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Die umgekehrte Jacke

Über Bilder, Bände und Sites Von Eugenijus Alisanka
04.10.2017. Versuche, die Transzendenz mit negativen Figuren zu beschreiben, gibt es seit dem Mittelalter. Die Negative des Neuropsychologen und Fotografen Hennric Jokeit versuchen wie mit einem Röntgengerät den Stützapparat der Dinge, der Objekte zu erfassen. Es ist wahrscheinlich kein Zufall, dass auf seinen Aufnahmen so viele Bauwerke sind, aus denen sich Archiformen herausschälen, die ursprünglichen Strukturen, auf die die Welt sich gründet. Ein Versuch, die Negative zu lesen.

(Alle Bilder von Hennric Jokeit, aus dem besprochenen Band)

Wie hieß es in einem der ältesten Bücher der Menschheit? Im Anfang war das Wort. Die jahrtausendelang vorherrschende Kultur des Wortes war im zwanzigsten Jahrhundert plötzlich mit der jungen, aggressiven und enorm rasanten Kultur der Bilder konfrontiert. Und im einundzwanzigsten Jahrhundert wurde die Wortproduktion von der Produktion und Konsumption von Bildern überflügelt. Obwohl den Wort-Erzeugnissen noch nicht das Schicksal des Telegraphen droht, werden sie zweitrangig, sie werden Mittel zum Zweck. Heute würde ein Halbwüchsiger bestimmt sagen, im Anfang war das Selfie. Einfach ausgedrückt, hat die Fotografie einen besonders großen Anteil am zivilisatorischen Wandel. Schon zu Beginn des vergangenen Jahrhunderts kam der Wortkünstler Émile Zola unversehens auf den Gedanken, es könne "niemand behaupten, etwas wirklich gesehen zu haben, solange er es nicht fotografiert hat". Heute stellt sich die Frage, ob etwas überhaupt existiert, wenn es nicht mit einer bildgebenden Methode auf einem Foto oder einer Bildkamera festgehalten wurde. Damit nicht genug, wird das Abbild wirklicher als das Objekt selbst. Es wird ein Leben vorstellbar, das über das Reich der Bilder nicht hinausgeht.

    Nun ja, beinahe vorstellbar. Beinahe ein Leben.

    Und trotzdem verspüren wir bei Bildern, eher Abbildern, häufig ein Bedürfnis nach Legitimation und sind bestrebt, sie über die alten Mittel, die mit dem Wort, der Sprache und ihren Instrumenten verknüpft sind, zu bekräftigen. Abbilder möchten bezeichnet - und oft sogar kritisiert oder wenigstens bewertet werden. Beim Blättern in Hennric Jokeits Fotoband "Negative Vision" habe ich mich plötzlich dabei ertappt, wie ich die Bilder nicht einfach genoß, sondern versuchte, das Buch zu lesen. Jawohl, es ist der verflixte Reflex des Literaten, ich mag ja auch keine Comics, weil mir scheint, dass deren Texte keine Beachtung verdienen, es gibt sie fast gar nicht. Wie liest man einen Fotoband? Ich fragte mich, welcher denn nun der wahre Ort für Fotografien ist, wo sie an ihrem Platz zu sein scheinen. Die einen fühlen sich in Familienalben am wohlsten, die in fast jedem Zuhause den Staub der Sehnsucht sammeln - ich selbst erinnere mich jedes Mal beim Öffnen eines meiner vielen Alben an den Vers des russischen Dichters Ilya Kaminsky: We lived, yes, don't say it was a dream. ("Wir lebten, jawohl, sag nicht, es war ein Traum.") Andere sind für Hochglanzmagazine bestimmt, für Reportagen über Verbrechen, für pornografische Seiten und überhaupt für die Medienindustrie mit An- und Verkauf. Ja, und dann gibt es noch die Selfies, ein unvergleichlicher Fundus für Anthropologen und Psychotherapeuten, vielleicht sogar für Psychoanalytiker.

