Volker Reinhardt

Francesco Guicciardini (1483-1540)

Die Entdeckung des Widerspruchs
Cover: Francesco Guicciardini (1483-1540)
Wallstein Verlag, Göttingen 2004
ISBN 9783892448051
Gebunden, 208 Seiten, 24,00 EUR

Klappentext

Francesco Guicciardini (1483-1540), florentinischer Patrizier, Provinzgouverneur im Kirchenstaat und von 1523 bis 1527 einer der einflußreichsten Berater Papst Clemens' VII. Medici, ist einer der herausragenden politischen und historischen Denker der europäischen Renaissance. Seine Texte gehen auf unmittelbare Erfahrung erregender Zeitgeschichte zurück. Erlebt und reflektiert werden nicht weniger als drei innere Revolutionen von Florenz und vor allem die Katastrophe des Sacco di Roma von 1527, die Plünderung und Verwüstung der Ewigen Stadt, welche auch die persönliche Existenz Guicciardinis zutiefst erschüttert. Ausgehend von diesen äußeren Umbrüchen, welche die verbrieften Werte von Staat und Gesellschaft hinfällig erscheinen lassen, stößt Guicciardini durch unablässiges Hinterfragen der Tradition und des Scheins schließlich in intellektuelles Neuland vor. Er entwickelt eine Theorie der Staatsräson, die das unbegrenzte Selbsttäuschungspotential des Menschen für eine zugleich starke und milde politische Ordnung nutzbar machen möchte, und eine Religionskritik, welche die menschliche Erkenntnis auf die natürlichen Dinge beschränkt. Seine eigentliche Entdeckung aber ist der alles umfassende, die Lebens- und Vorstellungswelten gleichermaßen ergreifende Wandel des Menschen in der Zeit: Geschichte als Aufbruch ins Unbekannte.

Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 17.11.2004

Hanno Helbling stellt den Florentiner Patrizier Francesco Guicciardini, dem eine ehrenvolle, aber erfolglose Karriere in der Kurie des Medici-Papstes Clemens VII. beschert war, als eine Art Gegenpol zu Niccolo Machiavelli vor, als einen Gelehrten, dem es weniger um genial-utopische Spekulationen zu tun war als um "Präzision und Sachkunde". Mit Fug und Recht, meint Helbling, kann man Guicciardini immerhin zum "Entdecker der historischen Perspektive" erklären, wobei er die Relativität nie mit Subjektivität verwechselte, wie der Rezensent betont. Bedauerlicherweise hat Guicciardinis Bedeutung für die Geschichtsschreibung nie die verdiente Beachtung auf sich gezogen, weshalb Helbling dem Autor Volker Reinhardt seinen größten Dank für diese Monografie ausspricht. Konzentriert und sachgerecht folgt Reinhardt Guicciardinis Karriere und Denken, lobt der Rezensent, der die Interpretation des Textes "Dialogo del reggimento di Firenze" für den Höhepunkt dieser Arbeit hält.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 11.10.2004

Als "beachtlich" würdigt Michael Borgolte die Ergebnisse von Volker Reinhardts Studie über den Florentiner Historiker Francesco Guicciardini (1483-1540). So identifiziere Reinhardt Guicciardini etwa als ersten Historiker Europas, der "die Omnipotenz und Totalität des Wandels und damit die absolute Offenheit der Geschichte" (Reinhardt) entdeckt und gedeutet habe. Auch die "Entdeckung des Widerspruchs" schreibe ihm zu Reinhardt, die Einsicht, dass ein Tyrann wie Lorenzo mit einer bösen Herrschaft Gutes bewirken könne und Entsprechendes umgekehrt gelte. Reinhardt präsentiere diese und andere Einsichten in "oft glänzenden Formulierungen", "ebenso scharfsinnig wie metaphernreich". Allerdings scheint er es hier ein wenig zu übertreiben. Borgolte beklagt das Fehlen des rechten Maßes. Er moniert, dass der Text fast im "erhabenen Stil" gehalten sei, der bisweilen ins "Groteske" umschlage. Zudem gehe bisweilen über den zahlreichen Neologismen jeder Aussagesinn verloren. "Manche Sätze", so Borgolte, "verlangen dem Leser eine Kunst der Dechiffrierung ab." Ferner kritisiert er, dass Reinhardts permanent von unrevidierbaren Einsichten und vom Wesen der Dinge spricht. Nicht hinnehmen mag er zudem, dass der Autor die Ergebnisse seines Denkers als "nicht zu übertreffenden Kulminations-, wenn nicht Schlusspunkt der historischen Methode" erscheinen lasse.