Aus dem Französischen von Jürgen Schröder. Wer bin ich? Wer sind wir? Heute stellen wir uns solche Identitätsfragen in zunehmendem Maße im Bezug auf die eigene Identität. Es geht uns nicht mehr um die ontologische Tatsache, dass wir als Personen mit uns selbst identisch sind, sondern um unsere "Fähigkeit", wir selbst zu sein, eine Fähigkeit, die wir auch verlieren können. Dieser neuen, "moralischen" Identitätsfrage, ihrer Entstehungs- und Ausbreitungsgeschichte sowie ihren Fallstricken widmet der französische Philosoph Vincent Descombes seinen Essay. Wie er zeigt, hat sich der moralische beziehungsweise psychosoziale Gebrauch des Identitätsbegriffs seit der Mitte des 20. Jahrhunderts rasant verbreitet. Politische Aktivisten fordern allerorten die Anerkennung benachteiligter oder unterdrückter Identitäten und Sozialwissenschaftler entdecken überall "konstruierte" Identitäten. Identitätspolitik ist zu einem zentralen Thema unserer pluralistischen Gesellschaften geworden. Diesen Rätseln der "identity politics" und des "identity talk" geht Descombes mit analytischer Schärfe auf den Grund. Seine Forderung: Wir müssen die Sprache der Identität neu erlernen.
Rezensionsnotiz zu
Neue Zürcher Zeitung, 05.10.2013
Als analytischer Philosoph ist Vincent Descombes genau der richtige, um dem Gerede von der Identität einmal auf den Zahn zu fühlen, findet Ralf Konersmann. Der Begriff ist noch nicht alt, er betrat erst in der Mitte des zwanzigsten Jahrhunderts mit Beihilfe des Psychoanalytikers und Kulturanthropologen Erik H. Erikson die akademische Bühne, erfährt der Rezensent von Descombes, noch dazu verwenden wir ihn auf unterschiedlichste Art und Weise. Descombes unterscheidet zwischen der Anwendung auf Individuen und der auf Kollektive, sowie jeweils zwischen "nominaler und realer, buchstäblicher und wahrer, faktischer und normativer" Identität, fasst Konersmann zusammen. Begriffliche Kohärenz sieht anders aus, weiß der Rezensent. Besonders problematisch sehe Descombes allerdings die Forderung nach einer pluralen Identität, die nicht nur in sich widersprüchlich sei, sondern auch naiv die historischen Kategorien unserer Selbstdefinitionen überspringe.
Julian Barnes: Abschied(e) Aus dem Englischen von Gertraude Krueger. Julian Barnes wird im Januar 2026 achtzig Jahre alt. Er weiß, dass die längste Zeit seines Lebens hinter ihm liegt, und er möchte… Dorothee Elmiger: Die Holländerinnen Mit blinkenden Warnlichtern fährt die Erzählerin, eine namenlose Schriftstellerin, an den Straßenrand, als ein unerwarteter Anruf sie erreicht. Am Apparat ist ein gefeierter… Elias Hirschl: Schleifen Franziska Denk wächst im Umfeld des Wiener Kreises auf und leidet als Kind an einer seltsamen Krankheit: Jedes Symptom, von dem sie hört oder liest, bekommt sie sofort. In… Leila Slimani: Trag das Feuer weiter Aus dem Französischen von Amelie Thoma. Mia, erfolgreiche Schriftstellerin in Paris, kämpft mit "brain fog", einem Gehirnnebel, der ihre Erinnerungen und ihre Arbeit beeinträchtigt.…