    Und trotzdem, denke ich beim Nachsinnen über Fotografien, die für sich beanspruchen, Kunstwerke zu sein, trotzdem ist der beste Platz für sie die weiße Wand einer Galerie. Das ist ganz einfach Tradition, die klassische Kunstanschauung. Das Werk, die Fotografie, befindet sich auf Augenhöhe mit dem Betrachter, der Betrachter unterhält sich mit dem Werk wie mit Seinesgleichen, ein tête-à-tête. Wenn eine Fotografie in einem Buch landet, dann kann sie auch wirklich eine andere Beziehung verlangen als in einer Galerie, anders ausgedrückt, dann bittet sie darum, gelesen und erfasst zu werden. Und diese Veränderung hängt nicht nur mit Banalitäten zusammen, wie etwa, dass eine Fotografie nur ein Fragment ist, dass sie von dem Kontext geprägt ist, in dem sie betrachtet wird. Das stimmt natürlich, aber ein Buch erschafft außergewöhnliche Beziehungsmodelle. Ich jedoch versuche immer, ganz gleich, wo sie sich befinden, Fotografien lesend zu erfassen. Es ist der Reflex des Literaten.

    "Die Sprache, in der Fotografien im allgemeinen bewertet werden, ist überaus ärmlich", sagte vor einigen Jahrzehnten Susan Sontag. Hat sich daran im Laufe dieser Dekaden, da die visuelle Kultur förmlich explodiert ist, irgendetwas geändert? Immer häufiger wird der verbale Kommentar ersetzt durch stupides Betätigen des Like-Buttons. So gesehen, könnte man hinsichtlich der Beziehung zur Kunstfotografie zwei Charaktere unterscheiden. Einer - nennen wir ihn den Kritiker - hält sich für klüger als das Werk, vielleicht sogar als der Autor des Werks: Er bewertet, vergleicht, sucht Kontexte und ordnet es ein. Der andere - nennen wir ihn den Betrachter oder Konsumenten - nimmt das Werk als eine bestimmte Nachricht an: Er erlebt es direkt, ihm gefällt das Werk ganz einfach oder auch nicht. Ich fühle  mich jedoch keiner dieser beiden Kategorien zugehörig: Ich bin nicht klüger als die Fotografien, die ich sehe, und ich kann sie auch nicht nur durch das Prisma, ob sie mir gefallen oder nicht, betrachten. Ich versuche, sie zu lesen, ich schreibe, anders ausgedrückt, einen Essay, und dieses Wort bedeutet ja bekanntlich im Französischen Versuch. Ich versuche, mich dem Werk auf Umwegen - manchmal auch größeren - zu nähern und zu verstehen, was es für mich bedeutet und welche Vorstellungen, Erinnerungen und schließlich auch welche unterbewussten Kräfte es in mir weckt.

    Jokeits Buch provoziert bereits durch den Einband, durch die schwarzen Einbandspiegel. Die schwarze Farbe gefällt mir. Streng genommen hat die Farbe Schwarz keine Eigenschaften. Es gibt die Farbe Gelb, es gibt die Farbe Grün, die Farbe Rot, es gibt die Farbe Blau, doch die Farbe Schwarz gibt es nicht. Diese Übernatürlichkeit der Farbe Schwarz - es gibt sie und zugleich auch nicht - bereitet den Blick vor - wenn nicht auf Wunder, dann zumindestens auf Unerwartetes.



    Mit solchen Überraschungen oder Wundern hatte ich es in meiner Kindheit zu tun. Mein Vater hat gern fotografiert, meistens das Familienleben, Feste, und die ersten Aufnahmen von mir hat er noch in Sibirien gemacht, in den Straßen von Barnaul. An Kunst hat er dabei nicht gedacht, er war ein technisch interessierter Mensch. Als Heranwachsender interessierte ich mich immer mehr für dieses Hobby meines Vaters, aber nicht für das Fotografieren selbst, das ja nur ein Knipsen ist, bestenfalls ein Blitzen. Mich interessierte der weitere Weg des Fotos, sein Weg ins Dunkel und aus dem Dunkel. Mit aufgerissenen Augen schaute ich zu, wie Vater seine Arme in die Jackenärmel steckte, vom anderen Ende, "umgekehrt", wie sich unter der schweren Jacke, die auf dem Bett lag, anstelle seines Körpers der Fotoapparat Zorki 5 befand, den Vater tastend öffnete, um mit den Fingern den Film in die Kassette zurück zu spulen. Das habe ich nicht gesehen, auch nicht die Reise des Films in die Entwicklungsdose. Schließlich kam der alchemische Prozess an die Reihe: Entwickler, Wasser, Fixierer. Ich wollte so gern sehen, was mit dem Film im Dunkeln vor sich geht - einmal habe ich, glaube ich, sogar nachgeschaut. Schließlich hat Vater den Filmstreifen herausgezogen und ihn mit einer Wäscheklammer an eine Leine gehängt. Das Negativ. Und ich habe gegen das Licht geschaut und versucht, die bekannten Menschen und Gegenstände zu identifizieren, doch sie waren unerwartet fremd, gleichsam umgekehrt. Wie Vaters Jacke. Diese Menschen, diese Gegenstände hatten etwas an sich, was ich bei ihrem tagtäglichen Anblick nicht einmal ahnte. Sie waren anders, sie konnten anders sein. Der Schwarzweiß-Film Svema hatte diese besondere Eigenschaft - Andersartigkeit zu fixieren. Heute denke ich, dass diese Eigenschaft auch die Literatur besitzt. Natürlich nicht jene, die im automatischen Intelligent-Modus am Werk ist.

