Klappentext

Aus dem Französischen von Ulrich Kunzmann. "Wir" zu sagen, ein "Wir" zu bilden ist die politische Handlung par excellence. Wie aber konstituiert sich ein politisches Subjekt? Wie funktioniert diese Identitätsbildung? Und wie hat sie sich historisch in den letzten zwei Jahrhunderten entwickelt? Der "Kampf der Kulturen", die Debatte um "den" Islam, um Geflüchtete, Rassismus, Feminismus oder "politisch korrekte" Sprache, um die Rechte der Tiere - immer geht es darum, im Namen eines "Wir" zu sprechen, sich abzugrenzen oder zu inkludieren, sich zu mobilisieren und zu organisieren. Die Intensität dieser Wir-Bildungen nimmt wieder enorm zu. Garcia tritt einen Schritt zurück und entwirft ein allgemeines Modell, das anhand von Mechanismen der Konturierung, Überlappung und Priorisierung zeigt, wie solche Wir-Identitäten gebildet werden. Und er erzählt die Geschichte ihrer Dynamik, ihrer Kontraktionen und Extensionen: eine Geschichte von Herrschaft und Widerstand.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 13.02.2019

Für Florian Meinel hätte es der französische Philosoph Tristan Garcia auch eine Nummer kleiner machen können. So atemlos und unbedingt, wie der Autor die politisch-soziale Grammatik des Jetzt in Theologie, Sexualität, Psychoanalyse, Liberalismus und Kriegen zu entziffern sucht und mit Thesen, Beobachtungen und Anekdoten nur so um sich schmeißt, um die Auflösung aller Zugehörigkeiten zu illustrieren, so wenig kann Garcia dem Rezensenten etwas über die prekäre Realität und die Zukunft von Minderheiten vermitteln. Garcias Argumente gegen die Identitätspolitik findet Meinel banal, seinen Ratschlag, das Ich zugunsten einer Pluralität der eigenen Wir zuzulassen, nicht neu. Als Hoffnungsträger eines neuen Humanismus, wie der Autor sich das denkt, fühlt sich Meinel nach der Lektüre nicht gerade.
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Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 08.02.2019

Rene Scheu lässt sich vom französischen Starphilosophen Tristan Garcia in die Untiefen unserer identitätspolitisch geprägten Gegenwart führen. Wer Gewinner, wer Verlierer, wer beides ist, weiß Garcia, er kennt die Ersetzung von Prinzipien durch Prozesse und analysiert kritisch, wenngleich laut Scheu auch mitunter poststrukturalistisch nervend die Dialektik zwischen Rassismus und Antirassismus und die unübersichtliche Opferzahl der Mehrheitsgesellschaft. Von identitätspolitischen Scores und Drifts berichtet Garcia dem Rezensenten und erläutert, wie sich das Machtspiel um Identitäten gewinnen ließe: durch die Rückbindung unserer frei flottierenden Kategorien an die Wirklichkeit.

Rezensionsnotiz zu Die Zeit, 13.12.2018

Maja Beckers geht aus der Lektüre von Tristan Garcias Gedanken zum grassierenden Wir-Gefühl verwirrt hervor. Zwar findet sie Garcias philosophischen Blick auf "Wir"-Prozesse erfrischend und folgt seinem informierten Gang durch Einteilungssysteme wie Gender, Rasse und Klasse mit einiger Faszination, auch wenn vieles davon ihr nicht neu erscheint. Originell findet sie, wenn der Autor historisch und soziologisch die Dynamiken der Identitätspolitik analysiert und Befreiung und Diskriminierunugsdebatten aufeinander folgen lässt. Die Thesenverliebtheit des Autors überfordert sie allerdings schon bald, zumal er groß darin ist, Ausführungen immer dann abzubrechen, wenn es für Beckers richtig aufregend wird und sie jede Menge Fragen entwickelt.

Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 19.10.2018

Birthe Mühlhoff ist zwiegespalten angesichts von Tristan Garcias philosophischem Versuch, ein Wir zu definieren. Zwar gefallen ihr der gelassene Abstand des Philosophen zu identitätspolitischen Debatten und seine knappe, klar strukturierte Schreibe, doch weder scheint sie Garcias geometrische Metaphorik verwendende Erklärung zu überzeugen, noch kann sie dem Autor zustimmen, wenn es darum geht, ein "Wir-Gefühl" zuallererst zu legitimieren, ein Modell, das dazu nicht einmal Solidarität zulässt, wie Mühlhoff kritisiert. Als ergebnisoffene Ergänzung aktueller Debatten aber kann die Rezensentin das Buch durchaus empfehlen.
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