Essay

Gute Literaturkritik ist Gesellschaftskritik

Von Michael Hasin
07.08.2015. Kritik braucht Glauben, nicht an Gott, aber an die Literatur. Kritiker müssen daran glauben, dass sie gut ist, nicht nur für einen selbst, sondern auch für andere. Sie müssen Fundamentalisten sein, missionieren wollen. Mormonen der Literatur.
Michael Hasins Artikel antwortet auf Wolfram Schüttes Plädoyer für eine Literaturzeitung im Netz. Hier alle Artikel der Debatte.
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Über Geschmack lässt sich streiten. Worüber denn sonst. Über das Wetter etwa?

Aber die Literaturkritik hat das Streiten verlernt, das Streiten darüber, was ein guter Text ist und was nicht. Warum? Auch die Literaturkritik kann sich nicht vom Mainstream lösen und Mainstream ist heute: Geschmack ist subjektiv; jedem Tierchen sein Pläsierchen; alles ist gut, Hauptsache es gefällt. Wenn alles jedoch subjektiv und gleich gut ist, dann ist Streiten sinnlos. Dann ist aber auch Kritik überflüssig, dann braucht niemand mehr Rezensionen.

Wozu kann man sie schließlich noch gebrauchen? Will man das lesen, was einem gut gefallen wird, so ist der Amazon-Algorithmus jedem Kritiker und jeder Kritikerin skyscraperhoch überlegen: man kriegt auf Basis dessen, was man bisher gekauft hat, vorhergesagt, was einem ebenfalls zusagen wird. Eine auf die Masse aggregierter Bewertungen gestützte Prognose entsteht, die so individualisiert ist, dass sie den Lesergeschmack besser treffen wird als jeder Kritiker, und sei er noch so feinfühlig für den Zeitgeist. Will man aber vorwiegend das lesen, was gerade in ist, um mitreden zu können, so liest man das, was in der Bestseller-Liste oben steht oder das, was bei den eigenen Facebook-"Freunden" gerade populär ist. Aber machen wir uns nichts vor, Literatur ist nicht wirklich hipster und wer mitreden will, liest am besten gar nichts. Wie dem auch sei, in jedem Fall ist publizierte Kritik für Geschmacksrelativisten allenfalls der liebe und skurrile, aber unnütze betagte Verwandte, den man mehr aus Anstand als aus Mitleid noch in den Feuilletons belässt, über dessen baldiges Ableben bei allem ehrlichen Bedauern aber doch vornehmlich Erleichterung herrschen wird. Und die Kritik wirkt betagt, hochbetagt: die Zahl der gedruckten Rezensionen geht stetig zurück, die Klickzahlen sind unterirdisch.

Darum läuft die derzeitige Debatte über Literaturkritik weitgehend in die falsche Richtung. Europa braucht keine neue Literaturzeitung im Online-Format. Nötig ist vielmehr, wie die Journalistin und Autorin Sieglinde Geisel fordert, eine Erneuerung der Literaturkritik.

Dazu müssen wir uns aber zuerst vom Dogma lösen, dass Geschmack subjektiv ist. Geschmack ist nicht subjektiv! Es sagt schließlich viel über jemanden aus, dass er oder sie Gefallen findet an Neonazi-Rock. Oder an "Fifty Shades of Grey". Oder an "Breaking Bad" (einer netten Serie übrigens mit eher konventioneller Bildsprache). Geschmack ist eben nicht zufällig, sondern Ausdruck dessen, wer wir sind. Nicht nur wer wir als Individuen sind. Gerade der geteilte Geschmack eines Milieus, einer Generation, einer kulturellen Gemeinschaft sagt uns viel aus über das Wesen der betreffenden sozialen Gruppe. Will Kritik von Literatur, Kritik von Kunst relevant sein, dann muss sie an diese Tatsache anknüpfen und die Idole ihrer Zeit kühl analysieren. Sie muss der Menge leidenschaftlich-radikal entgegentreten und sagen: euer Geschmack sagt viel aus über euch, doch das, was er über euch aussagt, ist nicht gut. Will Kritik also relevant sein, gibt es für sie nur einen Weg aus der Krise: hin zur Literaturkritik als Gesellschaftskritik.

Kritisiert werden müssen aber nicht die Präferenzen der abgehängten Gruppe der Arztromanleser und Reality-Show-Konsumenten - denn wer tritt schon gerne jemanden, der am Boden liegt -, sondern kritisiert und dekonstruiert werden müssen in erster Linie die Präferenzen der Leitmilieus unserer Zeit in Medien, Kultur- und Wissenschaftsbetrieb. Der Geschmack der satten und selbstzufriedenen oberen Mittelschicht der Babyface-Bärtigen und Duttträgerinnen, der Menschen, die sich für kreativ und originell halten mit ihrem Einheitslook aus Schwarz, Fjällräven-Rucksack und Iphone, der leidenschaftslosen Möchtegern-Hedonisten, die auf dem Weg zurück von der Orgie nachts ganz bieder bei Rot stehen bleiben. Der Geschmack all derer, die ihr geistiges Nichts durch Ironie kaschieren wollen, um es so nur noch mehr zu betonen. Kritisiert werden muss der Geschmack einer Gesellschaft, die es aufgegeben hat, sich die wesentlichen Fragen der Lebens zu stellen, die gleichgültig und behäbig geworden ist und glaubt, Probleme würden verschwinden, wenn man sie beschweigt, einer Gesellschaft der geistig Fetten mit Sixpack-Bauch, einer Gesellschaft der Mutti-Mutanten, die jetzt auf Sicht fahren. Und bald auf Grund laufen werden.

