Thomas von Steinaecker

Das Jahr, in dem ich aufhörte, mir Sorgen zu machen, und anfing zu träumen

Roman
Cover: Das Jahr, in dem ich aufhörte, mir Sorgen zu machen, und anfing zu träumen
S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2012
ISBN 9783100704085
Gebunden, 400 Seiten, 19,99 EUR

Klappentext

Risiken abzusichern ist ihr Geschäft. Doch sie verstrickt sich in Unsicherheiten, trügerische Phantasien und Ängste. Renate Meißner wird versetzt, befördert und gewinnt für ihre Versicherungsgesellschaft einen großen Auftrag. Doch eine interne Evaluierung ergibt, dass in ihrer Abteilung Stellen gestrichen werden. Vielleicht war die Versetzung ein abgekartertes Spiel, um sie loszuwerden? Der große Auftrag ein Test? Sie reist nach Russland, um die Grande Dame hinter dem Projekt kennenzulernen, die Herrin über ein generationenaltes Vergnügungspark-Imperium. Die Greisin scheint erstaunliche Ähnlichkeiten mit Renates verschwundener Großmutter zu haben. In einer Welt futuristischer Jahrmarktsattraktionen verschwimmen die Grenzen zwischen Realität und Phantasie. Welcher Wirklichkeit ist noch zu trauen?

Rezensionsnotiz zu Die Tageszeitung, 15.03.2012

Rezensent Ulrich Rüdenauer hat ein Zitat des Autors Thomas von Steinaecker ausgegraben, demzufolge ein Autor nicht die "fantastischen Gegenbenheiten unserer Wirklichkeit" verkennen darf, Folge und Strafe einer solchen Vernachlässigung wären soziale Irrelevanz. Ob Steinaecker also seinem eigenem Anspruch gerecht wird? Er erzählt die Geschichte einer hyperrationale Versicherungsvertreterin, die sich aus ihrem Leben ausklinkt, als sie auf eine vermeintliche Wiedergängerin ihrer Großmutter stößt, die in Russland einen Europa-Vergnügungspark betreibt. Rüdenauer erzählt ausführlich diese Handlung nach und kommt zu dem etwas apodiktischen Schluss, dass Steinaeckers Roman soziale Relevanz beweist, da seine Heldin von einem anderen Leben träumen darf. Wir lesen das als Empfehlung, auch wenn Rüdenauer mit weitergehenden Urteilen hinterm Berg hält.

Rezensionsnotiz zu Die Zeit, 15.03.2012

"Angestelltenromane" haben Hochkonjunktur, meint Rezensentin Iris Radisch, und wenn sie so unterhaltsam, glänzend und "stylish" daherkommen wie Thomas von Steinaeckers Roman kann die Kritikerin das nur begrüßen. Vergnügt begleitet sie hier die leistungsorientierte und angepasste Renate Meißner, die bei einer Münchener Versicherungsgesellschaft angestellt ist, "Eigenevaluationen" zur Effizienzsteigerung durchführt, aus eben jenem Grund auch Psychopharmaka nimmt und dabei in ihrer seelischen Verstümmelung ein durchaus komisches Bild des Spätkapitalismus abgibt, so Radisch. Durch diese "Entwirklichungshölle" folgt die Rezensentin Steinaeckers Heldin auf einer Geschäftsreise schließlich bis in einen Vergnügungspark in Russland, wo sie zwar ihre Kündigung erhält, aber beginnt eine Welt jenseits der Virtuellen wahrzunehmen. Dass Steinaecker über seine gewagte Konstruktion und seinen "elaborierten" Stil stets die Beherrschung behält, ringt der Kritikerin höchste Anerkennung ab.

Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 13.03.2012

Roman Bucheli hat die beiden ersten schwungvollen Drittel des Romans um eine Versicherungsverkäuferin trotz kleinerer Irritationen genossen und sich deshalb umso schwerer mit dem zähen Schluss getan. Renate Meißner heißt die Hauptfigur, die trotz beruflichem Erfolg psychisch ins Straucheln gerät, der sich bei einer Geschäftsabwicklung im russischen Samara die Wirklichkeit immer weiter verwirrt und die schließlich vom Versicherungsgeschäft und ihren Tabletten wegkommt, um das vorliegende Buch zu schreiben, erfahren wir. Hat der Roman zu Beginn noch Tempo und Spannung, so hat der Rezensent den Eindruck, dass Steinaecker seine Erzählfäden gerade dann aus dem Griff geraten, wenn der Heldin die Realität entgleitet. Das mag zwar programmatisch sein, liest sich aber nicht mehr halb so fesselnd wie der packende Anfang mit seinem scharfen Blick auf das Versicherungsgeschäft, findet Bucheli, der dann auch nicht mehr bereit ist, die wenig plausiblen Wendungen des Romans zu akzeptieren.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 10.03.2012

An das Ende aller Gewissheiten führt dieser Roman die Rezensentin. Dass Wiebke Porombka dabei nicht die Hoffnung verliert, liegt an Thomas Steinaeckers Art der schreibenden Selbstvergewisserung. Wenn uns Steinaecker seine Protagonistin, eine heillos ihr Leben durchkalkulierende Versicherungskarrieristin, auf das subkutane Grauen hin durchsichtig macht, das durch den medialen Schein nur umso deutlicher wird, denkt Porombka an Musils Geistesanalyse im "Mann ohne Eigenschaften", wie Steinaeckers Roman, ein meisterhaftes Lehrstück seiner Zeit.
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Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 03.03.2012

Dass Thomas von Steinaeckers Roman "Das Jahr, in dem ich aufhörte, mir Sorgen zu machen und anfing zu träumen" für den Leipziger Buchpreis nominiert ist, kann Rezensent Gustav Seibt zwar nachvollziehen, allzu sehr beeindruckt hat ihn dieses Buch allerdings nicht. Immerhin liest er hier ein gehaltvolleres Bild der Gegenwart, als es die meisten aktuellen Erzählungen vermitteln: Steinaecker berichte realistisch und detailfreudig von den menschenverachtenden Abläufen in der Versicherungsbranche, in der sich seine 42jährige Protagonistin Renate Meißner an die Grenzen ihrer psychischen Belastbarkeit gearbeitet hat, um schließlich im Zuge der Finanzkrise im Jahr 2008 entlassen zu werden. Renates emotionale Verkümmerung, ihre Zwänge, ihr Tablettenkonsum und ihre Selbstentfremdung werden nicht nur analytisch durch eine unglückliche Liebesbeziehung, die Scheidung ihrer Eltern und den Tod ihrer Mutter erklärt, wie der Rezensent berichtet, sondern darüber hinaus in der "märchenhaften" Entwicklung des Romans durch die Begegnung mit einer 97 Jahre alten Greisin, die Deutschland nach ihren Erfahrungen im KZ verließ, kuriert. Auch wenn der Roman den Kritiker durchaus in seinen Bann gezogen hat, ist ihm diese Mischung aus "Gaddis, Pynchon und W.G. Sebald" nicht tiefgründig genug.
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Rezensionsnotiz zu Frankfurter Rundschau, 02.03.2012

Den Titel des Buches - "Das Jahr in dem ich aufhörte mir Sorgen zu machen und anfing zu träumen" - findet Ulrich Seidler zwar "verschwatzt", das Buch dahinter gefällt ihm aber doch. Besonders fasziniert den Rezensenten Thomas von Steinaeckers Fähigkeit, sich konsequent in das "tote Seelenleben" seiner Protagonistin Renate Meißner hinein zu versetzen, die sich selbst und alles um sie herum zu optimieren versucht: pausenlos analysiert sie Risiken und evaluiert Kosten und Nutzen ihrer Strategien zur Selbst- und Fremdverwaltung. Der Rezensent lobt, wie es von Steinaecker gelingt, die extreme Entfremdung darzustellen, "ohne sie zu denunzieren".
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