Aus dem Polnischen von Olaf Kühl. Neben seinem berühmten "Tagebuch", das von Anfang an zur Veröffentlichung bestimmt war, hat Witold Gombrowicz jahrelang geheime Aufzeichnungen geführt. Darin notiert er ungeschönt Krankheiten, Geldsummen, sexuelle Kontakte mit Frauen und Männern, die Arbeit an literarischen Werken, persönliche Begegnungen und Reisen. In "Kronos" wird nichts literarisch verwandelt. Der in Polen gebürtige Gombrowicz betreibt in diesen Aufzeichnungen bis zu seinem Tod eine gnadenlos ehrliche Selbstbetrachtung. Er trug seiner Frau Rita auf, das Tagebuch bei einem Brand als Erstes zu retten. Erst jetzt hat sie es zur Veröffentlichung freigegeben - ein Ereignis.
Rezensionsnotiz zu
Neue Zürcher Zeitung, 22.12.2015
Nein, nein Witold Gombrowicz wird Felix Philipp Ingold weiterhin in seinen Romanen suchen, nicht in diesem als Privatissimum angepriesenen, laut Rezensent aber eher einer faktografischen Banalitätensammlung gleichenden Buch. So uninspiriert und literarisch unerheblich ist ihm der Autor selten begegnet. Daten, Listen, Namedropping, Langeweile aus den Jahren 1922 bis 1969. Was für den Leser eine Lektürequal darstellt, so vermutet es der Rezensent, dürfte für den Autor immerhin von selbstvergewisserndem Nutzen gewesen sein. Die um Beitexte und Bildmaterial ergänzte Edition findet Ingold allerdings vorbildlich, wissenschaftlich tauglich.
Stephan Wackwitz liest das offizielle Tagebuch von Witold Gombrowicz von nun an nur noch vor der Folie des jetzt in ("natürlich" klingender) deutscher Übersetzung erscheinenden intimen Journals des Autors. Hier nämlich trifft der Rezensent auf all jene Hypochondrien, Ängste und Illusionen, die die exzentrische Basis des zuerst veröffentlichten intellektuellen Tagebuchs abgeben, wie Wackwitz findet. Ob es um Geldsorgen oder künstlerische Selbstzweifel geht, Wackwitz ist fasziniert, zumal der Autor es andererseits nicht an Hochmut fehlen lässt, wie er feststellt. Die dunkle Hofseite des Klassikers bietet dem Rezensenten eine abwechslungsreiche Lektüre zwischen zwischen "promisker Manie und hypochondrischer Depression" und zwischen, Langeweile und Sensation.
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