Literaturkritik, Kunstkritik als Gesellschaftskritik heißt aber nicht nur Verrisse zu schreiben, ja eigentlich bedeutet es heute in einem Land, dessen Eliten lieber über Fußball sprechen als über Poesie, in erster Linie: das, was gut, aber unerträglicherweise unbeachtet ist, anzupreisen. Ein erfolgreicher Verkäufer allerdings steht hinter seinem Produkt. Daher braucht Kritik Glauben, nicht an Gott, aber an die Literatur. Kritiker und Kritikerinnen müssen Literatur lieben und müssen daran glauben, dass Literatur Bedeutung hat. Daran glauben, dass sie gut ist, nicht nur für einen selbst, sondern auch für andere. Kritiker müssen Fundamentalisten sein, missionieren wollen. Mormonen der Literatur. Und es ist aus Mitleid mit dieser Gesellschaft, dass Literaturkritik penetrant sein muss und unablässig und überschwänglich nerven muss mit guten Texten.

Was aber ein guter Text ist, wird man jetzt fragen.

Darüber lässt sich streiten und darüber muss man auch streiten. Wir brauchen also eine Debatte über Ästhetik, über die Maßstäbe, die an Kunst zu legen sind, eine Debatte darüber, was Kunst leisten soll und leisten kann. Entscheidend für die Antwort ist die Vision, die man für die Zukunft dieser Gesellschaft hat. Ich selbst möchte mit Menschen leben, die vor existentiellen Fragen jeder Art nicht mehr zurückschrecken, die einen Sinn haben für Schönheit und Eleganz, die intensiv und voller Leidenschaft leben und lieben, die "genug Chaos in sich haben um einen tanzenden Stern zu gebären". Und was heißt das konkret für die Literatur? Ich möchte dazu - etwas stakkatohaft und nur lose verknüpft - einige Ideen, einige Überzeugungen äußern und zur Diskussion stellen: Literatur, ja Kunst generell, soll uns ermöglichen, uns selbst zu erkennen. Universell als Menschen, aber auch in unserer Eigenschaft als Angehörige bestimmter Kollektive. Sie soll uns helfen, das Andere und den Anderen zu verstehen, über Grenzen von Raum, Zeit, Geschlecht, Nation, Kultur, Milieu, zu springen um zu sehen, was uns als Menschen trennt und was uns verbindet. Deswegen muss Literatur authentisch sein: je echter subjektive Bewusstseinsformen und materielle Kultur in ihr vermittelt werden, um so besser ist sie. Literatur muss zugleich sprachliche Perfektion anstreben: eleganten Stil, treffende Wortwahl, gelungene Metaphern. Klang! Und unbedingt, unbedingt muss sie alle abgedroschenen Gemeinplätze und Klischees meiden, in Form und in Inhalt. Literatur muss vielschichtig sein und durch die in ihr enthaltene Ambivalenz die Ambivalenz des Seins widerspiegeln. Literatur muss geistreiche Plots haben. Literatur muss das Leben transformieren wollen. Literatur muss die bittere Untransformierbarkeit des Lebens zeigen. Prodesse et delectare: Literatur muss nützen und gefallen. Literatur muss berühren, empören, nicht gleichgültig lassen. Literatur muss, muss, muss...

Gibt es solche Literatur in der Gegenwart überhaupt? Ja klar: Saša Stanišić, Salman Rushdie, Zadie Smith, Jeffrey Eugenides, Michel Houllebecq sind (Roman-)Autoren, denen es auf ganz, ganz unterschiedliche Weise gelingt, von den Elementarfragen unserer Zeit (oder vielleicht sind es ja in jeder Zeit dieselben Fragen?) in ihrem eigenen Stil brillant zu sprechen, voller Ernst und voller Ironie. Und daneben gibt es heute viele weitere herausragende Autoren und Autorinnen. Aber gute Literaturkritik darf nicht nur von Gegenwartsliteratur reden, sie muss erst recht zeitlose Klassiker (oder vielleicht hat jede Zeit ihre eigenen Klassiker?) in den Vordergrund rücken, um so ein bisschen Weltbeglückung zu betreiben. Mit Lyrik beispielsweise: Benn, Brecht, Rilke. Überhaupt Rilke! Wem Rilke vorenthalten wurde, der kann objektiv gar nicht wissen, wie zart und schön die deutsche Sprache klingen kann.

Nicht einverstanden mit meinen Maßstäben an Literatur, mit meinen Favoriten? Lasst uns darüber streiten. Solange wir über Literatur streiten, ist noch nicht alles verloren. Wir müssen uns nur über eins im Klaren sein: Geschmack ist nicht subjektiv! Einen Amateurporno dreht jeder in 20 Minuten, aber ein Werk wie die Sonette von Shakespeare, so etwas wird es in 500 Jahren nicht wieder geben. Und wer das nicht so sieht, der hat nicht etwa einen eigenen legitimen Geschmack, nein, wer das nicht so sieht, der ist einfach dumm.