Tomas Lieske

Franklin

Roman
Cover: Franklin
Rowohlt Verlag, Reinbek 2004
ISBN 9783498039141
Gebunden, 380 Seiten, 22,90 EUR

Klappentext

Aus dem Niederländischen von Christiane Kuby. 1945, bald nach Kriegsende. Eine Lokomotive donnert durch die eisige Tundra Russlands. Das Metall kreischt, Qualm verpestet die Luft. Im Führerstand steht Niel, ein düsterer Mann. Soeben hat er den Niederländer Charles aus einem Nickellager befreit. Nun sind sie auf dem Weg aus der Tiefe der Erde zurück in die zivilisierte Welt - nach Holland. Wenige Jahre später wird dort ein kleiner Junge geboren: Charles' Neffe Franklin Lowendaal. Von seiner Mutter zurückgewiesen, muss er sich einen eigenen Weg durchs Leben bahnen. Das führt ihn in die kalte, kriminelle Welt von Charles und Niel. Gemeinsam mit seiner großen Liebe Michelle versucht er zu entfliehen.

Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 05.01.2006

Was Christoph Bartmann an dem Roman des Niederländers Tomas Lieske vermisst, ist "ein bisschen guter Geschmack". Ansonsten hat sich der Rezensent in Anbetracht der überbordenden Erzählfreude des Autors, die auf die "Überwältigung seiner Leser" angelegt ist, nicht gelangweilt. Die "Dauerdrastik" wiederum hat den Rezensenten bisweilen ein wenig mehr Gemächlichkeit herbeisehnen lassen, da der Stoff für mehr als einen Roman gereicht habe. Episodenhaft werde aus dem Leben des schwer erziehbaren jugendlichen Helden Franklin berichtet, dessen ganze Herzensbildung, die natürlich fehlschlage, auf die Provokation einer kaltherzigen bürgerlichen Umwelt ausgerichtet sei. Hierin erweise sich der Held als nicht gerade zimperlich, er vergreife sich auch schon mal am Kadaver einer toten Krähe wie an fäkalischen Hinterlassenschaften. "Etwas ausgesucht Abstoßendes" kennzeichneten Franklins Handlungen, wie der Rezensent etwas angeekelt und ratlos vermerkt.
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Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 01.12.2004

Dorothea Dieckmann haben Anlage und Ansatz dieses Romans sehr gefesselt: Drei Menschen, die aus der Zivilisation herausgefallen sind, obwohl sie in ihrer Mitte existieren - einer war früher SS-Mann und ist aus einem russischen Zwangslager geflohen, einer anderer ist als Findelkind in der Wildnis von Maschinen - "Hochöfen, Rohrlabyrinthen, Förderbändern" - großgeworden, der dritte und jüngste ist als Kind von seiner Mutter vernachlässigt und misshandelt worden. Sie führen ein gemeinsames Leben im Amsterdam der Nachkriegszeit: der verwilderte Knabe, der der Wildnis entflohene ehemalige Kollaborateur und der kaum angepasste Wilde, der immer noch das Dröhnen der Lokomotive im Ohr hat." Es ist ein Experiment - drei archetypische asoziale Charaktere, deren Existenz sich der Vernunft verweigert und das Böse hervorbringt - und es geht, so Dieckmann, "furios" los. Doch dann, bedauert sie, wird es zunehmend "beliebig" und allzu gewollt: "In vielen gesuchten Metaphern, Leerstellen und provozierenden Effekten äußert sich ein Wille zum Aparten, der das Experiment um seiner selbst willen unternimmt." Das aber, schließt die Rezensentin, ist gefährlich, denn es führt leicht zu einem "gemütlichen Endzeitzynismus".

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 26.07.2004

Düster fasziniert zeigt sich Esther Kilchmann von Tomas Lieskes "Franklin". Der Roman stelle "eine unbarmherzige Vivisektion am Körper der kleinbürgerlichen Nachkriegsfamilie" dar, bei der Mitgliedschaft in der SS ebenso wenig fehlt wie eheliche Vergewaltigung, tiefste Fremdheit zwischen den sich am nächsten Stehenden, eine Art Wolfsmensch aus einem Gefangenenlager und die Verwandlung der Großmutter in ein "überdimensioniertes Insekt". In "grausig präzisen Szenen" werden Gewalt und Tod und "die unlösbaren Verknotungen des familiären Verschweigens" abgebildet. Immer wieder rücken dabei Haustiere in Schlüsselpositionen, übernehmen Leitmotivfunktion, wenn sie nicht sogar die Rolle von Totems spielen. Am Eingang ihrer Rezension zitiert Kilchmann Benjamin und Kafka, und so geht es in "Franklin" auch um die Metastasen des Schreibens und die ewige Metamorphose der Dinge: "In 'Franklin' geht alles weiter", und noch die Schrift gewährleistet keine Klarheit und Endgültigkeit, sondern sie "verwandelt sich in einen Wurm", mit dem das Buch endet - das Wort wird Fleisch, allerdings ein wenig appetitliches. Und so ist denn die Lektion des Romans aus Kilchmanns Sicht: "Jeder Akt der Befreiung ist von vornherein zum Scheitern verurteilt."
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