Fotolot

Mit automatischen Waffen

Über Bücher, Bilder und Ausstellungen Von Peter Truschner
02.06.2021. Mit einer speziellen Software, deren Farbkombinatorik Richard Mosse programmierte, erstellte er Landkarten ähnliche Gebilde, mit schreiendem Rot, grellem Pink, giftigem Grün, dass man das Gefühl hat, in einen aufgeschlitzten Bauch zu starren, dessen kranke, entzündete Organe im Absterben begriffen sind und kurz davor noch einmal vital aufleuchten. Außerdem: neue Arbeiten von Antoine d'Agata.
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Zum vorläufigen Ausklingen der Pandemie, die bis auf Weiteres ein treuer Begleiter bleiben wird und womöglich nur ein relativ harmloser Vorbote kommender, gefährlicherer Pandemien ist, bemüht sich der deutsche Staat in Bezug auf die bis dato krude vernachlässigte Kunst um Imagekorrektur und lobt 2,5 Milliarden Euro aus. Da nach den letzten eineinhalb Jahren wohl selbst den größten IdealistInnen klar sein müsste, dass für die deutsche Wirtschafts- und Kulturpolitik gilt: wer hat, dem wird gegeben, lohnt ein genauerer Blick auf diese großspurige Ankündigung.

"Der Fonds wird gemeinsam vom Bundesminister der Finanzen Olaf Scholz und Kulturstaatsministerin Monika Grütters verantwortet. Die Mittel werden der Kulturstaatsministerin zur Bewirtschaftung zugewiesen." 

Dieser Beginn stimmt (mich) nicht wirklich zuversichtlich.

Schauen wir also tiefer ins vermeintliche Füllhorn: "Ab dem 1. August 2021 werden Veranstaltungen mit bis zu 2.000 Besucher*innen gefördert. Durch eine Bezuschussung der Einnahmen aus Ticketverkäufen werden die wirtschaftlichen Risiken reduziert und die Planbarkeit und Durchführbarkeit von Veranstaltungen verbessert."

Wer den Jargon kulturpolitischer Eigentlichkeit seit dreißig Jahren kennt wie ich, der selbst bei der Gründung unabhängiger Kulturzentren mit dem Widerstand oder der Gleichgültigkeit etablierter Kulturpolitik konfrontiert war, weiß sofort: Die großen Vergessenen der Corona-Krise, die selbständigen, freien KünstlerInnen, werden wieder einmal mit großer Wahrscheinlichkeit durch die Finger schauen; profitieren werden vor allem bereits zum jetzigen Zeitpunkt seit Jahr und Tag bezuschusste Theater-, Opern-, Museums-, Konzert- und Festivalbetriebe, sodass am Ende das Immergleiche herauskommt: keine direkte KünstlerInnen-Förderung, sondern indirekte Kunstbeamten-Strukturförderung.

Und selbst diese Kunstbeamten  - so sie sich nicht in der Position eines Hermann Parzinger oder Nikolaus Bachler befinden - sollten sich lieber nicht zu sicher sein angesichts eines Passus (unter vielen), den verantwortungsbewusste Eltern ihren Kindern nachts beim Zelten als abschreckende Spukgeschichte vorlesen können, falls die durch einen Theater- oder Fotografie-Workshop auf die unglückselige Idee gekommen sind, im Jahr 2021 ihr Glück als KünstlerInnen in Deutschland zu versuchen: "Für den Sonderfonds des Bundes übernehmen die Kulturministerien der Länder die administrativen Aufgaben im Antragsverfahren, bei der Prüfung und Auszahlung der finanziellen Leistungen. Mit dem Start des Programms wird ein Lenkungsausschuss für den 'Sonderfonds des Bundes für Kulturveranstaltungen' unter Vorsitz der Kulturstaatsministerin eingerichtet. Der Deutsche Kulturrat wird mit seinem Geschäftsführer im Lenkungsausschuss vertreten sein."

Ganz ehrlich, liebe LeserInnen: Wer will, wenn er an die Kunst denkt und dann solche Dinge lesen muss, nicht einfach nur noch rennen? Mitten in den Sommer hinein? Sich einfach hineinfallen lassen in von der Sonne glitzernde Meereswellen oder eine leidenschaftliche Umarmung, wo man Vergessen finden kann und Hoffnung?

