Klappentext

Die Moderne bietet dem Individuum vielfältige Möglichkeiten der Selbstverwirklichung. Weniger im Blickpunkt steht dagegen die dazu gehörende Möglichkeit des indivduellen Scheiterns. Die Beiträger dieses Sammelbandes gehen diesem "großen Tabu der Moderne" (Sennett) aus unterschiedlichen, disziplinären Perspektiven nach. Mit Beiträgen von Jürgen Reulecke, Martina Kessel, Sander L. Gilmann, Utz Jeggle, Rainer Pöppinghege, Andreas Bähr u. a.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Rundschau, 28.06.2005

Wenig begeistert zeigt sich Rezensentin Ute Esselmann von diesem Band über "Scheitern und Biografie", der ein gutes Dutzend recht unterschiedlicher Beiträge zu Formen des Scheiterns im Kontext von Arbeit und Leistung sowie Religion, Nation, Generation versammelt. Zwar findet sie die Beiträge nicht wirklich schlecht, den über den Alleingang des so undiplomatischen Philosophen Salomon Maimon etwa lobt sie als "spannend und rührend zugleich". Aber sie kritisiert zum einen, dass sich der Leser des Bandes einen zu hohen Teil seiner Aussagen "sauer" erarbeiten müsste. Den einen oder anderen Beitrag werde er anlesen, aber nicht durchhalten wollen. Zum anderen erfährt man zu ihrem Bedauern aus dem Buch nicht, "mit welchen Gefühlen man als Akademiker jahrelang und ohne Aussicht auf Besserung hinterm Steuer eines Taxis klemmt oder ehemalige Kommilitonen an der Supermarktkasse bedient, mit welchen Gefühlen, in welcher Verfassung man mitten im Leben bilanziert: 'habe nie geliebt' oder: 'bin immer allein gewesen'." Zu selten ist Esselmann vom Scheitern ganzer Lebensentwürfe, vom Verbittertsein und Liegenbleiben die Rede und so resümiert sie enttäuscht: "in der Summe ein lauwarmes Buch".

Rezensionsnotiz zu Die Zeit, 17.03.2005

Als "herausragende Neuerscheinung des Frühlings" würdigt Elisabeth von Thadden diesen Sammelband über ein Thema, das lange als "großes Tabu der Moderne" (Richard Sennet) galt: das Scheitern von Lebensentwürfen. Der Band widmet sich "individuellen und kollektiven Facetten des Misslingens" und Mustern "moderner Selbstidentifikation" wie Beruf, Arbeit und Leistung, Religion, Nation und Geschlecht. Zudem geht er der Geschichte der Vorstellung und Erfahrung einer Verknüpfung von möglichem weltlichen Glück mit der Biografie nach, die in der europäischen Moderne seit dem 18. Jahrhundert grassiert. Die versammelten Fallbeispiele verdeutlichen die Zusammenhänge von "Scheitern und Biografie". In diesem Zusammenhang erwähnt die Rezensentin den "glänzenden" Aufsatz der Historikerin Martina Kessel über Sebastian Hensel, ein Urenkel Moses Mendelsohns, der vor 150 Jahren seinen Weg aus dem Bildungsbürgertum in die Landwirtschaft, von dort zu einer Baugesellschaft, dann ins Hotelmanagement nahm. Sein Sohn, der Philosophieprofessor Paul Hensel, sah darin einen "Lebenslauf in absteigender Linie", ein Urteil, dem sich Kessel nicht anschließen möchte. Thadden hebt weiterhin Renate Liebolds Beitrag über die Dilemmata heutiger männlicher Führungskräften hervor, deren beruflicher Erfolg oft mit einem Scheitern als Familienvater und Ehemann einhergeht. Sie notiert ferner einen im Band festgestellten Wandel der Bedeutung des Begriffs vom Scheitern, das fast gleichbedeutend wird mit dem Versuch, "das Leben immer neu zu erfinden". Kritisch sieht Thadden die methodische Festlegung der Herausgeber, das Scheitern im Anschluss an Wittgenstein an die Sprache zu binden, wobei sie festhält, dass sich die Beiträge "zum Glück" die Freiheit nehmen, ihre Gegenstände rundum zu ergründen. Insgesamt attestiert dem Band eine beachtliche Wirkung: gleich der antiken Tragödie wecke er im Leser jene "machtvollen Gefühle von Furcht und Mitleid, welche die Seele aufklären und stärken können"