    In diese Welt der im Dunkeln vor sich gehenden Mysterien haben mich Jokeits Fotografien plötzlich zurückversetzt. Damals konnte ich mir nicht einmal vorstellen, dass die Negative das Endprodukt sein könnten - sie waren nur eine Zwischenstation auf dem Weg zum "echten" Abbild. Jedenfalls schien es mir so. Auch jetzt, da ich Seite für Seite umblättere, ertappe ich mich dabei, wie ich versuche, das "echte" Bild zu rekonstruieren. Wie ein Übersetzer, der von der schwarzen in die weiße Farbe übersetzt und umgekehrt. Wie beim Lesen eines Texts in einer Fremdsprache. Die besonderes Bemühen erfordert. Nur, indem ich mich bewusst am "Übersetzen" hindere, verstehe ich, dass diese Negative mein Unterbewusstes in einen entspannten Zustand versetzen, dass sie anfangen, auf mich zu wirken wie einst im Märchen die verbotene Kammer. Oder wie Pink Floyds "The Dark Side of the Moon" - die dunkle, unsichtbare Seite des Mondes und meiner Jugend.

    Die Methode der Negation ist nicht nur eine Erfindung der Fotografen des ausgehenden neunzehnten Jahrhunderts, schon die Theologen des Mittelalters haben sie angewandt, um das Wesen des Göttlichen zu erfassen. Zu erfassen, was nicht erfassbar ist. Von der apophatischen Darstellung, also Versuchen, die Transzendenz mit negativen Figuren zu beschreiben, sind die Werke von Augustinus, Johannes vom Kreuz, Böhme und Meister Eckhart durchdrungen, Parallelen finden wir in Texten des Zen, im Daoismus, im Sufismus. Dann werden im zwanzigsten Jahrhundert die Elemente der apophatischen Darstellung in den verschiedenen Künsten wieder zahlreicher, in diesem Augenblick kommt mir einer der prominentesten Autoren dieser Richtung in den Sinn - Samuel Beckett.

    Von ähnlicher Art sind auch Jokeits Negative, die gleichsam sagen, dass dieser Baum keine Farbe ist, die Farbe ist nur eine optische Täuschung, ein visueller Trick, das Chlorophyll nur ein vorübergehendes Attribut des Blatts. Und letztlich, dass unsere Augen allzu oft mit Oberflächlichkeit konfrontiert sind. Cartier Bresson hat einmal behauptet, die Farbe gehöre der Malerei und müsse deshalb abgelehnt werden, und bis heute gelten Schwarz-Weiß-Aufnahmen als Voraussetzung von künstlerischer Fotografie. Das Negativ geht noch weiter, es löst sich von der Augenscheinlichkeit der Dinge, sie sind nicht das, was sie vorgeben zu sein. Via negationis. Es ist keine behagliche Welt, aber Jokeit, von Beruf Neuropsychologe, sucht diese Behaglichkeit auch gar nicht. Seine Negative versuchen wie mit einem Röntgengerät den Stützapparat der Dinge, der Objekte zu erfassen. Es ist wahrscheinlich kein Zufall, dass auf seinen Aufnahmen so viele Bauwerke sind, aus denen sich Archiformen herausschälen, die ursprünglichen Strukturen, auf die die Welt sich gründet.