Der Perlentaucher ist leider (noch) kein Reiseveranstalter, der so ein Glück ermöglichen kann, und das Fotolot eine Kolumne über Fotografie (und einige leider damit verbundene Unappetitlichkeiten). Aber wenn wir uns nun relevanten künstlerischen Arbeiten zuwenden, die während der schwierigen Corona-Zeit geschaffen wurden und bereits das Licht erblickt haben, müssen wir - wie nicht anders zu erwarten - erst recht wieder rennen, weg von der politisch gewollten Lauheit des deutschen Kunstbeamtenbetriebs nämlich, in andere Länder.

Richard Mosse und seine in jeder Hinsicht - Thema, Materialaufwand, körperliche Strapazen, persönliches Risiko - intensiven Projekte wie "Incoming" und "The Castle" habe ich im Fotolot schon ausführlich behandelt (hier und hier), weshalb ich mir erlaube, auf Mosses Werdegang und seinen subversiven, künstlerischen Gebrauch zum Beispiel von Technik, die zur Überwachung von Menschen konstruiert wurde, nicht näher einzugehen.

Mosses neues Langzeitprojekt trägt den Titel "Tristes Tropiques" nach Claude Levi Strauss' gleichnamigem Buch.

Levi-Strauss' Schilderungen seiner Reise Mitte der dreißiger Jahre des vorigen Jahrhunderts ins brasilianische Amazonas-Gebiet begleiten Mosse schon lange. In ihnen ist schon die Rede von ausgelaugten Böden, erschöpften Erzlagern, sich ausbreitender Viehzucht und einer strukturellen Verwüstung der Umwelt.

Auch für den Europäer und dessen "abenteuerliche Reisen ins Herz der Neuen Welt" galt bei Levi-Strauss, was heute immer noch gilt: "Die Neue Welt ist nicht dazu da, um von uns zerstört zu werden - und wir zerstören sie doch" - der deutsche Konzern Bayer-Monsanto etwa mit seinen Pestiziden oder der norwegische Aluminium-Riese Hydro Alunorte.

© Richard Mosse, Jack Shainman Gallery

















Wie schon im Kongo und entlang der Flüchtlingsrouten von der Sahara bis in die urbane Wildnis des Zeltlagers von Calais sucht Mosse auch in diesem Projekt nach den Zeugnissen jenes Unglücks, das der Mensch für sich selbst und seine Umwelt darstellt.

Um das unfassbare Ausmaß und die rasende Geschwindigkeit der großteils kriminellen Vernichtung sichtbar zu machen, montierte er eine Multispektral-Kamera im Infrarot-Bereich, wie sie von Umweltbehörden auf der Suche nach illegalen Machenschaften verwendet wird, auf eine Drohne, die damit die Verwüstungen überflog: Brandrodungen, mit Schwermetallen und Säuren verseuchte Flüsse, riesige Landstriche, aus denen infolge intensiver Soja-Bewirtschaftung jede Form von Leben verschwunden ist.

Mit einer speziellen Software, deren Farbkombinatorik Mosse programmierte, erstellte er Landkarten ähnliche Gebilde, mit schreiendem Rot, grellem Pink, giftigem Grün, dass man das Gefühl hat, in einen aufgeschlitzten Bauch zu starren, dessen kranke, entzündete Organe im Absterben begriffen sind und kurz davor noch einmal vital aufleuchten. Zu sehen gab es diese Bilder gerade in Mosses New Yorker Galerie Jack Shainman.

Im Augenblick ist Mosse wieder vor Ort und arbeitet an einem Video, das nächstes Jahr in London zum ersten Mal gezeigt wird. Schnipsel davon habe ich schon gesehen: Menschen, die von den Wassermassen der Löschflugzeuge beinah erschlagen werden, Massen verkohlter Tiere, so weit das Auge reicht und indigene Bevölkerung, die im Yanomami-Gebiet von Garimpeiros - illegalen Goldsuchern - mit automatischen Waffen angegriffen wird.

