Olga Flor

Talschluss

Roman
Cover: Talschluss
Zsolnay Verlag, Wien 2005
ISBN 9783552053328
Gebunden, 176 Seiten, 16,90 EUR

Klappentext

Grete hat Geburtstag, und die ganze Familie reist an zum gemeinsamen Wochenende auf einem alten, renovierten Bauernhof, am Ende des Tales. Grete überläßt nichts dem Zufall: Von der Zimmereinteilung über die Speisefolge bis zum festlichen Bankett unter Sternen ist alles vorbereitet. Doch schon bald suchen die ersten Teilnehmer der Festgesellschaft ihr Heil in der Flucht. Aber dafür ist es bereits zu spät: Eine Viehseuche ist ausgebrochen, Talzu- und Ausgang müssen behördlich gesperrt werden.

Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 18.04.2006

Überaus angetan ist Daniela Strigl von Olga Flors neuem Roman, in dem das in gehobener Genusskultur auf einer Almhütte zelebrierte Geburtstagsfest der sechzig jährigen Powerfrau Grete aus den Rudern läuft. Strigl betrachtet das Buch nur vordergründig als Familienroman. Im Grunde geht es ihres Erachtens um eine Welt, "in der alles und jeder seinen Preis hat und in der Tüchtigkeit, Funktionstüchtigkeit zum obersten Gebot geworden ist". Diese Prinzipien sieht Strigl vor allem verkörpert in der esoterisch angehauchten Lebensberaterin Grete, ihrem Mann, einen erfolgreichen Personalchef, und Katharina, der Ex-Freundin ihres Sohnes, die die Geburtstagsfeier professionell organisiert, und die auch als Erzähler auftritt. Letztere zeichne die Autorin als eine Person, die ständig an ihrer Fassade arbeite und darüber die Substanz vernachlässige, die sich keine Blöße geben und aus allem heraushalten wolle, die nicht mehr wisse, wer sie sei und es auch nicht mehr wissen wolle.
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Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 11.07.2005

In Olga Flors Roman "Talschluss" wird ein Familienfest in einem abgelegenen Alpenbauernhaus zur Katastrophe, erklärt Kolja Mensing. Während auf der Feier zum 60. Geburtstag von Grete die "latenten Konflikte" innerhalb der Familie zunächst noch zu beschwichtigen sind, treten sie nach dem Ausbruch einer Viehseuche, die es den Familienmitgliedern unmöglich macht, den Alpenhof zu verlassen, offen zu Tage, so der Rezensent weiter. Mensing attestiert der österreichischen Autorin ein "ausgesprochen feines Gehör" für "verräterischen Zwischentöne" der verschiedenen Jargons der Gäste, vom Esoterikgerede der Jubilarin bis zur ökonomisch geprägten Sprache des Ehemanns, der Personalchef eines Unternehmens ist. Als die besten Passagen aber lobt er die Erzählmomente, wenn die Sprache der Protagonisten "an der Wirklichkeit zerbricht". Und so zeigt sich der Rezensent insgesamt sehr von diesem Roman eingenommen, auch wenn er einräumt, dass durchaus das "ein oder andere missglückte Bild" zu finden ist. Das aber, so Mensing abschließend, ist gewissermaßen auch ein "Glück", denn sonst wäre dieser Einblick in die "postmoderne Kleinfamilie" gar nicht auszuhalten.
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Rezensionsnotiz zu Frankfurter Rundschau, 11.05.2005

Kathrin Hillgruber ist ziemlich beeindruckt von Olga Flors Roman, der sie zu Vergleichen mit Jelinek und Dürrenmatt greifen lässt. Die Autorin beweist sich, so ihr Urteil, als eine "Virtuosin des Familienromans" - einem von der Sorte, wo die Sicherheiten zerfallen, die Fassaden bröckeln und das Unheil hereinbricht. Es ist ein Fest im Gange, initiiert von der Patriarchin und Esoterik-Ideologin Grete, die Familie rückt ein ins österreichische Tal - und sitzt am Ende fest in die "Alpenidylle" und aufeinander. Gerüchte einer Rinderseuche dringen in die Gesellschaft ein, dann erfolgt der "Talschluss", und keiner kann der Enge mehr entfliehen. Dafür formuliert die Rezensentin ein wunderbares Fazit für das "subtile Inferno", das Flor literarisch inszeniert: "Während draußen dumpf das Schicksal muht, tritt das Ballett der Lebenslügen auf der Stelle. Ein Psychogramm implodiert, und eine Quarantäne gewinnt beachtliche literarische Qualität."

Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 21.04.2005

Dass sich Olga Flor anschickt, sich gekonnt in die "erste Reihe" österreichischer Literatur zu schreiben, beweist auch ihr aktueller Roman, schreibt Rezensent Paul Jandl. Darin verpflanzt die Autorin eine Familie in ein kleines Bergtal, wo der 60. Geburtstag der Mutter, einer Selbsterfahrungspsychologin, gefeiert wird. Von den Bergkämmen, die aus Flors "detailversessener und poetischer" Prosa leuchten, dürfe man sich allerdings nicht täuschen lassen, meint Jandl. Das Idyll weicht rasch dem "Klaustrophen"; eine Seuche, die unter den weidenden Kühen ausbricht, zwingt die Geburtstagsgesellschaft in die Isolation. Vordergründig betrachtet geschehe "nicht viel" in diesem Roman, und doch führe die Autorin ihre Figuren in die "Hölle" aus esoterischem "Gerede" und dem Jargon der Wirtschaft. Die "wache Intelligenz" und "präzise Sprache", mit der sich die Autorin umfassenden gesellschaftlichen Krisen widmet, haben es dem Kritiker besonders angetan. Er sieht in Flors Buch einen "subtilen", mitunter auch "satirischen Kommentar" zu einer ökonomisierten Welt.