Wang Xiaobo

Das Goldene Zeitalter

Roman
Cover: Das Goldene Zeitalter
Matthes und Seitz, Berlin 2024
ISBN 9783751809887
Gebunden, 286 Seiten, 25,00 EUR

Klappentext

Aus dem Chinesischen von Karin Betz. Wang Xiaobo erzählt die Geschichte eines Mannes, der sich mit Witz und Ironie gegen die absurde Logik einer Diktatur wehrt, und seine Freiheit in der Sexualität sucht. Als der 21-jährige Wang Er während der Kulturrevolution aufs Land verschickt wird, findet er sich den Schikanen seiner Vorgesetzten und den Anfeindungen der Dorfbewohner ausgesetzt, die ihn schließlich beschuldigen, eine Affäre mit der fünf Jahre älteren Ärztin Chen Qinyang zu haben. Der gewiefte Student erkennt, dass jegliches Abstreiten sinnlos wäre und den beiden nichts anderes übrigbleibt, als die Gerüchte wahr werden zu lassen. So beginnen sie eine lustvolle Affäre, für die sie sich mit ausführlichen "Geständnissen" vor den lokalen Autoritäten rechtfertigen müssen. Jahre später beugt sich Wang Er als Universitätsdozent nur widerwillig den Forderungen nach Anpassung und Uniformität im kommunistischen Räderwerk. Mit vierzig Jahren begibt er sich desillusioniert und geschieden auf eine eigene Suche nach der verlorenen Zeit, erzählt vom absurden Schicksal seines trotzkistischen Chefs, von seinem Mentor, der wusste, dass er die Kulturrevolution nicht überleben wird und von seiner Freundin, die mit ihm über die Banalität der eigenen Existenz sinniert. 

Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 08.02.2025

Was für eine "schreckliche Barbarei" das sogenannte "Goldene Zeitalter" während der Kulturrevolution 1966-1976 in China war, lässt sich Rezensentin Judith Leister zufolge in dem "deftig-burlesken" Roman Wang Xiaobos nachlesen, der nach mehr als dreißig Jahren nun auf Deutsch übersetzt wurde. Xiaobo ist früh gestorben, sein Werk konnte in China erst nach seinem Tod verlegt werden. Hier ist sein Protagonist Wang Er mit besonders viel Widerspruchsgeist ausgestattet und kritisiert die Regierung, erfahren wir. Er wird zum Arbeitseinsatz in die Provinz geschickt und gibt sich dort seiner "sexuellen Obsession" hin. Ein höchst ambivalenter Charakter, der mit Lust Tiere quält, sich aber im Laufe der Handlung vom "instinktiv Handelnden" zu einem scharfen Beobachter der Verhältnisse entwickelt und über Jahre hinweg das Schicksal eines von der Regierung terrorisierten Professoren verfolgt, so Leister. Empathie spricht nicht gerade aus den Zeilen dieses Buches, gleichzeitig ist Xiaobo aber ein echter Könner, wenn es darum geht, Schreckliches in "locker-sarkastischem Ton" daherkommen zu lassen, findet die Kritikerin. Geschont wird man hier nicht, trotzdem ist dieser Roman ein starkes "Dokument des Muts und des Widerstandes", schließt sie.

Rezensionsnotiz zu Die Tageszeitung, 02.11.2024

Rezensent Fokke Joel ist beeindruckt davon, wie Wang Xiaobo in seinem ursprünglich 1992 erschienenen Roman von den Folgen der chinesischen Kulturrevolution erzählt. Im Zentrum der Handlung steht Wang Er, lesen wir, der zunächst als Student in der Provinz lebt und sexuelles Interesse an der Ärztin Shen Qingyang hat, die ihn jedoch abweist. Später spielt der in der ersten Person erzählte Roman in Peking, unter anderem wird der mysteriöse Tod eines Professors thematisiert, insgesamt verbirgt sich die Grausamkeit oft hinter auf den ersten Blick lustigen Episoden, so Joel. Die absurde Dimension der Kulturrevolution bringt dieser satirische Roman, der, in der zentralen Figur des jugendlichen Rebellen, durchaus mit westlichen Literaturtraditionen kompatibel ist, gut auf den Punkt, findet der überzeugte Rezensent.

Rezensionsnotiz zu Deutschlandfunk Kultur, 01.11.2024

1992 ist der Debütroman des vier Jahre später verstorbenen Wang Xiabo bereits erschienen - inzwischen ist "Das Goldene Zeitalter" ein Kultbuch, weiß Rezensentin Lara Sielmann. Dass es nun endlich auch in sehr gelungener deutscher Übersetzung vorliegt, hält sie für einen großen Gewinn. Denn: Xiabo gelingt es, durch die Perspektive seines Protagonisten die Folgen der chinesischen Kulturrevolution auf die Individuen, aber auch auf die gesamte Gesellschaft verständlich und emotional nachvollziehbar zu machen. Protagonist Weng E ist zwar kein Aktivist, aber ein braver Untertan ist er auch nicht - als freigeistiger Intellektueller findet er sich schnell Schikanen und Gewalt ausgesetzt, diesen Einschränkungen seiner Freiheit setzt er die sinnliche Lust entgegen - über den Sex holt er sich ein Stück Selbstbestimmung, ein Stück Freiheit zurück, erklärt Sielmann. Xiabo beschreibt den Lebensweg Wengs in einem legeren Ton, mit einer guten Portion Ironie, durch die der Autor eine angemessene Distanz schafft zu den Schrecken, die er schildert. Ein wichtiges Zeitzeugnis und ein großartiger "kafkaesker" Roman, so die Rezensentin.