Ulrich Enzensberger

Parasiten

Ein Sachbuch
Cover: Parasiten
Eichborn Verlag, Frankfurt am Main 2001
ISBN 9783821845012
Gebunden, 303 Seiten, 27,61 EUR

Klappentext

Der erste Parasit war ein Priester, gewählt in der attischen Demokratie. Lukian entwarf einen Parasiten, der Künstler sein wollte. 1720 bestimmte Micheli in Florenz die Sommerwurz als "parasitische Pflanze". Der Abbé Grégoire bezeichnete dann 1789 auch die Juden als "parasitische Pflanzen". 1895 unterhielt allein Preußen eine Armee von 27.089 Trichinenbeschauern. 1920 rief Trotzki alle Schaffenden zum Kampf gegen jene Parasiten auf, die "die Spekulation der Arbeit vorziehen". Ein paar Jahre später entwickelte Hitler in Mein Kampf die zentrale These, der Jude sei "ein Parasit im Körper anderer Völker". 1980 definierten Orgel und Crick die DNA als "the ultimate parasite". Ulrich Enzensbergers Buch handelt von der fatalen Rolle einer jahrtausendealten Idee, die immerzu zwischen Natur und Gesellschaft, Biologie und Politik hin- und herpendelt. Mit Bildern, Auszügen aus verschollenen Quellen, Literaturverzeichnis und Register.

Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 07.11.2001

Enzensberger hat nach dem Dafürhalten der Rezensentin Cornelia Vissmann eine Anthologie des Parasiten und keine Philosophie des Parasitären geschrieben. Ein Sachbuch also, wie es der Untertitel richtig angibt. Und informativ, wie man es von einem Sachbuch erwartet. Das beginnt laut Vissmann mit der etymologischen Herleitung, die ihren Anfang nicht etwa in der Biologie sondern der antiken Hierarchie nahm. "Para-sitos" bezeichnete das Priesteramt, mit dem die Auswahl der Speisen für das Opfermahl verbunden war. Aber schon in der Antike entwickelte sich der Parasit als Begrifflichkeit, die alles und nichts - vor allem nichts Eigenes - bezeichnete. Die "parasitäre Existenz", so fasst Vissmann zusammen, schlüpfte im Lauf der abendländischen Geschichte in die verschiedensten Verkleidungen. Die vielen Metamorphosen des Parasiten wirkten jedoch etwas verwirrend, gesteht Vissmann ein, da der Autor die Parasiten selbst auftreten und ihre Geschichte erzählen lasse. Enzensberger hat sich das Prinzip des Parasitären selbst zu eigen gemacht, es wabert und wuchert durch alle semantischen, philologischen, historischen Ebenen des Buches. Überbordend von interessanten Erkenntnissen und witzigen Details, denen jedoch nach Vissmann eine theoretische Klammer fehlt.
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Rezensionsnotiz zu Die Tageszeitung, 31.07.2001

Claus Leggewie hat sich eine parasitär-vergnüglichen Lektüre unterzogen, wobei er sich auf seinen Autor berufen kann, für den Parasitentum eine Lebenskunst bedeutet und dabei auf die alten Griechen anspielt, bei denen der Parasit ein hoch geachteter, religiöser Beamte war, dem die Zubereitung der Speisen für das kultische Opfermahl oblag. Erst im Laufe der Geschichte und der zunehmenden Vernaturwissenschaftlichung der Dinge kam der Parasit zunächst in die Botanik, dann in die niedere Tierwelt, um dann über ideologische Denkschleifen zum Menschen zurückzukehren und aus ihm einen Kriminellen oder Schmarotzer zu machen, berichtet Leggwie: Selten mache Begriffsgeschichte so viel Spaß wie bei Enzensberger. Im Übrigen sei das Buch hochpolitisch, lobt der Rezensent weiter und verrät belustigt bis bewundernd, dass der Autor durchgängig in der Wir-Form von den Parasiten spricht, denn schließlich seien wir alle Parasiten. Als anerkannter Schriftsteller allemal.

Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 28.07.2001

Ulrich Enzensberger hat, ohne den leicht moralischen Duktus, den Fritz Göttler bei Bruder Hans Magnus verortet, eine geistes-, sozialwissenschaftliche und hochliterarische Parasitologie geschrieben. Der Rezensent hat hier erfahren, dass das Parasitentum in der Antike alles andere als schlecht war, steckt doch im Wort "Sitos" das heilige Opfergetreide für die Götter, das der Parasit stellvertretend für die Menschen überbringt, referiert der Rezensent. Erst in der frühen Neuzeit entdeckten die Menschen den Parasiten als Erreger von Krankheiten und Seuchen. Für Göttler ist das Verhältnis zwischen Mensch und Parasit die alte Geschichte zwischen der Gemeinschaft und dem Außenseiter - ohne zugeschriebene Abweichung keine gesellschaftliche Identität, denkt der Rezensent.
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Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 14.07.2001

Ulrich Enzensbergers Buch durchquert die Jahrhunderte, entsprechend umfangreich und ausgreifend nachreferierend ist diese Rezension von Uwe Justus Wenzel. Es beginnt im alten Griechenland und da waren die Parasiten noch ein hoch willkommener Menschenschlag. Von Mitessern beim Kultmahl zu Gästen an weltlichen Tafelrunden säkularisiert, wurden sie zu einer Art "unterhaltsamer Philosophen" bei Tisch. Die römische Republik bedeutete ihren Niedergang, aber, in den Komödien von Plautus und Terenz gut aufgehoben, konnten sie sich übers Mittelalter retten, um ab dem 16. Jahrhundert bei Ariost und anderen wieder fröhlich Urständ zu feiern. Die Biologie freilich macht die Parasiten zu dem, was sie heute sind: unwillkommenen Schmarotzern. Die Bezeichnung kehrt als Metapher zurück (Herder beschreibt die Juden als "parasitische Pflanze auf den Stämmen anderer Nationen") - und doch werden, in einer triumphalen Wendung, die Parasiten ausgerechnet von der Molekularbiologie rehabilitiert. Unser Genom ist mit Unmengen nicht arbeitender, parasitischer DNA durchsetzt: unerklärlich, aber offensichtlich notwendig. Wenzel ist offenkundig sehr angetan von diesem wort- und sachgeschichtlichen Streifzug, den er einzigartig, sachkundig und schlicht und ergreifend "wunderbar" findet.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Rundschau, 09.07.2001

David Kassner bezeugt Ulrich Enzensberger begeisterten Dank für sein "in jeder Hinsicht wohlgestaltetes, amüsantes Buch". Unterhaltend und lehrreich erzähle Enzensberger eine Kulturgeschichte des Parasitentums von der Antike bis hin zu Gerhard Schröders Äußerung, ein Recht auf Faulheit könne es bei uns nicht geben. Dass der parasitos - wörtlich: der mit einem andern Essende - keineswegs immer als bloßer Schädling gegolten hat, stelle Enzensberger "virtuos zitierend und paraphrasierend, (...) manchmal etwas langwierig", anhand einer Fülle von Beispielen dar. Zu Recht verorte Enzensberger erst im 19ten Jahrhundert den Beginn der unseligen, von Herder über Schopenhauer und Nietzsche zu Hitler vermittelten Rede, die schließlich den Juden als Parasiten im Leib der Völker bezeichne. Die bundesdeutsche Demokratie indes hat inzwischen ein Einsehen gehabt, so freut sich Kassner abschließend: Zufrieden sieht er nämlich den "Philosophen-Parasiten" an der Tafel der Erbgutforscher sitzen, wenn auch am unteren Ende. Der staatliche Freitisch, er heißt nach Kassner nunmehr "Nationaler Ethikrat".
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