Permafrost
Roman

Europa Verlag, München 2025
ISBN
9783958906006
Gebunden, 1264 Seiten, 42,00
EUR
Klappentext
Aus dem Russischen von Franziska Zwerg. Die Handlung des Romans spielt in den Jahren 1949-1953 in der abgelegenen sibirischen Siedlung Jermakowo, wo nach einer Laune Stalins ein ebenso gigantisches wie sinnloses Bauprojekt geplant war. Mithilfe von bis zu 120.000 Gulag-Häftlingen sollte am Polarkreis, durch Taiga und Sümpfe eine anderthalbtausend Kilometer lange Eisenbahnstrecke verlegt werden, die den Unterlauf des Jenissejs mit dem Nordural verbindet. Das Projekt wird zur Metapher für den stalinschen Totalitarismus. Wie der Jenissej ist auch dieser Roman ein mächtiger, breiter, ruhiger Fluss - ohne plötzliche, unerwartete Windungen oder Stromschnellen. Und doch: Wenn man einmal an Bord von Kapitän Belows Schlepper gegangen ist, kann man sich der Kraft seiner Strömungen und Unterströmungen nicht mehr entziehen. Die zunehmend tragische Verflechtung der einzelnen Hauptfiguren entfaltet eine unterschwellige Spannung und emotional nachhaltige Wirkung, der man sich kaum entziehen kann. Viktor Remizov hat für sein Werk, an dem er sieben Jahre schrieb, umfangreiches historisches Material studiert, das ihm die mittlerweile in Russland verbotene Menschenrechtsorganisation "Memorial" zur Verfügung stellte.
Rezensionsnotiz zu
Neue Zürcher Zeitung, 12.06.2025
Selbst vor einem Tolstoi-Vergleich schreckt Rezensent Ulrich M. Schmid nicht zurück in seiner Besprechung des Romans Viktor Remizovs. Mit einem veritablen Nationalepos haben wir es hier zu tun, meint Schmid, die Figuren handeln nicht bloß als Individuen, vielmehr bleiben sie stets schicksalhaft den über sie hereinbrechenden historischen Kräften ausgeliefert. Konkret handelt das laut Kritiker von Franziska Zwerg exzellent übersetzte Buch von einem historischen Eisenbahnbau in Sibirien, beteiligt ist daran unter anderem Below, ein einstiger Stalinist, der bald in die Fänge des staatlichen Terrors gerät. Eine weitere wichtige Figur ist der Geologe Gortschakow, der ebenfalls zu Zeiten des stalinistischen Terrors in Gefangenschaft gerät. Zudem geht es Remizov darum, aufzuzeigen, wie der stalinistische Terror in der Folgezeit gerade nicht aufgearbeitet wurde. Eindrücklich findet der Rezensent auch die Naturbeschreibungen. Vor allem aber lobt Schmid, dass Remizov seine formulierte Forderung, die Menschen in Russland müssten ihre staatsbürgerliche Verantwortung wahrnehmen, mit diesem Roman auf "höchstem moralischem und literatischem Niveau" umsetzt.
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 08.05.2025
Rezensent Urs Heftrich mit diesem Roman hat ein "Monumentalwerk" über die Bedingungen vor sich, unter denen Stalins absurdes Eisenbahnprojekt in Sibirien durchgesetzt werden sollte: Der Autor Viktor Remizov basiert seine Geschichte auf historisch verbürgten Fakten und hat eng mit der 2021 in Russland verbotenen Organisation Memorial zusammengearbeitet. Die Gulag-Häftlinge sollen die unmögliche Aufgabe erfüllen, in unwegsamem Gelände Gleise zu verlegen, das Projekt wird nie fertiggestellt, erfahren wir, schuften müssen die, die es gewagt haben, "Väterchen Stalin" zu widersprechen. Remizov und seine Übersetzerin Franziska Zwerg widmen sich mit "unerbittlichem Scharfblick" der alles beherrschenden Angst vor Denunziation, Verhaftung und Folter, so Heftrich, aber auch der Hoffnung auf Menschlichkeit, die der Autor mit den komplizierten, aber widerständigen Liebesgeschichten einflicht. Dass seine Helden ihre Humanität nicht verlieren, ist für den Kritiker "ein Wunder", das er dem Autor jedoch abnimmt. Er ist froh, dass dieser "Sisyphos am Polarkreis"-Roman nun auf Deutsch zu entdecken ist.
Rezensionsnotiz zu
Deutschlandfunk, 17.04.2025
Ein eindrückliches Buch über Zwangsarbeit in der stalinistischen Sowjetunion legt Viktor Remizov laut Rezensent Christoph Vormweg hier vor. Wobei das Buch zwar auf ausführlichen Archivrecherchen und Gesprächen mit Zeitzeugen basiert, aber gleichzeitig, erläutert Vormweg, die Form der Fiktion wählt und darin auch an Solschenizyns "Archipel Gulag" anschließt. Allerdings gibt es bei Remizov anders als bei Solschenizyn ein festes Stammpersonal - konkret geht es um drei Figuren, die am Bau der "Großen Stalinbahn" 1950 bis 1953 beteiligt waren: den Gefangenen Gortschakow, den Schiffskapitän Below und den Wärter Romanow. Am Beispiel Gortschakows beschreibt Remizov die stalinistische Willkürherrschaft, die vor allem auf die Ausbeutung billiger beziehungsweise kostenloser Arbeitskräfte aus war, resümiert der Rezensent. Zudem geht es um den entmenschlichenden Lageralltag und die Rolle des Alkohols im Leben der Gefangenen, auch auf die Nutznießer des Systems kommt der Autor zu sprechen, sowie auf die Rolle der Frauen. Vormweg wundert sich, dass dieser Roman in Russland erscheinen und zum Bestseller avancieren konnte, schließlich handelt er ungeschönt von der Gewalt, die die russische Geschichte prägt und die Frage, wie sich das auf die putinistische Gegenwart auswirkt, schwingt zumindest untergründig mit, meint der beeindruckte Kritiker.