Dichter und Psychiater ähneln sich in ihren Verfahrensweisen: Sie schreiben auf, streichen durch, überarbeiten und fixieren, was zum gedruckten Text werden soll. So entstehen wesentliche Aspekte der psychischen Krankheit auch unter den besonderen Bedingungen von Schriftlichkeit, d. h. in einem konkreten Schreib- und Aufzeichnungsraum. Aus einer wissensgeschichtlichen Perspektive untersucht Yvonne Wübben, wie literarische Werke und briefliche Zeugnisse im 19. und frühen 20. Jahrhundert für die Diagnose von psychischen Krankheiten herangezogen werden. Die Anfänge einer solchen Sprachdiagnostik liegen bei dem vergleichsweise unbekannten Karl Ludwig Kahlbaum, der die Sprache seiner Patienten unter formalen und linguistischen Aspekten analysiert.
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 30.10.2012
Keine psychiatrische Wissenschaftssprache ohne Dichtung, so geht die These der Germanistin und Medizinerin Yvonne Wübben, die in ihrem Buch die Bruchinien und Wechselwirkungen zwischen der Sprache des Wahns und derjenigen der Wissenschaft zu fassen sucht, wie uns Thomas Thiel erläutert. Das ist witzig, freut sich Thiel, aber auch lehrreich, etwa wenn Wübben klassische Psychiatriegeschichte aufschreibt oder die Entdeckung der verschiedenen lyrischen Äußerungen des Wahnsinn mit den entsprechenden Namen der psychiatrisch geschulten Sprachkritiker versieht. Wie die Autorin schließlich die Entdeckung Hölderlins und der literarischen Moderne mit den schulmeisterlichen Bestrebungen der Psychiater verquickt, scheint Thiel überzeugend und verblüffend zugleich.
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