Der Geschichtswissenschaft, und nicht nur ihr, ist unmerklich der Begriff der Wahrheit abhandengekommen, und mit ihm auch derjenige von Tatsache und Quelle. Über die Rankesche Absicht, lediglich zu sagen, wie es eigentlich gewesen, lächeln die Kenner. Wenn alles Text ist und alles Rhetorik, wenn man nicht mehr wissen will, was war, sondern nur noch, wie darüber geredet wurde, wenn vorgeblich die Beobachtung das Beobachtete schafft und alle Erinnerung irreparabel alles verfälscht, dann verschwimmen die Grenzen zwischen Wahrheit und Fiktion, geht die Wirklichkeit verloren, gilt nicht mehr Demut, sondern nur noch Deutungshoheit. Historiker sollten dann lieber gleich Romane schreiben. Dabei ist wahr/nicht wahr der Code und das Gesetz aller Wissenschaft. Es ist also zu fragen, ob nicht vor lauter Selbstkritik und Komplexitätsfreude einiges Grundsätzliche vergessen wurde.
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 24.01.2011
Im etwas paradoxen Genre der besprechenden Nicht-Besprechung eines Buchs übt sich hier FAZ-Feuilletonchef Patrick Bahners. Die Grundtendenzen des Buches von Werner Paravicini stellt er durchaus vor: Es handelt sich um eine Streitschrift gegen den Konstruktivismus, der auch bei den Historikern inzwischen Einzug gehalten hat - die Einsicht also, dass auch historische "Wahrheiten? nicht ohne den Blick auf die narrativen und anderen Konventionen, denen die Geschichtserzählung folgt, zu haben sind. Bahners sieht die Thesen Paravicinis durchaus kritisch, kommt dann aber auf den Grund, aus dem das Buch für die FAZ nicht rezensierbar ist. Paravicini stützt sich in seinen (hunderten) Anmerkungen fast vollständig auf Artikel und Belege aus dem FAZ-Feuilleton. Darum verbietet sich die Besprechung, wolle die FAZ nicht den Eindruck erwecken, dass es ihr "mehr um Netzwerkbildung als um die Wahrheit? gehe.
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