Szczepan Twardoch

Die Nulllinie

Roman aus dem Krieg
Cover: Die Nulllinie
Rowohlt Berlin Verlag, Berlin 2025
ISBN 9783737102094
Gebunden, 256 Seiten, 24,00 EUR

Klappentext

Aus dem Polnischen von Olaf Kühl. Krieg, Kampf, das Dunkle im Menschen sind ein Lebensthema von Szczepan Twardoch, in all seinen Büchern. In den letzten zwei Jahren ist er als einziger westlicher Autor mehrmals mitten in den Krieg gereist, bis an die Nulllinie, die Front im Osten der Ukraine, war unterwegs mit Soldaten, Offizieren, einfachen Leuten wie Strategen. Er brachte Hilfslieferungen, sah das Sterben, war selbst in Gefahr.In diesem so erzählerischen wie existenziellen Buch schreibt Twardoch über den Krieg, blickt zurück, erzählt von seinen Großvätern, die in den Weltkriegen kämpften, betrachtet das 20. Jahrhundert und denkt mit Thukydides nach über die Gewalt. Reich durch seine Erfahrungen wie Lektüren, durch seine Gespräche mit Menschen, für die es um alles geht, ist dieser vom Erleben gespeiste Text eine große Erzählung über das Menschliche an sich, über Leben und Freiheit, Tod und Mut. Um was lohnt es zu kämpfen? Und was macht der Krieg mit dem Menschen, seiner Seele? 

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Rundschau, 23.08.2025

Kritiker Christian Thomas setzt seine Reihe der "kleinen Ukraine-Bibliothek" mit Szczepan Twardochs neuem Roman fort, der intensiv und anspruchsvoll von der vordersten Front des Krieges in der Ukraine erzählt. Twardoch hat an der Front recherchiert, das merkt Thomas den drastischen Schilderungen an: Kon, der Protagonist, hat eine Familiengeschichte, die ebenso komplex ist, wie die verschiedenen Identitäten seiner Kameraden im Krieg, die geeint sind im Kampf gegen die Russen. Dem Kritiker kommen die verschiedenen Szenen "scharf wie Splitter" vor, sie zeigen Krieg und Waffen in aller blutreichen Realität, sie zeigen aber auch, wie Kon im Zwiegespräch mit sich selbst zunehmend das Vertrauen in die Welt um sich herum verliert. Ein "schonungsloser Realismus", der kaum auszuhalten, aber gerade deshalb so wichtig ist, resümiert er. 

Rezensionsnotiz zu Die Tageszeitung, 05.07.2025

Eine "regressive Männerwelt" lernt Rezensent Jens Uthoff mit Szczepan Twardochs neuem Roman über die Front im Ukrainekrieg kennen: Der Protagonist, der Soldat Kon, kommt aus einer ukrainisch-polnischen Familie und ist als Freiwilliger in diesen brutalen Krieg gezogen, in dem es derb und dreckig zugeht. Von Frauen liest Uthoff hier nichts, aber von einer "gewissen Faszination für das Derbe", die sich an der Sprache ablesen lässt, davon, dass Intellekt an der Front nichts zählt, davon, dass sich Russland und die Ukraine nach dem Zusammenbruch der Ukraine gänzlich unterschiedlich entwickelt haben. An einigen Stellen ist dem Kritiker das Buch fast zu "effekthascherisch", aber dennoch kann der Autor ihm die Verrohung und die Furchtbarkeit des Krieges gut vermitteln.

Rezensionsnotiz zu Deutschlandfunk, 12.05.2025

Andrea Lieblang lernt in diesem Roman einiges über den Krieg in der Ukraine, das sie bisher nicht wusste. Und sie berichtet so atemlos darüber, dass man als Leser der Kritik schon von allein kapiert, wie spannend die Lektüre ist. Sie lernt zum Beispiel, wie heterogen die Kompanien an der "Nulllinie" der Front zusammengesetzt sind: Ukrainische Wehrpflichtige, alte Offiziere der Roten Armee, die jetzt gegen einstige Kameraden kämpfen, ausländische Freiwillige, auf die nie ganz Verlass ist. Kon, der Erzähler, ist als Pole ja einer von ihnen, berichtet die Rezensentin, und er handelt aus einem nicht näher erklärten Schuldgefühl. Lieblang lernt auch einiges über die Rolle der Drohnen in diesem Krieg, sicher die revolutionärste Neuerung dieses Kriegs, und es leuchtet ein, dass sie Twardochs Prosa in ihrer Präzision mit dem Kamerablick aus den Drohnen vergleicht. Es ist ein "Frontroman", der nichts beschönigt, so die Rezensentin am Schluss. Großes Lob spendet sie auch dem "begnadeten Übersetzer Olaf Kühl", der es schafft, das grobe "Polnisch, Ukrainisch, Russisch", das in diesem Roman gesprochen wird, überzeugend ins Deutsche zu transportieren. Aber "nicht alle Flüche hat er übersetzt, weil man beim Lesen vermuten kann, was sie in ihrer Derbheit bedeuten."

Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 08.05.2025

Szczepan Twardoch kennt Rezensentin Ilma Rakusa schon als Autor von Romanen mit höchst brisanten Themen, das ändert sich auch in diesem neuen Buch nicht, das die Grenzerfahrungen des Ukrainekrieges beschreibt. Sie merkt dem Buch an, dass sich der Autor selbst in die Gefahrenzone begeben und im Schützengraben mit den Soldaten gesprochen hat, aber in seiner psychologischen Dringlichkeit kann dieser Roman noch einiges mehr, lobt sie. Der Protagonist erzählt in der zweiten Person, was für Rakusa eine interessante Vermischung von Innen- und Außenperspektive darstellt: sie kann anhand seiner bewegten Front-Geschichte die "Nahkampf-Optik" des Krieges nachvollziehen, und lernt die verschiedenen Kämpfer kennen, die von abgestumpften Alkoholikern bis wilden Scharfschützen reichen. Twardoch vermag es zudem, die Zerrissenheit bezüglich der Ziele des Krieges und seiner Opferbilanz überzeugend darzustellen - für die Kritikerin in jedem Falle "starke Literatur."

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 30.04.2025

Alles in allem höchst angeregt, ja beeindruckt, berichtet der in Warschau lebende Journalist Gerhard Gnauck über diesen Roman. Mit dem Krieg entsteht auch das Genre des Kriegsroman neu, wenn man dem Rezensenten glauben will. Twardoch hat selbst Erfahrung, so der Rezensent, hat Crowdfunding betrieben und die Front beliefert. Ursprünglich hätte er den Krieg in Essays wiedergeben wollen, aber sein Wunsch der Wahrheit so nahe wie möglich zu kommen, habe ihn in die Fiktion getrieben. Und zwar mit großem Erfolg: Besonders mitreißend sind für Gnauck die Porträts der Soldaten, die mit ihren verschiedenen Hintergründen, nahe der "Nulllinie" der Front in großer Gefährdung ausharren und warten, warten, warten müssen. Wie sehr die "Action" in dem Roman eine Rolle spielt, ob gestorben wird, lässt Gnauck offen. Aber die Dichte der Erzählung, die literarische Kunst Twardochs, reihen die "Nulllinie" für in die großen Bücher, die bisher übe den Ukrainekrieg erschienen sind, eindeutig ein. Auch die Übersetzung lobt Gnauck - ein paar Fehler könnten aber in der wünschenswerten zweiten Auflage berichtigt werden.

Rezensionsnotiz zu Die Zeit, 24.04.2025

Szczepan Twardochs neues Werk könnte der große Roman zum Ukrainekrieg werden, glaubt die begeisterte Rezensentin Alisa Schellenberg. Er handelt von einem polnischen Mann namens Koń, der, gebildeter Großstädter, der er ist, meint, er sei fehl am Platz im Schützengraben.  Nun, ebendort gelandet, sinniert er über Leben und Krieg, während die russische Armee seine Stellung bombardiert. Twardochs Roman ist aber weit mehr als eine "Klassenanalyse", vielmehr geht es dem schlesischen Schriftsteller darum, das Menschliche von Soldaten im Angesicht des Todes zu schildern, erkennt die Kritikerin. Darüber hinaus beschreibt Twardoch schonungslos, mitunter "eklig", aber stets auf Grundlage eingehender Recherche an der Front, den brutalen Alltag im Krieg, fährt die Kritikerin fort, die auch Olaf Kühls brillante Übersetzung hervorhebt. Dass der Autor nicht nur die "Sprachwelt des Krieges" einfängt, sondern auch darüber nachdenkt, wie Soldaten sich in Friedenszeiten wieder in der Welt zurechtfinden - und schließlich auch Exkurse zu antiker Literatur einflicht, macht den Roman für Schellenberg zu einem Meisterwerk.

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