© Antoine d'Agata




























Der Verwüstung, mit der wir alle seit einiger Zeit konfrontiert sind, widmete sich der französische Fotograf und Künstler Antoine d'Agata.

In einer Zeit, in der sich alle gezwungermaßen oder freiwillig regelrecht zu Hause verbarrikadiert und jeden unnötigen menschlichen Kontakt vermieden haben, und in der Altersheime und Krankenhäuser das ultimative Sperrgebiet darstellten, gefühlt den Todeszonen von Tschernobyl und Fukushima verwandt, hat sich d'Agata - wie das ganz seiner Persönlichkeit und künstlerischen Herangehensweise entspricht, die man als unausweichlich existenziell beschreiben kann - auf den Weg in die Intensivstationen gemacht und Menschen fotografiert, die künstlich beatmet wurden und überhaupt im Koma lagen (wie immer er das auch geschafft hat).

Wie Mosse war er mit Infrarot-Technik ausgerüstet. Herausgekommen sind dabei wahre Höllenbilder, in glühendem Rot, Gelb, Orange und Violett, Mosses Aufnahmen vom brennenden Regenwald nahe, die alle von der schrecklichen Verletzlichkeit nicht nur des Menschen, sondern allen organischen Lebens künden.

D'Agata hat daraus das Video "La Vie Nue" gemacht, das von der Opera National de Paris gestreamt wurde, und ein (leider etwas zu ausufernd geratenes) Buch, das den Titel "Virus" trägt. Ihre ultimative, schlicht überwältigende Form nahmen die Arbeiten allerdings in der Pariser "Fondation Brownstone" an, wo d'Agata eine riesige Wand mit kleinen, mosaikartigen Fotografien pflasterte. Wenn es je eine zeitgenössische Variante von Rodins "Höllentor" gegeben hat, dann diese Wand. Mann kann nur inständig hoffen, dass sie an anderem Ort noch einmal zu sehen sein wird (mit Deutschland oder Österreich rechne ich dabei nicht wirklich).






















Das letzte Mal habe ich d'Agata unmittelbar vor dem ersten Lockdown in einem Luxus-Hotel im Pariser Marais getroffen. Ein Mäzen hatte eine kleine, feine Gesellschaft versammelt, der d'Agata seine Arbeiten präsentierte. Dazwischen junges, livriertes Personal, das auf kleinen, polierten Tabletts Champagner servierte.

Es war skurril, ihn inmitten dieser Szenerie zu sehen, den gegen alle Prognosen überlebenden Multispektral-Junkie von Phnom Penh, sein angespanntes, sensibles Vogelgesicht mit den großen Augen, die wie Sensoren den Raum abtasteten. Eine Szene wie aus Marcel Prousts "Recherche", wenn Madame Verdurin ihre neueste Entdeckung der blasierten Pariser Gesellschaft zum Fraß vorwirft.

Die Gewalt in den Banlieues, die Straßenschlachten zwischen Polizei und Gelbwesten und der um sich greifende Antisemitismus unter Rechten und Muslimen waren ganz weit weg, im Grunde nicht existent.

Levi-Strauss klang auch hier nach, wenn er in "Tristes Tropiques" schreibt: Das Elend wird "nicht als politisches Problem" wahrgenommen, sondern "als individuelles Schicksal". (...) "Das Hinnehmen dieser gegebenen Situation ist total. (...) Der Abstand zwischen äußerstem Luxus und äußerstem Elend sprengt die Dimensionen des Menschen."

Übrigens: Wer sich in der Kunst nach Kraft und Intensität abseits der vordergründigen Illustration von Zeitgeist-Narrativen sehnt (die Wenigen also, die es da noch gibt), dem sei eine aktuelle, in ihrer Leporello-Machart wunderbare Publikation des Magazins und Verlags "The Eyes" empfohlen, die Werke von d'Agata und Francis Bacon einander gegenüberstellt. Schlicht ein Must-Have.

Peter Truschner
truschner.fotolot@perlentaucher.de

VIRUS  / Antoine d'Agata. édition française 525 exemplaires
édition anglaise 325 exemplaires. 17 x 21,5 cm. 832 pages. 75 euros. Das buch ist vergriffen.