Volker Reinhardt

Luther, der Ketzer

Rom und die Reformation
Cover: Luther, der Ketzer
C. H. Beck Verlag, München 2016
ISBN 9783406688287
Gebunden, 352 Seiten, 24,95 EUR

Klappentext

Luther hegte einen flammenden Hass auf "des Teufels Sau, den Bapst". Die römischen Theologen wiederum verstanden nicht, was der grobschlächtige, unendlich eitle Mönch anderes wollte, als das Papsttum zu zerstören. Und fromme Fürsten in Deutschland hatten ihre eigenen Gründe, den wortgewaltigen Hassprediger zu unterstützen. So war der Weg zur Kirchenspaltung früh vorgezeichnet - ganz unabhängig von den theologischen Disputen, die schon damals kaum jemand verstand. Volker Reinhardt zeigt anhand bisher vernachlässigter römischer Quellen über Luther, dass die wahren Gründe für die Glaubensspaltung jenseits der Glaubensfragen liegen. Er rekonstruiert erstmals die großen, von Protestanten mythisch verklärten Begegnungen zwischen Luther und dem Papsttum aus römischer Sicht, zeigt, warum die Päpste das Geschrei im fernen Deutschland oft nicht ernst nahmen, und zeichnet ein erstaunlich neues Bild von dem Kampf der Mentalitäten und Interessen, der die Welt verändert hat.

Rezensionsnotiz zu Die Zeit, 09.06.2016

Rezensent Stephan Speicher stellt zwei neue Bücher über Luther vor: Volker Leppins "Die fremde Reformation" und Volker Reinhardts "Luther, der Ketzer". Auch wenn er Reinhardt den Vorzug geben mag, kann er doch beide Bücher als Ergänzung empfehlen. Denn Leppin schildert die Reformation eher als Kultur- denn als Religionsgeschichte. Eine wesentliche Rolle spielt dabei das Verhältnis der Deutschen zu den italienischen Geistlichen, erklärt Speicher. Die Italiener hielten die Deutschen für Barbaren, die Deutschen hatten einen Minderwertigkeitskomplex, hielten sich dafür aber moralisch für überlegen. Wie Leppin das erzählt, fand der Rezensent offenbar anregend, Volker Reinhardts Buch, das die theologische Entwicklung der Reformation nachzeichnet findet er allerdings "feiner gearbeitet". Laut Reinhardt war Luther stark von spätmittelalterlichen Theologen geprägt, die bereits den Grundstein für die Ideen der Reformation legten, indem sie - anders als die Kirche mit ihren theologischen Haarspaltereien - das Verhältnis des Einzelnen zu Gott betonten. Dass die Katholische Kirche nach den Konzilen in Konstanz und Basel an den eigenen Vorrechte festhalten musste, findet Speicher verständlich. Dass es darüber zu einem "geistigen Bürgerkrieg" kam, war vielleicht unvermeidlich, so der Rezensent.

Rezensionsnotiz zu Die Welt, 26.03.2016

Mit einer gelehrten Besprechung würdigt Rezensent Matthias Kamann Volker Reinhardts großes Luther-Buch, das ihm auf "unheimliche" Weise aktuell erscheint. Denn der Historiker führe hier aus, wie stark die Kategorien, die römische und deutsche Protagonisten der Reformationszeit trennten, auch heute noch Europa spalten, informiert der Kritiker: Ebenso wie Deutsche den südlichen Schuldenstaaten schon damals "Verschwendungssucht" unterstellten, sei auch das südliche Klischee vom "geldgierigen Deutschen ohne Sinn für Lebensgenuss" schon im 15. und 16. Jahrhundert geprägt worden, liest Kamann. Darüber hinaus erfährt der Rezensent, dass der Einfluss der Mentalitäten auf die Theologie derart groß gewesen sei, dass sich kulturelle Zuschreibungen bis heute noch kaum von der Religion trennen ließen. Auch wenn sich der Kritiker mit einer Beurteilung von Reinhardts Studie zurückhält, scheint er das Buch mit Gewinn gelesen zu haben.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 19.03.2016

Das Buch des Italien-Kenners Volker Reinhardt bietet Thomas Kaufmann die Perspektive Roms auf die Geschichte Luthers und der Reformation. Anschaulich vermittelt ihm der Autor das Unverständnis der römischen Akteure Luther gegenüber. Zwar anerkennt Kaufmann diesen originellen ultramontanen Ansatz, doch verzweifelt er schier, weil der Autor den hämischen römischen Blick zu teilen scheint, wie er meint. Was die Menschen an Luther und der Reformation faszinieren konnte, erfährt er bei Reinhardt hingegen nicht. Und die Bewerbung des Autors als Whistleblower in den Vatikanischen Archiven findet Kaufmann geradezu lächerlich. Nicht eine neue Quelle wird ihm geboten. Die Geheimakte Luther, meint der Rezensent, es gab sie nicht!
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Rezensionsnotiz zu Die Tageszeitung, 19.03.2016

Volker Reinhardts Buch zum Luther-Jubiläum liest Micha Brumlik mit Gewinn. Dass der Autor einmal die römische Sicht auf die Missverständnisse zwischen dem Reformator und seinen Anhängern einerseits und den päpstlichen Gesandten andererseits präzise darstellt und erläutert, scheint ihm überfällig. Der Antichrist in Rom, den die Lutheraner sehen wollten, und der grobianische Barbar Luther, den man in Rom fürchtete - Brumlik erhält endlich das gesamte Bild, quellenstark und ausgewogen, um die Entwicklungen hin zum Dreißigjährigen Krieg besser verstehen zu können.

Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 11.02.2016

Der Luther-Biograf Heinz Schilling nimmt sich Volker Reinhardts Simultangeschichte zu Luther und der Kurie an und stellt in seine Rezension fest, dass Erwartungen an Neues aus der Geheimakte Luther durchaus erfüllt werden. Reinhardt vermag dem mit dem Stoff vertrauten Rezensenten das von Geltungssucht und Machtinteressen bestimmte Gerangel um Luthers Ablassthesen als bedrückendes, zwischen Rom und Sachsen aufgespanntes Panorama darzustellen, ausführlich, quellenkritisch und insgesamt überzeugend, findet Schilling. Dass Luthers hier sichtbar werdendes Ringen um das Individuum heute nicht mehr ansprechend sei, wie der Autor nahelegt, kann der Rezensent allerdings nicht finden.
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