Elias Canetti, Veza Canetti

Briefe an Georges

Cover: Briefe an Georges
Carl Hanser Verlag, München 2006
ISBN 9783446207608
Gebunden, 420 Seiten, 25,90 EUR

Klappentext

Herausgegeben von Karen Lauer und Kristian Wachinger. Ein Dreiecksroman in Briefen: Elias Canetti, der neben seiner Ehefrau ständig wechselnde Geliebte hat, sein Bruder Georges, der sich außer zu schönen Männern zu seiner mütterlichen Schwägerin Veza hingezogen fühlt, und Veza, die ihrem jungen Schwager heillos verfallen ist. Als Veza und Elias 1938 aus Wien nach London fliehen, schreiben beide dem Bruder Georges: vom ärmlichen Emigranten- und hochkomplizierten Eheleben, von Eskapaden und Wahnsinnsanfällen, von Krankheit und Depression. Georges selbst ist schreibfaul, antwortet auf die Briefe kaum, bewahrt sie jedoch auf. Erst im Jahr 2003 werden die Briefe in Paris gefunden und nun zum ersten Mal publiziert.

Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 28.10.2006

Als "abgründigen Liebes- und Entwicklungsroman" feiert Rezensent Franz Haas diese wieder entdeckte Korrespondenz, die seinen Informationen zufolge in der Hauptsache von Veza Canetti, zu einem kleinen Teil aber auch von ihrem Mann Elias und kaum von dessen jüngstem Bruder Georges bestritten wurde, dem Hauptadressaten der Briefe. Das enorme Konvolut bietet Haas zufolge nicht nur neue und ungewohnte Blicke auf Elias Canetti. Die große Sensation dieser Edition besteht für den Rezensenten darin, dass endlich Veza Canetti als Autorin Gerechtigkeit widerfahre, deren "heimliches Hauptwerk" für Haas diese Briefe sind. Vezas "vitale Menschlichkeit", ihre "verzagte Heiterkeit" und ein "verzweifelt wortgewaltiger Witz" ergreifen den Rezensenten immer wieder tief. Die "hölzernen" Briefe Elias? an seinen Bruder sieht er von Vezas Esprit bei weitem überstrahlt. Aber auch als Paar sieht er beide nun in einem neuen Licht, in dem der mit seiner Paranoia und um sein Werk ringende Elias samt seiner Liebschaften nicht die beste Figur abgibt. Stattdessen erscheint Haas die Elias sklavisch ergebene, ihren homosexuellen und 15 Jahre jüngeren Schwager "geistreich umgarnende" Veza als eigentliche Lichtgestalt.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Rundschau, 04.10.2006

Als "Sensation" für die Canetti-Forschung bezeichnet Rezensent Harry Nutt den Fund dieser Korrespondenz zwischen Elias Canetti, seiner Frau Veza und seinem jüngeren Bruder Georges. Nutts Informationen zufolge stammen die Briefe aus dem Nachlass Georges Canettis und zeigen ungewohnte, höchstprivate Seiten des Nobelpreisträgers. Sie geben Aufschluss über biografische Details, nötigen zu "drastischen Korrekturen" des herkömmlichen Canetti-Bildes und bieten gleichzeitig Einblicke in ein "faszinierendes Stück Zeitgeschichte", so der Rezensent. Was Veza Canettis Briefe angeht, handelt es sich aus Nutts Sicht sogar um das Hauptwerk der ebenfalls als Schriftstellerin tätigen Frau. In höchstem Maße bewegt zeigt sich der Rezensent auch von der in dieser Korrespondenz sich aufblätternden "symbiotischen Dreiecksbeziehung" dreier jüdischer Intellektueller. Diese Briefe, die für Nutt insgesamt einen "großen Gesellschaftsroman" ergeben, fesseln ihn trotz schockierender Einblicke in Elias Canettis egozentrischen und zwanghaften Charakter immer wieder als Dokumente "intimer Grenzüberschreitung".

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 05.08.2006

Einen der "bizarrsten Briefwechsel der Literaturgeschichte" nennt Andreas Platthaus die jetzt erschienene Korrespondenz zwischen Elias Canetti, seiner Frau Veza und seinem Bruder Georg. Der Band "Briefe an Georges" dokumentiert für ihn eine einzigartige Dreiecksgeschichte. Wer an Hochskandalöses denkt, liegt allerdings falsch. Bizarr erscheint Platthaus der Briefwechsel vor allem deshalb, weil sich darin alle Beteiligten gegenseitig ihre Verzweiflung aneinander offenbaren - verbunden in inniger Liebe zu einander, getrennt durch deren unterschiedliche Weise. Platthaus berichtet über die notorische Untreue Canettis, mit der er seine Frau zur Verzweiflung brachte. Zwischen den zahlreichen dramatischen Szenen, die sich zwischen Elias, Veza und Georg abspielten, stößt Platthaus immer wieder auf solche, die er überaus komisch findet. Eine Entdeckung ist für ihn der bisher eher unbekannte Georg Canetti, der zu seinem Bedauern nur mit wenigen Briefen vertreten ist. Er würdigt dessen psychologische Beobachtungsgabe und seinen meisterhaften Stil. Überhaupt kommen nach Einschätzung von Platthaus Georg und Veza wesentlich besser weg - sowohl "literarisch" als auch "moralisch".