Als junger Mann, bevor er der große Sänger und Musiker wurde, den wir heute kennen, schrieb Bob Dylan 1963 ein langes Gedicht mit dem Titel "Eleven Outlined Epitaphs". Kaum ein Dylan-Liebhaber kennt es, es wurde halb vergessen und bald ganz überflutet von den immer besser und immer populärer werdenden Songs des Sängers, der für viele auch der bedeutendste Dichter Amerikas ist. Für Wolf Biermann aber ist das Poem "der erste große dichterische Wurf des jungen Mannes aus Minnesota". Es ist die kraftvolle, sympathisch auf-den-Putz-hau-erische Antrittsrede des Weltpoeten an die Menschheit: "So bin ich. So bin ich nicht. So will ich dichten. Aber so auf keinen Fall. Solche Menschen sind mir lieb und teuer. Aber solche finde ich zum Kotzen. So will ich leben. So will ich sterben. So liebe ich und so hasse ich. Amen. Ihr geliebten Arschlöcher."
Rezensionsnotiz zu
Süddeutsche Zeitung, 06.10.2003
Wolf Biermann ist unser deutscher Bob Dylan! Zumindest scheint dies Biermann selbst so inszenieren zu wollen, meint ein sich in Verrisslaune befindender Willi Winkler. Bob Dylans frühen, "offenbar besinnungslos aufs Tonband geratschten" Text aus dem Jahr 1964 erkenne man jedenfalls in dieser Übersetzung nicht wieder. Dafür die "Biermannsche Großmäuligkeit". Biermann selbst nennt sein Werk immerhin "weder Übersetzung noch Nachdichtung" (alles andere hätte ihm Winkler wohl sehr übel genommen), sondern "ein Rüberschleppen in unsere Sprache". Warum es ein solches Rüberschleppen geben musste, wo es doch schon eine zum Teil sogar sehr gute Übersetzung ins Deutsche gibt, erklärt sich für den Rezensenten weder aus Biermanns "polterndem" und "wortsturzbetrunkenem" Text, noch aus seinem "gesteinslawinenhaften Nachwort", so Winkler. Biermann kümmere sich nicht um Dylans "Zeilenfall", schreibe am Ton vorbei, in völlig unverständlichen Stilsprüngen, mische viel "Brecht, Hölderlin, John Donne" unter - aber vor allem: ganz viel Biermann. Wo Dylan leger sei, gebärde sich Biermann als "kulturkritischer" Leitartikler, rechthabere er mit Dylans Text, mache ihn zu seiner eigenen "Sprechpuppe". Da bleiben dem schon fast sprachlosen Winkler nur zwei Worte: "Nein danke."
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