    "Fotografie" bedeutet im Griechischen Zeichnen mit Licht. Auf dem Negativ wird dieses Zeichnen geradezu zähflüssig, das Licht demonstriert seine überraschende Fähigkeit, die augenscheinlichen Dinge zu verbergen und die Vorstellungskraft zu zwingen, nach Notausgängen zu suchen - im Dunkleren oder im Dunkelsten. Sie demonstriert ihre Fähigkeit, die Dinge einander so anzunähern, dass sie fern werden. Wie in jener Geschichte über den bereits erwähnten Meister Eckhart: Einmal saß Eckhart allein an einem abgelegenen Ort im Schatten von Bäumen. Ein Freund, der vorbeikam, erblickte ihn, wie er da saß. Er trat an ihn heran und sagte: "Ich habe dich einsam sitzen sehen und da dachte ich, dass ich dir Gesellschaft leisten könnte, deshalb bin ich an dich herangetreten." Wisst ihr, was Eckhart geantwortet hat? Er sagte: "Ich war mit mir zusammen, doch nun bist du da, und jetzt fühle ich mich einsam."



    Ich habe mich einsam gefühlt beim Betrachten dieser Aufnahmen. Als sei die mir vertraute Welt gestorben und ich würde an ihrer Beisetzung teilnehmen und dabei einen weißen Anzug und ein schwarzes Hemd tragen. Und mir trotzdem in einem Hinterstübchen meines Unterbewusstseins die Hoffnung bewahren, dass sie wiederauferstehen wird. Die Bilder der Natur - Berge, Seen - sind von einer apokalyptischen Stimmung durchdrungen, die Wolken gleichen Zeichnungen eines Schizophrenen, aus den Fenstern von verfallenden oder zerstörten Häusern dringt mehr Licht als aus einem jüngst erbauten Wolkenkratzer. Die vom Menschen geschaffenen Dinge sind furchteinflößend durch ihre Rationalität und die Regelmäßigkeit ihrer geometrischen Formen. Auf diesen Aufnahmen ist kein einziger Mensch, und das hat etwas zu bedeuten, ich weiß nur noch nicht, was. Das, was es nicht gibt, ist vielleicht sogar das Wichtigste an diesen Kompositionen. Via negationis. Es ist eine bewusste Entscheidung des Autors. Die Stelle des Menschen nehmen hier die Bäume ein, ihr Schattentheater. Der mit kalter Flamme brennende und nicht verbrennende Busch, der Moses erschien und stets eine andere Gestalt annimmt. Die Wirklichkeit zieht sich zurück, um noch näher heranzukommen. So nah, dass keine Lücke mehr bleibt.

    Dass die schwarze Farbe alles Licht aufsaugt. Meine Vorstellungskraft war immer von schwarzen Löchern beunruhigt. Irgendwie waren sie sowohl mit Eros als auch mit Thanatos verknüpft. Jokeits negative Vision hat mich an all das erinnert. Auch an dieses vor langer Zeit verfasste Gedicht mit dem Titel "nicht ganz ein gedicht":

    schon schreibe ich keine gedichte mehr
    ich spreche mit der tochter des toten kohlengräbers
    oder lecke mit der zungenspitze
    die anthrazitbrust
    oder ich trinke schwarzen tee
    mit bergamotte-geschmack
    und schaue dabei wohl zum fenster
    doch das scheint nur so
    öfter sehe ich die wake (1)
    zwischen deinem leben und meinem tod
    die genug platz hat für beides
    besonders im januar wenn gar nicht
    mehr nötig ist nur sitzen schwarztee trinken
    mit schwarzen blinden augen einander
    anschauen den weißen schnee sehen
    ein weißes blatt papier einen weißen körper


Und das Negativ ist nicht ganz Dunkelheit. Sontag schrieb, dass die Fotografie eine Kunst ist, weil sie lügen kann. Trotzdem: Kann sie - oder lügt sie? Lügen die Negative von Jokeit? Lügt die umgekehrte Jacke?

Aus dem Litauischen von Claudia Sinnig


***

(1) Wake, die [mniederd. wake] (nordd.): nicht oder nur oberflächlich zugefrorene Stelle in der Eisdecke eines Flusses oder Sees.


Hennric Jokeit: Negative Vision

Peperoni Books, Berlin 2017
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2 Bilder Silber auf schwarzem Papier
Hardcover, Halbleinen mit Titelprägung, 20,5 x 31 cm
Essay (auf Englisch) von Philip Ursprung
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