übrigens ein Porträt gibt).

Einige dieser Bilder sind hinreißend. Es bräuchte einen Benjamin oder Roland Barthes, um ihre Suggestion zur Sprache zu bringen. Es liegt wie bei David Lynch eine Unheimlichkeit in diesen scheinbar flüchtig wahrgenommen, aber überscharfen und von innen leuchtenden Gegenständen.

Beim Durchblättern des Bandes erinnert man sich: Es gibt durchaus Menschen in den Bildern Egglestons. Einige der Fotos mit Menschen gehören sogar zu den ganz berühmten, oder wie man heute sagt "ikonischen". Etwa der weiße Herr im schwarzen Anzug mit seinem schwarzen Diener in weißem Jackett, genau gleich positioniert, die Hände in den Taschen. Sie kennen sich wie die Hand und der Handschuh. Das Bild wird als ein Kommentar zur Rassentrennung, als eine der wenigen politischen Aussagen Egglestons gedeutet. Damit beruhigt man sich über seine Aussagelosigkeit zu Zeiten der Bürgerrechtsbewegung. Eggleston sagt nichts dazu, gehört zu den Schweigern in der Kunst.


Untitled, 1969-70 (Adyn Schuyler Senior, der Onkel des Künstlers, mit Assistent und Chauffeur Jasper Staples in Cassidy Bayou, Sumner, Mississippi). © Eggleston Artistic Trust


Dann der Mann auf seinem Hotelbett, die alte rauchende Dame auf einer Hollywoodschaukel. Alles Bilder, die an Edward Hopper erinnern. Einige Doppelseiten aus dem Buch sind hier reprografiert.

Eggleston bekennt immer wieder seine Bewunderung für Henri Cartier-Bresson, aber Prodger betont in seinem Essay zurecht, dass Eggleton im Grunde eine Art Anti-Cartier-Bresson ist, dessen Idee des "moment décisif" bei Eggleston immer wieder dementiert wird. Cartier-Bresson ist ein Fotograf der Bewegung, bei dem der Zufall zwar eine Rolle spielt - aber im Moment des Bildes scheint alles ineinander zu greifen, als wäre es bewusst komponiert und als würden die Tänze von Matisse in der Realität aufgeführt. Ein Widerspruch in sich, der bei bei Cartier-Bresson, aber zum Beispiel auch bei Robert Doisneau so bezaubern kann.

Eggleston hat gerade aus dem Mangel an diesem Verdichtungstalent seine Kunst gemacht: Er verweigert Erzählung. Bei ihm springt kein Mann über eine Pfütze und wird genau in dem Moment festgehalten, da er sich darin spiegelt. Zwar ist Eggleton durchaus ein Fotograf des Moments, aber dieser Moment ist ein Ausschnitt aus der Dauer und der Weite der amerikanischen Landschaft. Selbst der Ladenjunge mit Elvis-Tolle, der auf dem Coverbild die Einkaufswagen zusammenschiebt, also immerhin in einer Bewegung festgehalten wurde, blickt versonnen in die Ferne und lässt sich durch die Anwesenheit des Fotografen nicht aufstören. Vielleicht es das, was Eggleston mit seinem "demokratischen Wald" meint, seiner Behauptung der Gleichwertigkeit der Dinge und Menschen in seinem Werk. Sie symbolisieren nichts, sind um so mehr sie selbst, aufgereiht an der unendlichen Perlenschnur der Egglestonschen Wahrnehmung.

Aber der Katalog ist kein Fotobuch. Er ist nicht konsistent. Das Gute an diesem Band ist, dass er Eggleston als Experimentator zeigt. Eggleston war gar nicht immer Eggleston. Er hat den demokratischen Wald vor lauter Bäumen nicht gleich gesehen. Er experimentierte mit Kameras. Mit der Minolta machte er extrem verrauschte Aufnahmen, die in die Richtung der gleichzeitig fotografierenden radikalen Japaner weisen. Oder er besuchte die Nachtclubs von Memphis, stellte eine 5-mal-7-Zollkamera auf - ein Riesending also - und richtete provisorisches Studiolicht ein, um in den schwülen Nächten von Tennessee das Nachtvolk posieren zu lassen. Diese Porträts sind umwerfend in ihrer Detailfülle und dem Widerschein des Fotolichts im Schweiß auf den Gesichtern.

Thierry Chervel

William Eggleston. Porträts. Mit einem Essay von Phillip Prodger und einem Gespräch von William Eggleston mit Phillip Progder, Rose Shoshana, Maud Schuyler Clay und Lesley Young. 1. Auflage, 2016, Gebunden. 184 Seiten, 122 farbige und 89 sw Abbildungen. 27.5 x 28 cm, 48 Euro. (Bestellen bei buecher.de)