Vladimir Vertlib

Mein erster Mörder

Lebensgeschichten
Cover: Mein erster Mörder
Zsolnay Verlag, Wien 2006
ISBN 9783552060319
Gebunden, 252 Seiten, 19,90 EUR

Klappentext

In der Titelgeschichte "Mein erster Mörder" wird ein bis dahin unbescholtener Mann wegen Totschlags zu acht Jahren Gefängnis verurteilt. Was haben sein Vater und dessen Rolle im Zweiten Weltkrieg mit dem Sohn und seiner Tat zu tun?
In insgesamt drei Geschichten zeichnet Vladimir Vertlib das Leben von Menschen nach, die zwischen politischer Willkür und schicksalhaften Gegebenheiten ihre Würde oder auch nur ihr nacktes Leben zu bewahren versuchen.

Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 02.11.2006

Dieses Buch lehrt mehr über Flüchtlingsschicksale als alle Ausstellungen, meint Verena Auffermann. Sie lobt den "kühlen Blick", mit dem Vladimir Vertlib den Lebensgeschichten seiner Figuren nachgeht und die Zurückhaltung, mit der er sie ihre eigenen Lebensgeschichten erzählen lässt. Alle sind sie geprägt von den Erfahrungen der Flucht oder des Deplaziertseins, und der Autor stellt sie, wie die Rezensentin findet, mit großer Lebenserfahrung vor. Etwa die Geschichte der deutsch-tschechischen Jüdin, die sich nach dem deutschen Einmarsch in die Tschechoslowakei 1939 nicht minder am falschen Ort vorkommt als nach der Befreiung, die Geschichte des politisch engagierten österreichischen Malers oder die des braven Angestellten, der zum Mörder wird. In diesen Lebenserzählungen erweise sich Vertlib als "großer Realist", der es verstehe, Politik, Geschichte und alltägliches Leben miteinander in Verbindung zu bringen, lobt die Rezensentin, und empfiehlt dieses Buch mit Nachdruck.
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Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 15.04.2006

Zunächst, gibt der Rezensent Adam Olschewski zu Protokoll, hätten ihn Zweifel befallen ob der Methode, derer Vladimir Vertlib sich in seinen drei, in der Zeit des Dritten Reiches angesiedelten biografischen Erzählungen bedient. Denn wie Vertlib selbst im Nachwort offenbare, habe er die Lebensläufe seiner Protagonisten in "Reportermanier" aufgenommen, und sie dann "verfremdet und angereichert (...) um der Dramaturgie willen". Doch Vertlibs im klaren und leicht lakonischen "Stil des Chronisten" gehaltenen Erzählstücke lassen jede Art von Zweifel vergessen, beteuert der Rezensent, und man möchte die "Geschichtslektion", die sie bereithalten, "ohne grössere Umstände gegen etliche etablierte Nachschlagewerke eintauschen". Vertlib bewege sich in seinen Schilderungen fernab von simplen Kausalitäten und beschränke sich vor allem nicht auf "die dramatische Schilderung der Nazizeit", sondern erforsche "nuancenreich" deren "Nachleben". Sein Talent, so das begeisterte Fazit des Rezensenten, liegt darin, "auf kleinem Raum Grosses zwingend zur Darstellung zu bringen".

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 03.04.2006

Sabine Berking entdeckt in diesen Erzählungen von Vladimir Vertlib Anklänge an Joseph Roth, Sandor Marai und die "bitterbösen Niederungen" der Herta Müller. Allerdings, so räumt sie ein, schimmere bei den vorliegenden Texten "bei aller Niedertracht" schließlich "irgendwie das Versöhnliche" durch. Berking spricht auch von "therapeutischer Gewalt", wenn sie die Erzählhaltung des Autors zu beschreiben versucht. Den Blick stärker als in vorausgegangenen Büchern auf die Täter und ihre Kinder gerichtet, bearbeite Vertlib sein zentrales Motiv der "Verdrängung und Vergewaltigung der kollektiven und individuellen Geschichte in der Diktatur und in ihren psychosozialen Wurmfortsätzen in der Demokratie" und fördere in den auf tatsächlichen Viten basierenden Lebensgeschichten Ängste und Vorurteile zutage, aber auch Widerstand. Eindringlich erscheint Berking diese "Pathogenese der Intoleranz und Diktatur" besonders deshalb, weil der Autor, selbst Russe mit Exilerfahrung, Vokabular und Syntax, mit wienerischem Kolorit, "so makellos komponiert und den Erzählenden auf die Zunge" lege.
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