Nach dem Zweiten Weltkrieg und der Shoah wähnten viele den Antisemitismus endgültig am Ende. Die ebenso menschenverachtende wie irrationale Ideologie hatte ihre Fratze gezeigt und schien immer weniger in eine international vernetzte, auf Kooperation angewiesene Welt zu passen. Doch die Hoffnung auf ein Verschwinden des Antisemitismus hat sich als Illusion erwiesen. Spätestens seit der globalen Finanzkrise 2008 stehen schroffe Feindbilder wieder auf der Tagesordnung. Gleichzeitig wuchs das Bedürfnis nach einem "Sündenbock" für das Börsen-Desaster. Als hasserfülltes Vorurteil und Projektionsfläche eigener Ängste wirkt das Gift Antisemitismus immer noch. Ulrich Sieg konzentriert sich in seiner Ideengeschichte des modernen Antisemitismus auf den deutschsprachigen Raum. Er erklärt, wie der Judenhass nach 1871 die politische Kultur des Kaiserreichs prägen konnte. Auch an den international bewunderten deutschen Universitäten spielte er eine entscheidende Rolle. Im Unterschied zu den sich dynamisch entfaltenden Naturwissenschaften oder der Medizin fehlte es in den Geisteswissenschaften an "kreativen Nischen" für jüdische Wissenschaftler, die in traditionsreichen Fächern wie Geschichte oder Philosophie diskriminiert und exkludiert wurden.
Rezensionsnotiz zu
Süddeutsche Zeitung, 09.05.2022
Rezensent Ludger Heil stellt diesen Band als eine Kompilation von Aufsätzen vor, die der Marburger Historiker Ulrich Sieg bereits an anderer Stelle veröffentlicht hat. Sie alle widmen sich dem Aufkommen des modernen Antisemitismus im 19. Jahrhundert in Deutschland, seiner Begriffsgeschichte und seiner ideengeschichtlichen Einordnung. Einige Fragen sieht der Rezensent in diesem Band unbeantwortet gelassen, die Fokussierung auf den akademischen Antisemitismus lässt ihn aber zu Erkenntnissen über Fanatismus in gelehrtem Gewand kommen, die der Rezensent offenbar zu schätzen weiß. Besonders hervor hebt er dabei Siegs Aufsatz über "judenfeindliche Selbstverständlichkeiten" an der Universität Marburg.
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Rundschau, 07.04.2022
Rezensent Micha Brumlik folgt dem Historiker Ulrich Sieg bei seiner Darstellung des Antisemitismus im akademischen Bereich. Siegs bereits früher publizierte Aufsätze zum Thema belegen laut Rezensent, inwiefern der Antisemitismus jüdische Akademiker und sogar ganze "philosophische Schulen" betraf. Antisemitische Hetzblätter wie die "Deutschen Schriften" und Hetzer wie der Orientalist Paul de Lagarde kommen bei Sieg zu Wort und vermitteln laut Brumlik, wie antisemitische Hetze die gezielte Behinderung jüdischer akademischer Karrieren und die "Verketzerung" etwa des Neukantianismus begleitete und befeuerte.
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