Bücher der Saison

Lyrik

23.11.2016. Raoul Schrotts überwältigendes Epos über die Entstehung der Erde, Friederike Mayröcker im Geiste von Genet und Derrida, Volker Brauns Blick auf Kundus und Kobane, ach und 1 wenig Veilchen.
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Uff, was für ein Brocken, buchstäblich wie bildlich. Raoul Schrotts 848 Seiten langes, in acht Bücher gegliedertes Epos "Erste Erde" (bestellen) will nicht weniger, als die Entstehung der Erde und des Menschen erklären. Dabei setzt er neue Maßstäbe dafür, wie sich ein Dichter in fachliche Details vertiefen muss, der die Naturwissenschaften thematisiert und was so ein Blick dann an Schönheit und Wucht vermitteln kann, staunt FAZ-Kritiker Ulf von Rauchhaupt. Schrott erzählt entlang des Forschungsstandes von DNA und Planeten, Physik und Geologie, mal in freien Rhythmen, mal in konkreter Lyrik. Für den überwältigten NZZ-Rezensenten  Roman Bucheli ist Raoul Schrott schlicht der "Herkules unter den Dichtern". Am besten man trägt die Texte nach Rhapsodenart laut vor, rät Rauchhaupt. Im Interview mit dem Standard schildert Schrott die Arbeit an dem Buch. Und im NZZ-Gespräch mit dem Pharmakologen Gerd Folkers lotet er die Verständigsschwierigkeiten und -möglichkeiten von Künstlern mit Naturwissenschaflern aus. Eine Leseprobe aus dem Epos findet man bei Hanser. Nach Gliederung und Vorwort geht es ab Seite 33 los.

"fleurs" (bestellen), das ist nach "études" und "cahier" der letzte Band einer Trilogie, zu der Friederike Mayröcker unter anderem von Genet und ihrer Derrida-Lektüre inspiriert wurde. Erschienen ist das schmale Büchlein schon im Frühjahr, aber weil es die NZZ erst im Oktober besprochen hat, wollen wir trotzdem noch einmal darauf hinweisen. Derridas Buch "Glas" (Totenglocke) hat Mayröcker in seiner Radikalität und Kompromisslosigkeit so beeindruckt, dass sogar die Form von "fleurs" mit den splitterhaften, abgebrochenen Sätzen davon geprägt ist, erklärt Carola Wiemers im Deutschlandfunk. In einem Erzählstrom aus Erinnerungen, Träumen und Assoziationen schreibt die 92-jährige Dichterin über Krankheit, Schmerzen und den Tod, aber auch über Begegnungen, Literatur und Musik: "(natürlich haben die Interpunktionen in Saus / und Braus ihre Majestät, sage ich, es war so dasz ich im gröszten / effort gewesen = mit Franz Liszt aus dem GRAMMO dasz mich / jemand mit blühendem Kirschenzweig in der Hand sehr polyphon, / ach und 1 wenig Veilchen,". In der NZZ staunt Beatrice von Matt immer wieder über die existenzielle Dimension des Schreibens der Mayröcker. Diese Buch ist "nicht zum Verstehen gedacht, sondern zum Verlieben", ermuntert Jörg Magenau in der SZ. Zur Ergänzung: 2012 sprach Mayröcker in einem schönen Interview mit der SZ über das Altern und das Schreiben. Und vor einem halben Jahr besuchte Marcel Beyer die Mayröcker und hat darüber einen wunderbaren langen Text in der FAZ verfasst. Unbedingt lesen!

Der Band "Anweisungen für eine Himmelsbestattung" (bestellen) bietet eine "substanzielle" Auswahl aus dem Werk des schottischen Dichters John Burnside, versichert Angela Schader in der NZZ. Religiös-philosophisch kann er mit T.S. Eliot mithalten, das hätte er gar nicht selbst hervorheben müssen, findet sie. In der FAZ lobt Dirk von Petersdorff besonders den "harten Materialismus" der Gedichte, die je kürzer desto besser seien. Volker Brauns "Handbibliothek der Unbehausten" (bestellen) belegen eine stete Hinwendung des Dichters auf das politische Tagesgeschehen, erklärt Rezensent Tobias Lehmkuhl auf SWR 2. Es geht um China als "Werkelbank des Westens", Kundus und Kobane, Gezi-Park und Finanzkrise - das ist Lehmkuhl manchmal zu parolenhaft. Ihm gefallen die Gedichte besser, in denen Braun sich mit dem eigenen Alter beschäftigt, "ganz ohne Bezug auf bedeutendes Bildungsgut". Ein großer Lyriker in bester Spätform, meint Gustav Seibt in der SZ. Wärmstens empfohlen außerdem: Peter Rühmkorfs "Sämtliche Gedichte" (bestellen) zeigen uns nochmal, wie gut der 2008 verstorbene Dichter war. Mehr kommt nicht mehr, notiert ein trauriger Hilmar Klute in der SZ. Auf Lyrikline kann man Rühmkorf einige seiner Gedichte selbst lesen hören.

Björn Kuhligks Langgedicht "Die Sprache von Gibraltar" (bestellen) setzt sich mit dem Flüchtlingsdrama auf Melilla auseinander. Philipp Bovermann (SZ) mag die "Schuldkröten" des Autors nicht schlucken, aber wenn der die "echte Ferne" zu den Flüchtlingen abmisst, ist der Rezensent ganz Ohr. Für Christian Metz (FAZ) ist der Band  ein Highlight dieser Saison - sinnlich und politisch brisant. In der FAZ empfiehlt Florian Balke Ulrike Almut Sandigs Gedichtband mit dem schönen Titel "Ich bin ein Feld voller Raps, verstecke die Rehe und leuchte wie dreizehn Ölgemälde übereinandergelegt" (bestellen). Wie Sandig dem Alten einen neuen Spin giebt, hat ihm imponiert. Hier findet sich noch ein Interview mit der Autorin von 2015.

Weitere Lyrikempfehlungen finden Sie in Marie Luise Knotts Kolumne Tagtigall und in unserer Buchdatenbank.

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